Das aktuelle Wetter NRW 16°C
DER BÜRGERBUS

Helden der Landstraße

12.03.2008 | 16:58 Uhr
Helden der Landstraße

Wo das Nahverkehrsnetz dünn wird, fahren die Bürgerbusse. Die Heimat ist mitgefahren - von Kervenheim nach Kevelaer nach Winnekendonk nach Sonsbeck nach Labbeck und schließlich nach Uedem.

Plötzlich kam der Bus nicht mehr. Mitte der 90er wurde Twisteden vom Nahverkehrsnetz abgetrennt. Sollten die Einwohner des Dorfes bei Kevelaer für immer aufs Auto angewiesen sein? Nein, denn sie fanden eine Alternative: den Bürgerbus, gefördert von Land und Kommune, gefahren von Ehrenamtlichen. Inzwischen gibt es in vier Kevelaerer Stadtteilen Bürgerbusse – das einzige zusammenhängende Bürgerbus­system des Landes. 78 solcher Busse gibt es in NRW. Sie haben 2007 mehr als eine Million Menschen befördert. Und dieses Jahr ist die Heimat mitgefahren.

7.55 Uhr: Kervenheim

Hier ist das Zuhause des Kervenheimer Bürgerbusses, in diesem Holzschuppen verbringt er seine Nächte. Und aus diesem Holzschuppen hat Herbert Lindemann ihn geholt. Für die erste Fahrt des Tages - zum Bahnhof in Kevelaer. Lindemann (66) fährt seit einem guten halben Jahr. „Seit ich Rentner bin. Das ist eine schöne Abwechslung. Und außerdem kegle ich zusammen mit dem Vorsitzenden unseres Vereins. Deshalb war irgendwann klar, dass ich Fahrer werde.“ Nun ist er einer. Einer von 34 beim Kervenheimer Bürgerbus.Lindemann startet den Motor, fährt los. „Bitte anschnallen“ steht auf einem Aufkleber. „Aber das klappt nicht immer“, erklärt Lindemann. „Es fahren ja auch Behinderte mit und Mütter mit Kinderwagen.“ Eine Minute durch Kervenheims enge Gassen. „So, das waren schon zwei Haltestellen, nirgendwo stand jemand“, sagt der ehemalige Küchenplaner fröhlich.  Zwei Haltestellen? Wirklich? Das Netz des Bürgerbusses ist dicht geknüpft. Dann spricht Lindemann wieder: „Da ist die dritte. Wahrscheinlich... Ah, doch!“ Schon kommen die ersten Gäste an Bord, an der Haltestelle Wallstraße, Simone und Lea Schmitz. Die fünfjährige Lea ist auf dem Weg zum Kindergarten in Kevelaer. Ihre Mutter bringt sie hin. Und Lea freut sich: „Ich fahre gern mit dem Bus. Ich möchte nämlich immer so gerne nach draußen schauen.“Das lohnt sich heute Morgen besonders, denn während der Bürgerbus-Sprinter über die Feldwege zwischen Kervenheim und Kevelaer rollt, geht hinter den reifbedeckten Wiesen orange-rot die Sonne auf. Ein traumhafter Vorfrühlingstag beginnt. Drinnen, im Bus, ist es eher unspektakulär: acht Sitze, gewagt bunt gemus­tert im grünblau-schwarzen Tigerstreifen-Design.Dann die Haltestelle Verhülsdonk. Einöde, nur ein einzelner Bauernhof. Und ein junger Mann, der zusteigt. Hatte Lindemann nicht erzählt, die meisten Fahrgäste seien älteren Semesters? Es liegt wohl an der Tageszeit. „Ich habe bei meiner Freundin übernachtet“, erzählt der junge Mann, David Greenwood (24). „Die wohnt mitten in der Pampa. Aber jetzt muss ich zur Arbeit in Goch. Zum Restaurant Heidestübchen.“ Dort macht Greenwood eine Ausbildung als Systemgastronom. Nicht alle sind so mitteilsam am frühen niederrheinischen Morgen. René Bergmann zum Beispiel liest lieber sein Pokémon-Heft, als zu reden. Und gibt, notfalls, ziemlich kurze Antworten: „Muss zur Schule. Mein Fahrrad wurde geklaut. Aus der Garage.“ Zwei gute Gründe für schlechte Laune.Noch ein Stück über Land.  Im Bus dudelt leise das Radio. WDR 4, passend zur Landromantik: Feldwege, am Rand picken Hühner im Boden herum. Eine einsame Walker­in schwingt die Stöcke. Dann hält der Bus wieder. Eine Ampel. Der Bürgerbus ist in Kevelaer.

8.17 Uhr: Kevelaer

Umsteigen. Der Bürgerbus Winnekendonk wartet schon am Straßenrand. Er ist auf dem Weg nach Sonsbeck - und voll besetzt. „Manchmal ist er sogar überladen“, sagt Karl Verweyen (73) aus Winnekendonk, der am Steuer sitzt. Was er dann tut? „Mehr Leute mitnehmen, als Plätze da sind, ist gegen die Regeln.“ Verweyen ist ein Charakterkopf, knorrig und beliebt. „Ein echter Niederrheiner“, sagen auch die echten Niederrheiner im Bus. Es klingt respektvoll.Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass seine Fahrgäste für den ehemaligen Rettungswagen-Fahrer die Könige sind. „Der Herr ist sehr flexibel“, lobt Frisörin Teresa Fiorito (37). „Man wird da abgesetzt, wo man hin will.“ In ihrem Fall heißt das: vor Haardesign Denise in Winnekendonk. Eigentlich soll der Bus nur an den offiziellen Haltestellen stoppen, wegen der Versicherung. Verweyen ist das egal. „Das is‘n Bürgerbus“, knurrt er. „Ich bin für die Bürger da.“Zweimal pro Woche ist er im Dienst, immer von 6 bis 9 Uhr. Wie lange noch? „Bis sie mich abkürn“, sagt er gespielt grimmig. Eine ältere Dame in der ersten Reihe lacht. „Wenn es nach den Ärzten geht, fahre ich nicht mehr lange“, erzählt Verweyen dann. „Die haben mir nahegelegt, damit aufzuhören. Aber ich bin gesund, und ich habe Spaß daran. Also mache ich weiter.“ Der Gedanke ans Aufhören ist ein ständiger Begleiter für die Fahrer. Denn die meisten sind Männer im Rentenalter. „Vom 60. Lebensjahr an wird man jedes Jahr untersucht“, berichtet Hans Wans (65) der Verweyen in Winnekendonk am Steuer ablöst. „Die sind ziemlich streng.“ Wans musste sogar schon einmal für mehrere Monate aussetzen. Ein Augenleiden.Dann ist auch diese Fahrt vorbei: Aussteigen, warten auf die Weiterfahrt nach Labbeck. 42 Minuten lang. Die Bürgerbusse der Kevelaerer Ortsteile mögen aufeinander abgestimmt sein, am Niederrhein insgesamt gibt es kein zusammenhängendes Bürgerbusnetz.

9.32 Uhr: Sonsbeck

Der Bus kommt. Bunt beklebt wie die anderen auch. Mit Werbung. Für ein Autohaus, eine Tankstelle, einen Campingplatz und andere heimische Unternehmen. Die lokale Wirtschaft hilft bei der Finanzierung, denn die Einnahmen aus dem Fahrkartenverkauf allein reichen nicht. Kein Wunder bei diesen Preisen: Kleine Kinder und Behinderte zahlen gar nichts, Jugendliche  50 Cent, Erwachsene 50 Cent innerhalb einer Ortschaft, einen Euro von Ort zu Ort und 1,50 Euro für lange Strecken wie von Sonsbeck nach Xanten. Bleibt am Ende ein Defizit, springt die Gemeinde ein.Diesen Bus fährt eine Frau, eine von etwa zehn in Sonsbeck. Ein Drittel der Ehrenamtlichen ist hier weiblich. Anderswo ist es ähnlich.Die Frau ist 61, keine Rentnerin, und sie hat einiges zu erzählen. Nur ihren Namen, den möchte sie nicht in der Zeitung lesen. Ob es an ihrer Geschichte liegt? „Es ist schön, wenigstens etwas Ehrenamtliches tun zu können“, sagt sie nämlich. „Ich habe aufgehört, um einen echten Job zu kämpfen. Mit 46 hat man mir schon gesagt: Was wollen Sie? Ich brauche eine jüngere. Nu ist der Zug abgefahren.“ Und sie fährt Bus.Die Haltestelle Labbeck Kirche. Eine alte Dame steigt ein, Maria Schmelzer (86). Sie zahlt und wirft eine Münze in das Sparschwein neben der Fahrerin. „Weil die so nett sind. Und weil der Bürgerbus mir hilft, flexibel zu bleiben.“ Und den Ehrenamtlichen hilft das Trinkgeld, neben der Arbeit auch ein bisschen Vergnügen zu haben: „Davon feiern wir einmal im Jahr ein gemütliches Beisammensein.“

9.41 Uhr: Labbeck

Am Labbecker Campingplatz Kerstgenshof trifft der Sonsbecker auf den Uedemer Bürgerbus - direkter Anschluss in Richtung Uedem.Hier ist die Spardose kein Schwein, sondern ein Herzchen mit Pferd oben drauf. Sonst ist alles wie in den anderen Bürgerbussen auch: ziemlich klein und sehr persönlich.Wer mitfährt, ist oft Kunde und Fan zugleich. Wie Johanna Tenhagels (81) aus Uedemerbruch: „Ich habe schon immer für den Bürgerbus gekämpft. Und die Leute haben mich ausgelacht. Aber jetzt fährt er.“ Der Uedemer Bus ist einer der jüngsten am Niederrhein. Gerade hat er sein zweites komplettes Jahr hinter sich gebracht. Doch die Skeptiker lachen nicht mehr. Denn der Bus schickt sich an, eine Erfolgsgeschichte zu werden: 2.700 Fahrgäste hat er im Jahr 2006 transportiert - 2007 waren es schon 4.400. Dazu kamen 9.000 Schülerfahrten. Ob die Fahrgastzahlen weiter steigen? Zumindest sind in diesem Jahr schon zwei Heimat-Reporter mitgefahren, die 2007 nicht an Bord waren...

Helden der Landstraße

HOLGER HANDSTEIN

Facebook
 
Kommentare
Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/1450917/create

Umfrage

Hat Schweden zurecht den ESC gewonnen?

 
Aktuelle Fotos und Videos
Wohngemeinschaft
Bildgalerie
Tag der Begegnung
Ornette Coleman beim Moers Festival
Bildgalerie
Fotostrecke
Moersfestival am Sonntag
Bildgalerie
Festival
39. Moers Festival
Bildgalerie
Musik
Aus dem Ressort
Präses Schneider: Gott will keinen Krieg
Video
Afghanistan-Debatte
Der Präses der Evangelischen Kirche im Video
Diether Posser - ein Anwalt der Humanität ist tot
Nachruf
Essen. 24 Jahre war er Landtagsabgeordneter, drei NRW-Landesregierungen gehörte er als Minister an. Ende der siebziger Jahre wäre er beinahe Ministerpräsident geworden. Am Samstag ist der Essener SPD-Politiker Diether Posser mit 87 Jahren in einem Pflegeheim gestorben.