Eine Tafel nur für Kinder
18.05.2009 | 18:00 Uhr 2009-05-18T18:00:00+0200„Klartext für Kinder - Aktiv gegen Kinderarmut!” startet in Moers ein Pilotprojekt. Mit Profi-Köchen und vielen Ehrenamtlern
Moers. „Täfelchen” wäre vielleicht passend – wenn es nicht so niedlich klingen würde. Wir sprechen von Knirpsen, die in Kindergärten und Schulen beim Mittagessen zugucken müssen und sich über die Reste hermachen. Von Jugendlichen, die bestenfalls am Monatsanfang noch Pommesgeld kriegen. Das ist nicht niedlich, das ist Alltag an Rhein und Ruhr. Der erste Armutsatlas des Paritätischen ist stummer Zeuge. Gut, dass der Mensch zwischen Düsseldorf, Essen und Emmerich deshalb das Menschsein nicht vergisst. Der von der NRZ initiierte Verein „Klartext für Kinder - Aktiv gegen Kinderarmut!” gründet die erste Moerser Kindertafel. Schon übermorgen, an Christi Himmelfahrt, geht's los. Nach zwei ähnlichen Projekten in Kamp-Lintfort und Neukirchen-Vluyn macht „Klartext für Kinder” den nächsten Schritt. Zweimal rettete der Verein kraft seiner Spender und Freunde Mittagstische vor dem finanziellen Exitus. Der Bedarf steigt, die Mittel schrumpfen. Diesmal schafft „Klartext” etwas völlig Neues. Mit ihm die Leserinnen und Leser der NRZ und starke Kooperationspartner: Im Boot sitzen das Team der Moerser Tafel und die Caritas.
Familien, die sonst niemand erreicht
Die Resonanz vor Ort ist sensationell. Vielleicht, weil sich das Angebot nicht an eine geschlossene Gesellschaft richtet. „Jeder zwischen drei und 18 Jahren ist willkommen”, sagt Heike Marschmann vom Klartext-Verein. „Und wenn die Kinder noch zu klein sind, kommen Mamas oder Papas eben mit.” Die agile 45-Jährige managt daheim einen Haushalt mit fünf Kindern, in dem ehemaligen Pfarrheim im Moerser Stadtteil Vinn dürfen es ruhig mehr werden. Zumal sich nach einer ersten Veröffentlichung im Moerser Lokalteil der NRZ über 50 Menschen meldeten, die irgendwie helfen wollen.
Zu tun gibt's ja genug. Getränkehändler wollen den Tafeldurst löschen, private Sponsoren Anschubhilfe leisten. Geschirr, Besteck, eine Spülmaschine, Profi-Behälter, die Liste ist lang – und fast schon abgearbeitet. Horst Günter Schürings hat vor vielen Jahren die Moerser Tafel aufgebaut. Ihn wundert der große Zuspruch überhaupt nicht. „Wir erreichen schon Hun-derte. Aber eben nicht die Alleinerziehenden oder jungen bedürftigen Familien und vor allem deren Kinder.” Die hielten sich lieber fern vom schwierigen Tafel-Publikum mit seinen Drogen- und Alkoholproblemen. „Eine Kindertafel ist in Moers überfällig.”
Gekocht wird frisch in Profiküchen, die Tafel holt das Essen ab. Hochwertig, ausgewogen, vitaminreich. Gleich sechs Gastronomen aus Moers, Neukirchen-Vluyn und Rheinberg wechseln sich ab. Echte Profis mit Großküchenerfahrung, sogar als Chef im Steigenberger Berlin. „Das ist sicher keine Bedingung für eine Kindertafel, aber wir erwähnen es gern”, lacht Kollege Frank Bohnen, der den kulinarischen Einsatz koordiniert. „Wir wollten schon länger eine Aktion gegen Kinderarmut starten, was der Klartext-Verein und die Partner da auf die Beine gestellt haben, hat unglaublichen Charme.” Es gehe ja nicht nur ums Sattwerden. „Wer hierher kommt, findet immer auch ein offenes Ohr.”
Die Mund-zu-Mund-Propaganda läuft, in den Kindergärten und Schulen liegen Flyer aus, an der Plakatierung hat sich sogar das Moerser Marketing beteiligt. Gemeinsam lässt sich viel bewegen. So offensiv die Kindertafel forciert wurde, so geräuschlos soll sie funktionieren. In einem Stadtteil, der aus der City fußläufig bequem zu erreichen ist, aber eben auch eine gewisse Anonymität bietet. Wer sich wohlfühlen will, muss vertrauen. So gesehen, steht das härteste Stück Arbeit noch bevor. Heike Marschmann weiß das genau, aber sie weiß auch: „Jede Mühe lohnt sich.”
„Klartext für Kinder - Aktiv gegen Kinderarmut!” kämpft auf vielen Ebenen gegen Ausgrenzung und Armut. Zuletzt ging es mit über 30 Kindern aus mehreren Fußballvereinen zum Bundesligaspiel nach Mönchengladbach. Für das Gros der Nachwuchskicker der erste Stadionbesuch. Demnächst wird der Duisburger Zoo mit Kindern aus bedürftigen Familien angesteuert.
„Der Zuspruch gibt unserer Idee recht”
NRZ-Chefredakteur Rüdiger Oppers, der Ministerpräsident Jürgen Rüttgers als Schirmherrn des Vereins gewinnen konnte, ist zugleich 2. Vorsitzender von „Klartext für Kinder” und mehr als zufrieden: „Der enorme Zuspruch gibt unserer Idee recht. Toll, was sich in einem Jahr entwickelt hat. Die Menschen vor Ort übernehmen soziale Verantwortung. Das ist absolut bemerkenswert und zeigt: Wir müssen es nur anpacken.”
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