Kleiner Schritt für einen Politiker
20.07.2009 | 18:01 Uhr 2009-07-20T18:01:00+0200
Aber ein großer für die Beziehungen Spaniens zu Gibraltar. Erstmals betritt ein Politiker aus Madrid den Mittelmeerfelsen.
Bis gestern war Gibraltar eine No-go-Area für spanische Politiker. Ab heute nicht mehr. Spaniens Außenminister Miguel Ángel Moratinos wird an diesem Vormittag als erstes Mitglied einer spanischen Regierung seinen Fuß auf Gibraltarer Boden setzen, um sich dort mit seinem britischen Kollegen David Miliband und dem Gibraltarer Premier Peter Caruana zum dritten „Dialogforum” über trilaterale Fragen zu treffen. Ein weiterer, hoch symbolischer Schritt auf dem Weg zu mehr Normalität im spanisch-gibraltarischen Miteinander.
Gibraltar ist ein sechseinhalb Quadratkilometer großer Flecken an der äußersten Südspitze der Iberischen Halbinsel, in Blickweite der nordafrikanischen Küste. Die Felsenhalbinsel wurde 1704 im Laufe des Spanischen Erbfolgekrieges von britischen Truppen erobert und 1713 im Vertrag von Utrecht dem britischen Empire zugesprochen. In den vergangenen dreihundert Jahren ist aus dem Miniterritorium eine eigene kleine Welt geworden.
Normalisierung im Schneckentempo
Die 29 000 Einwohnter des Felsens mit britischen, spanischen, portugiesischen, genuesischen, maltesischen oder arabischen Wurzeln sprechen Englisch mit britischem oder Spanisch mit stark andalusischem Akzent oder eine Mischung aus beidem, was sie „Llanito” nennen. Was die Bewohner eint: dass sie keine Spanier sein wollen.
Briten Staatsbürger wollen sie im Grunde auch nicht sein, aber den britischen Pass nehmen sie hin, weil er sie davor bewahrt, Spanier zu sein. Spanien hat die gibraltarische Mentalität nie verstanden. Aus spanischer Sicht ist Gibraltar noch immer ein besetztes Stück Spanien, das es zurückzuerobern gilt. Früher geschah das, erfolglos, mit kriegerischen Mitteln. Franco versuchte später, die Gibraltarer weichzuklopfen, indem er die Grenze schließen ließ. Das war vor vierzig Jahren, und es bestärkte die Gibraltarer nur in ihrem antispanischen Ressentiment. Seit 1985 ist die Grenze wieder offen. Seitdem geht die Normalisierung der Verhältnisse im Schneckentempo voran.
Anfang des Jahrzehnts wollte Spaniens konservativer Premier Aznar (1996 bis 2004) seinen britischen Freund Blair noch vom Konzept der „geteilten Souveränität” über Gibraltar überzeugen, aber das überzeugte die Gibraltarer nicht, weswegen die Idee wieder in der Schublade verschwand. Erst die jetzige sozialistische Zapatero-Regierung wagte einen neuen Ansatz in ihrer Gibraltar-Politik: Sie beschloss zu vergessen, dass Gibraltar spanisch sei (ohne diesen Anspruch prinzipiell aufzugeben), und suchte stattdessen das Gespräch über praktische Fragen des Zusammenlebens. Als Plattform dafür erfand sie das spanisch-britisch-gibraltarische „Dialogforum”, das 2006 zum ersten Mal in Córdoba tagte, 2008 zum zweiten Mal in London und nun zum dritten Mal in Gibraltar.
Weg vom Ruf einer Steueroase
Auf diesen Foren werden nicht nur Freundlichkeiten ausgetauscht, sondern wirkliche Fortschritte erzielt. Der bemerkenswerteste gleich beim ersten 2006: Seitdem erlaubt Spanien Direktflüge von spanischen Flughäfen nach Gibraltar. Erst bediente Iberia knapp zwei Jahre lang die Strecke Madrid-Gibraltar, seit diesem Jahr bietet eine kleine andalusische Airline Flüge von Madrid und Barcelona nach Gibraltar an. Womit der Felsen wieder etwas näher an Spanien gerückt ist.
Auf dem heutigen Dialogforum wird es unter anderem um Steuer- und Finanzpolitik gehen. Gibraltar versucht gerade den Rest der Welt davon zu überzeugen, dass es keine Steueroase mehr sei. Ein Steuerabkommen mit Spanien, dem bisher schärfsten Kritiker der gibraltarischen Finanzpolitik, würde das Ansehen des kleinen Finanzplatzes Gibraltar erheblich verbessern. Das sind kleine Schritte der Annäherung mit großer praktischer Wirkung. NRZ
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