Eine Revolution mit Robin Hood und Little John
10.06.2008 | 19:42 Uhr 2008-06-10T19:42:00+0200
Marco van Basten verändert als Chefrebell das Oranje-Team. Van der Vaart hilft dabei.
LAUSANNE. Als alle die Niederlande zum kommenden Europameister ausriefen, schaute Joris Mathijsen noch reichlich skeptisch drein. Er müsse im Quartier in Lausanne erst einmal in Ruhe darüber nachdenken, wie man das geschafft habe. Da wird er einiges zu tun haben: Hollands 3:0 über Italien war möglicherweise schon der fußballerische Höhepunkt dieser EM, was schade wäre, aber durchaus zu befürchten ist. Das 3:0 war aber noch viel mehr als eine begeisternde Vorstellung der Niederländer: Es war eine Revolution. Chef-Rebell: Marco van Basten.
Wenn der Bondscoach so etwas wie der Robin Hood des holländischen Fußballs ist, dann heißt sein getreuer Little John wohl Rafael van der Vaart. Der Hamburger hat nicht nur verstanden, was van Basten im holländischen Fußball verändern will, er hat die Auffassungen seines Trainers längst verinnerlicht. Und das Kuriose daran ist, dass van der Vaart sich so verändert hat, weil er seit ein paar Jahren in Deutschland spielt.
Taktisch kann man den Glaubenskrieg, der in Holland mindestens seit der WM 1974 vor jedem Turnier tobt und den van Basten derzeit führt, einfach umreißen: Holland steht für bedingungslose Offensive, für schöne Spielzüge und für ein 4-3-3 mit zwei Flügelstürmern, das der heilige Gral der Oranjes ist.
Gewesen ist.
Marco van Basten hat sich daran gewagt, dieses Heiligtum zu schleifen. Er lässt mit zwei defensiven Mittelfeldspielern, mit einer offensiven Dreierkette und mit Weltklasse-Stürmer Ruud van Nistelrooy als einziger Spitze spielen. Das sind Änderungen, die die meisten Fans auf dem Feld vielleicht gar nicht erkennen, aber es ist eine Kulturrevolution, und man muss auf Johan Cruyff verweisen, der in dieser Geschichte so etwas wie den Sheriff von Nottingham gibt. So spiele man wie alle anderen, moserte Cruyff noch vor wenigen Tagen.
Holland ist anders, soll das heißen, Fußball hat seit 40 Jahren das Bild eines Landes von sich selbst zu transportieren. Den Ball aus einem Meter abzustauben, war hässlich und deshalb etwas für die Deutschen. Holland musste mit Stil gewinnen und zur Not eben mit Klasse verlieren.
Unbelastet vom Dogma
Das genau ist aber das Problem, jedenfalls bei Welt- und Europameisterschaften. Ein Titel steht zu Buche, die EM 1988, und es war Marco van Basten, der damals das Siegtor schoss. Daran, hat Rafael van der Vaart noch vor dem mitreißenden Spiel gegen Frankreich bekannt, könne er sich kaum erinnern, er sei erst fünf Jahre alt gewesen. Unbelastet vom niederländischen Dogma, zuallererst mal schön spielen zu müssen, bringt van der Vaart eine Mentalität ein, die er in der Bundesliga gelernt hat: das niemals Aufgeben, das weiter, immer weiter. In Deutschland sei er zum Kerl geworden und habe gelernt, worum es im Fußball gehe: um Siege. Das sind Sätze, für die man in Holland vor zehn, zwanzig Jahren ausgebürgert worden wäre.
Aber sie passen perfekt zur Philosophie von Marco van Basten. Der Bondscoach hat sich lange aufgerieben im Kampf mit Johan Cruyff, dem Fußball-Monarchen Hollands. Nur während Deutschlands Kaiser inzwischen sanft über allem schwebt, ist Cruyff stets im dicksten Getümmel, schlägt zu und keilt aus. Van Basten, der nach der EM aufhört und Ajax Amsterdam trainieren wird, versucht in Lausanne, wenig an sich herankommen zu lassen. Der einstige Weltklassestürmer mit dem jungenhaften Charme hat sich gewandelt zu einem eher verschlossenen Typen. Er trägt das Haar jetzt raspelkurz, was ihn älter und grimmiger aussehen lässt.
Das mitreißende 3:0 gegen Italien, die Demontage des Weltmeisters, war so gesehen ein ganz persönlicher Sieg für ihn, gekrönt vom 2:0, bei dem van Bronckhorst, Kuyt und Sneijder bewiesen haben, dass Gewinnen und schön Spielen gut zueinander passen können.
Das Beste aus zwei Tugenden
Das 3:0 gibt van Basten die Freiheit, sein System durchzuziehen, das Beste aus holländischen und deutschen Tugenden zu vereinen.
Es wird sicherlich weiter Störfeuer geben, die Elf gilt als notorisch streitsüchtig, erst vor dem Spiel hatten der gegen Italien überragende Sneijder und Robin van Persie im Training einen heftigen Disput. Aber das gehört wohl dazu. Für alle Fälle hat van Basten nicht nur seinen Adjutanten van der Vaart, sondern auch Keeper Edwin van der Sar fest an seiner Seite. Der ist gerade englischer Meister und Champions-League-Sieger mit Manchester United geworden und muss mit 37 Jahren niemandem mehr etwas beweisen.
Van der Sar, der auch zwischen den Streithähnen van Basten und van Nistelrooy entscheidend vermittelt hat, knuddelte unmittelbar nach dem Sieg seine Tochter und strahlte dabei soviel Ruhe und Gelassenheit aus, dass der Konkurrenz nichts Gutes schwanen kann. Auf seine alten Tage hat van der Sar übrigens auch noch angefangen, Elfmeter zu halten. Das fehlte noch, dass van Basten mit seinem Team den Titel nach einem spielerisch mitreißenden Finale im Elfmeterschießen holt. Deutscher könnte ein Bondscoach sein Team nie mehr machen. (NRZ)
23:39
Stimmt. Nur: Solch eine Grabesstimmung und Grimmigkeit,die van Basten verbreitet, ist erschreckend. Schrecklich 80er/90er Jahre-Bertie-Vogts-Deutsch. Schrecklich unsympathisch. Da bleibt die Frage: Lieber angestrengt als Spaßverderber gewinnen oder lustvoll, leidenschaftlich verlieren?