Einfach mal was Neues machen
16.10.2009 | 18:59 Uhr 2009-10-16T18:59:00+0200Pater Eberhard von Gemmingen (73), Chef des deutschen Programms, nimmt nach 27 Jahren Abschied von Radio Vatikan
Er wollte einfach mal was Neues machen. Mit siebzig hat er's schon versucht, sagt er, doch die Suche nach einem Nachfolger hat sich hingezogen, darüber ist er dreiundsiebzig geworden, aber jetzt geht er. Nach 27 Jahren als Chef der deutschsprachigen Abteilung von Radio Vatikan, als deutsche „Stimme des Papstes und der Weltkirche”, verabschiedet sich Eberhard von Gemmingen aus Rom.
Ruhestand? Von wegen. „Mich hinsetzen und nix tun, das würde mir nichts nützen; ich halt's auch für unverantwortlich für einen Priester.“ Außerdem hat er überhaupt nichts von alt, der Jesuitenpater und Freiherr aus dem „uradeligen schwäbisch-fränkischen Geschlecht derer von Gemmingen-Hornberg”.
Gut, schüttere graue Haare hat er. Aber die mikrofongewohnte Stimme klingt mindestens zwanzig Jahre jünger, als zu erwarten wäre. Und im Vatikan, inmitten dieser angeblich würdevollen, meist aber nur frömmelnd-steifen Welt voller gestärkter Priesterkrägen, hat sich der „Pater”, wie ihn die sechs noch jüngeren Leute seiner Redaktion nennen, die Ungezwungenheit bewahrt, das Lachen, den mitunter ironischen Unterton. Den Weihrauch lässt Gemmingen in der Kirche; bei der journalistischen Arbeit würde er nur die Sicht vernebeln.
Gemmingen ist kein Missionar. „Informieren” will er. „Präzise, sauber informieren” über das, was Papst und Kirche sagen: „Auch wenn die Leute meinen, der Vatikan spinnt, so sollen sie doch die genauen Argumente dafür kennen, warum er dies und jenes so oder so sagt.”
Aber wie viele Leute hören die alltägliche halbe Stunde im deutschen Programm von Radio Vatikan? „Verdammt wenige”, sagt Gemmingen, „300000 Leute, ein Prozent der deutschsprachigen Katholiken.” Vor seinem Abgang aber, sagt er, „werde ich dem Benedikt schon noch sagen, dass er bei seinen eigenen Leuten mal auf den Busch klopfen soll. Die könnten dafür sorgen, dass es zwei Prozent werden. Die müssten nur mal die vielen Rompilger über Radio Vatikan informieren, über dessen gut gepflegte Internetseite auch. Aber da geschieht ja nix. Gar nix”.
Immerhin: den Pater selbst, den kennt man in Deutschland aus dem Fernsehen. Bei „Kerner“ war er zum Beispiel, als es im Frühjahr um die Piusbrüder ging. Ab und zu kommentiert er Papstmessen und Papstreisen. Als Benedikt XVI. ins Amt kam, hat Gemmingen ihn zusammen mit einigen deutschen TV-Granden interviewt. Doch während diese, die Vertreter des weltlichen, journalistisch unabhängigen Fernsehens, dem weißen Mann ehrfürchtig gegenübersaßen, brachte ausgerechnet der Mann von Radio Vatikan Leben und Lächeln in die Szene.
Gar nicht lächeln aber kann Gemmingen, wenn er an die „Holperer“ in der Medienarbeit des Vatikan selbst denkt: Die unerklärte Sache mit Aids und den Kondomen, die „nicht aufgefangene” Regensburger Rede Benedikts mit dem fatalen Satz über den Islam, die ohne Erläuterung in den Raum gestellten, bei Protestanten übel aufgenommenen Sätze, dass die Evangelischen „keine Kirche im eigentlichen Sinne” seien, die endlosen Pressekonferenzen im Vatikan, die nur für Spezialjournalisten verständlich sind – so vieles, sagt Gemmingen, „ist da sehr wenig professionell”, oder gar „extrem ungeschickt”.
Immerhin: die deutsche Abteilung von Radio Vatikan hat sich unter Gemmingens breiten Schultern eine Menge journalistischer Freiheit bewahrt. Rüffel von oben? „Aber nein. Selten eine kleine Anfrage: Musstet Ihr die oder jene Meldung wirklich bringen?” Gemmingens Redaktion erlaubt es sich sogar, zu berichten, was staatliche oder andere kirchliche Stellen am Vatikan bemängeln: „Für mich“, sagt Gemmingen, „gehört solche Kritik zu einer präzisen Information unserer Hörer, und das wird von unserer Führung akzeptiert.”
Bleibt das so unter Gemmingens 41-jährigem, im Vatikan ganz unerfahrenem Nachfolger Bernd Hagenkord? „Ich hoffe es. Ich würde es dem Vatikan raten, wenn er die Qualität des deutschsprachigen Programms erhalten will.”
Gemmingen selbst wechselt nach München. Er macht „Fundraising“; er versucht Spenden zu sammeln für die Arbeit der Jesuiten in Deutschland. Ob er weiterhin ab und zu im Fernsehen zu sehen sein wird? „Wenn die mich anfragen, ja. Aber mein Nachfolger kann das auch.”
Mehr Infos: www.radiovaticana.org
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