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Letzte Ausfahrt Wunderland

06.08.2009 | 18:45 Uhr

Horst Schlämmer, die Schlämmermania und die Sehnsucht nach der Wahrheit

Das ist Postmoderne: Die Ironie der Geschichte besteht heute oft darin, dass es sich um bitteren Ernst handelt. Ausgerechnet Christdemokraten drehen krumme Spendendinger. Ausgerechnet Sozialdemokraten machen Unternehmen die größten Steuergeschenke. Ausgerechnet Grüne propagieren Kriegseinsätze.

Da wird es schwierig, Satire und Politik zu unterscheiden. Der „Borat”-Komiker Sacha Baron Cohen bekommt Drohungen von den Al-Aksa-Brigaden. Und wenn Hape Kerkeling Kanzlerkandidat spielt, strömen Hauptstadtjournalisten zur Pressekonferenz, um sich von Horst „Schätzelein” Schlämmer strubbelig quatschen zu lassen; zwei Nachrichtensender übertragen live, wie im echten Politikbetrieb.

Verwechselungen von Wirklichkeit und Fiktion hat es immer gegeben. Als Goethes „Werther” erschien, ging eine Selbstmordwelle durchs Land. Menschen, die in Kriminalfälle verwickelt waren, schrieben an Sherlock Holmes. Oft drückt sich in derlei Wirklichkeitsverlust ein Mangel der realen Welt aus, der auf ohnmächtige Weise erfahren wird. Letzte Ausfahrt Wunderland. So wirft Horst Schlämmer ein Licht auf die Politik: Der Mann ist ja nicht trotz Schnappatmung und Schnäuzer beliebt, sondern gerade weil er daraus keinen Hehl macht. Weil er, komisch genug, ehrlich scheint. Anders als aalglatte Politiker, die wirken, als gingen sie alle zum selben Frisör.

Wirtschaftsminister zu Guttenberg zeigt, dass es schon reicht, anders als die anderen und authentisch zu wirken, um beliebter zu werden als alle. Aus dem unechten Mund von Horst Schlämmer aber dringt, ironisch, Wahres. Dinge, die fast jeder weiß, und die sich einfach nicht ändern wollen, nicht mal durch öffentliches Aussprechen. So steckt in der Schlämmermania auch ein Stück Ohnmacht, die in Gefühl umgeschlagen ist.

Und doch: So sehr sich die Menschen nach Politikern sehnen, die zur Wahrheit stehen – wer es tut, riskiert abgestraft zu werden. Von Angela Merkel werden wir vor der Wahl also kaum zu hören bekommen, was danach auf uns wartet. Vor vier Jahren, als sie das getan hat, wäre sie beinahe daran gescheitert. Das ist die wahre Ironie.

Jens Dirksen

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