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Gasröhre unterm Ruhrgebiet

29.08.2008 | 18:54 Uhr
Gasröhre unterm Ruhrgebiet

RWE legt Grundstein für neues Kraftwerk in Hamm und will außerdem das erste CO2-freie Großkraftwerk bei Köln bauen.

HAMM. Die Gelegenheit war günstig. Mit der Kanzlerin war hoher Besuch aus Berlin angereist und mit dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers und weiteren 300 Gästen auch sonst Prominenz bei der Grundsteinlegung zum neuen RWE-Steinkohlekraftwerk in Hamm reichlich vertreten. Konzernchef Jürgen Großmann, der natürlich um die Wirkung solcher Events weiß, nutzte die Gelegenheit und gab gleich ein neues Megaprojekt des zweitgrößten Energiekonzerns bekannt: den Bau des ersten CO2-freien Großkraftwerks auf Kohlebasis.

Glaubt man RWE-Ingenieuren, ist das mit dem Klimaschutz kein unlösbares Problem. Der Klimakiller CO2, der bei der Verstromung von Kohle in Großkraftwerken entsteht, lässt sich nach ihrer Lesart abtrennen oder auswaschen und sicher in der Erde verbuddeln.

Breite Unterstützung angemahnt

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Neue Technologie

CO2 ist ein Gas, das als umwelt- und klimaschädlich gilt, weil es zur Erwärmung der Erde beiträgt. Wegen der hohen Konzentration von Kraftwerken an Rhein und Ruhr, insbesondere der Braunkohlenmeiler, produziert Nordrhein-Westfalen am meisten hiervon. Der RWE arbeitet für ein CO2-freies Kraftwerk an der von Fachleuten IGCC genannten Technologie. Dabei wird die Kohle nicht verbrannt, sondern vergast. Das Rohgas enthält Kohlenmonoxid. Durch die Zugabe von Wasserdampf wird Kohlenmonoxid in Kohlendioxid (CO2) umgewandelt, das leicht abgeschieden und verflüssigt werden kann. Gelagert werden soll das CO2 in tief gelegenen Gesteinsschichten. RWE Dea hat in Schleswig-Holstein die Genehmigung beantragt, solche Formationen auf Eignung als Speicher zu untersuchen. (hwb/NRZ)

RWE will das erste Kraftwerk mit dieser Technologie und einer Leistung von 450 Megawatt mit Braunkohle befeuern und bis Ende 2014 im rheinischen Revier in Hürth bei Köln bauen Großmann machte sich die Feierlaune bei dem Festakt zunutze, um auch im Beisein von Kanzlerin Merkel „eine breite Unterstützung” anzumahnen. Diese wird der Konzern für die Umsetzung des zwei Milliarden Euro teuren Projekts bitter nötig haben. Das nach der Vergasung der Braunkohle in dem neuen Meiler abgetrennte CO2 soll nämlich über eine neue Pipeline quer durchs Ruhrgebiet nach Schleswig-Holstein transportiert und dort in unterirdischen Speichern gelagert werden.

Das Raumordnungsverfahren für die Pipelinetrasse will RWE nach Möglichkeit noch in diesem Jahr einleiten. In Nordrhein-Westfalen gab es in der Vergangenheit indessen erheblichen Widerstand gegen Chemie-Pipelines zum Beispiel gegen eine vom Bayer-Konzern geplante Leitung. Der Chemieunfall in Mönchengladbach heizte die Diskussion zusätzlich an - auch wenn dabei „nur” CO2 austrat. CO2, wie es bei der Verbrennung etwa von Kohle entsteht, ist nicht giftig, kann allerdings in sehr hohen Konzentrationen die Atemluft nehmen und zu Erstickungen führen.

Für das Gelingen und die geplante Fertigstellung des Kraftwerks bis Ende 2014 sei vor allem die öffentliche Akzeptanz der neuen Technologie entscheidend, warb Johannes Lambertz, Chef der RWE Kraftwerkstochter RWE Power. Potenzielle Speicherstätten für das Klimagift soll die RWE-Explorationstochter DEA erkunden. Infrage kommen besonders geeignete geologische Gesteinsschichten, wo oftmals früher Öl oder Gas gefördert worden ist.

Mit der Entscheidung für den Standort Goldenbergwerk im rheinischen Revier will der RWE-Konzern ein Bekenntnis zur Braunkohle als heimischen Energieträger abgeben. „Wir wollen der Braunkohle damit bewusst eine weitreichende Zukunftsperspektive geben”, formulierte es RWE-Manager Lambertz. Auch die Kanzlerin legte sich bei der Grundsteinlegung auf die weitere Nutzung von Kohle zur Stromerzeugung fest. Wer den Neubau von Kohlekraftwerken verhindere, nehme „schwere Risiken für Wirtschaft, Arbeitsplätze und die Zukunft Deutschlands” in Kauf, sagte sie. Dagegen kritisierten Umweltschutzorganisationen und die Grünen die neuen Kohlenmeiler. Der „vermeintliche technische Fortschritt” der Anlagen, die den eingesetzten Brennstoff besser ausnutzen als alte Kraftwerke, sei minimal, bemängelte Grünen-Fraktionschef Fritz Kuhn in Berlin. Stattdessen werde eine „völlig unzureichende Struktur der Energienutzung für die nächsten 50 Jahre festgeschrieben”. Und Kuhn setzte noch eins drauf: die Teilnahme Merkels an der RWE-Feier wertete er als „Armutszeugnis für die Klimakanzlerin”.

23 Kommunen beteiligt

Das Kraftwerk in Hamm an dem auch insgesamt 23 Kommunen beteiligt sind, kostet über zwei Milliarden Euro. Der erste Strom soll Mitte 2011 ins Netz eingespeist werden. Das Kraftwerk ist nicht CO2-frei. Dank moderner Technik werden aber rund 2,5 Millionen Tonnen in die Luft geblasen als bei entsprechenden Altanlagen. (NRZ)

Hans-Willy Bein

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