Lesehungrige satt machen
14.10.2008 | 19:30 Uhr 2008-10-14T19:30:36+0200Wie ein Erdbeben: Das gedruckte Buch als E-Book
Das gedruckte Buch ist wie unser Tischbesteck - Messer und Gabel sind ja ebenfalls perfekt. An ihnen kann man noch ein bisschen feilen, aber neu erfunden werden müssen sie nicht. So hat es der Philosoph und Festredner Umberto Eco vor Jahren festgestellt, als die neu gebaute Bibliothek von Alexandria einzuweihen war.Aber auf der Frankfurter Buchmesse hat sich heute unter den Verlegern und Händlern eine Unruhe breit gemacht, wie man sie sonst von Katzen und Hunden vor Erdbeben kennt. Ecos Einsicht von Alexandria ist hier nur noch eine steile These auf der nach oben hin offenen Dichter-Skala: Das E-Book kommt! Das Ein-Seiten-Buch mit dem Bildschirm, in dem etliche Dutzend Bände Platz haben. Das Handy unter den Büchern, dessen Inhalt elektronisch und mobil aus dem Netz heruntergeladen werden kann.
Das Vorbeben von Frankfurt bedeutet aber keinen Medien-Urknall, sondern nur die nächste Stufe der technischen Evolution: Die Verschmelzung der Gutenberg-Galaxis mit dem Computer-Kosmos schreitet weiter voran. Aber die Buchwelt, und das war schon vor der genialen Druck-Erfindung des Johannes Gensfleisch Gutenberg so, ist eh ständig in Bewegung. Heute wird im Handel ein Buchladen nach dem anderen an die Kette gelegt, und der heißt dann Weltbild oder Thalia statt wie der Mensch, dem sie mal gehörte. Buchproduktions-Riesen wie Bertelsmanns Random House oder die Stuttgarter Holtzbrinck-Gruppe verwandeln einen selbständigen Verlag nach dem anderen in Konzernabteilungen. Eine heile Buchwelt geht in die Brüche - aber nur, weil die Kunden woanders hingehen.
So könnte sich auch eine vermeintliche Revolution wie das E-Book als eine bloße Produkt-Optimierung entpuppen, als Schweizermesser unter den Bestecken dieser Welt. Schließlich geht es nicht um das Buch als solches, sondern um das, was es auftischt. Das gedruckte Buch ist nicht aus Liebe zum Markt ein Jahrtausend-Medium geworden, sondern weil es Wissen und Phantasie handlich und preiswert gemacht hat, weil es Lesehungrige satt gemacht hat mit Bildung. Ob mit Bleisatz oder Bits und Bytes, ist da nur noch eine Geschmacksfrage.
j.dirksen@nrz.de
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