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Niederlande - Russland

Eine Auszeit zur Unzeit

22.06.2008 | 19:52 Uhr
Eine Auszeit zur Unzeit

Hiddink-Team überrannte Oranje in der Verlängerung. Rafael van der Vaart: „Eine großartige Mannschaft.”

Kurz nach Zwölf musste der Basler Bahnhof vorübergehend gesperrt werden, die Bahnsteige waren überfüllt mit Tausenden Oranje-Fans. Erstaunlich viele von ihnen waren jedoch keine Niederländer, sondern Schweizer. Vermutlich war ein Großteil dieser falschen Holländer noch vor ein paar Tagen als falsche Portugiesen durch die Stadien gezogen, doch man muss fairerweise anmerken, dass diese Modefans ihren neuen Farben auch nach dem Aus tapfer treu blieben.

Ungleiches Duell: Niederlande-Keeper Edwin van der Sar (rechts) und Russen-Angreifer Andrej Arschawin. (Foto: Reuters)

Vielleicht war es helvetisches Pflichtbewusstsein, vielleicht schon Nostalgie für eine Mannschaft, die das Team der EM gewesen war – auf jeden Fall schienen die als Gäste verkleideten Gastgeber fest entschlossen, ihre Rolle eine letzte Nacht lang perfekt zu spielen. Sie tranken zu viel Bier, grölten „Hup Holland”, verstopften die Transportwege, weinten dem Versprechen ihrer schönen, guten Mannschaft nach. So, wie es eben nur Niederländer können.

Fünf Zugminuten weiter östlich, im Untergeschoss des St.-Jakob-Park, outeten sich die echten Niederländer ebenfalls als Fans eines fremden Teams. Mann für Mann entdeckte die Elftal nach der überraschenden 1:3-Niederlage Sympathien für die siegreichen Russen. „Sie haben verdient gewonnen”, sagte Trainer Marco van Basten, „sie haben besser gespielt und mehr Chancen heraus gespielt. Ich kann damit leben.”

„Eine großartige Mannschaft”, urteilte Hamburgs Rafael van der Vaart und lobte wie Nigel de Jong bei der Gelegenheit ausdrücklich die „hervorragende Arbeit” von Guus Hiddink, dem niederländischen Trainer der Sbornaja. Die Niederländer gaben sich wirklich Mühe, anders als nach der als Fußballspiel getarnten Massenkeilerei gegen Portugal im WM-Achtelfinale, diesmal als gute Verlierer Abschied von dem Turnier zu nehmen.

Doch ihr geballter Sportsgeist machte auch misstrauisch. Wer hartnäckig weiter fragte, merkte, dass die Hymnen auf den Gegner wohl dafür geeignet waren, den Blick auf die eigenen Fragezeichen zu verstellen. Mit derselben Sprachlosigkeit, mit der die Niederländer ihr sensationelles 3:0 gegen Italien quittiert hatten, standen sie jetzt vor ihrer kaum weniger sensationellen Nicht-Leistung. Es fanden sich keine Erklärungen, nur Kurzberichte des Versagens.

„Wir haben heute keinen Fußball gespielt”, sagte van Basten. „Von Anfang an hatte man das Gefühl, dass es nicht gut geht”, sagte van der Vaart. Der beim 0:1 von Roman Pawljutschenko zu spät gekommene Joris Mathijsen meinte, man sei „nie im Spiel gewesen”. Mittendrin in der eigenen Ohnmacht, aber nicht dabei – das war Holland an diesem „bizarren Abend” (de Jong).

„Ein bisschen nervös” seien sie gewesen, sagte Khalid Boulahrouz, der nach dem Tod seiner zu früh geborenen Tochter wieder in der Startelf stand. Es wäre jedoch zu billig, das katastrophale Spiel mit den berüchtigten Versagensängsten holländischer Kicker zu erklären. Eher hatten sich wohl viele kleine Unwägbarkeiten zu einem Fiasko summiert. Arjen Robbens Verletzung am Vorabend. Boulahrouz' gelbe Karte, die van Basten dazu drängte, den überforderten Johnny Heitinga einzuwechseln (54.) – zwei Minuten später fiel die Abwehr auseinander.

Und dann kam noch ein handwerklicher Fehler des Bondscoaches dazu: Er hatte nach 62 Minuten sein Wechselkontingent fahrlässig erschöpft und konnte so nicht mehr reagieren, als der von Muskelproblemen geplagte Ruud van Nistelrooy in der Verlängerung wie ein Pirat mit Holzbein durch die Gegend humpelte und die Russen seine Elf schlichtweg überrannten.

Das erinnerte ein wenig an Hiddinks nimmermüde Südkoreaner, die 2002 bis ins WM-Halbfinale galoppiert waren. „Die Russen waren wie Roboter”, staunte de Jong über die übernatürliche Laufbereitschaft des Gegners.

Die Holländer waren im Vergleich dazu leider sehr menschlich; die hervorragenden Form der Gruppenspiele konnten sie einfach nicht replizieren. „Wenn du ein Spiel nicht da bist, dann bist du weg”, fasste Mathijsen traurig zusammen. Sie hatten sich zur Unzeit eine Auszeit genommen und so eine historische Chance verpasst.

Raphael Honigstein

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Kommentare
23.06.2008
18:20
Eine Auszeit zur Unzeit
von akaz | #2

Warum haben die Holländer eine solche Angst gehabt. Angst vor dem eigenen Sturm, vor dem eigenen Fußballspiel? Nichts gewagt und verloren, dann doch besser etwas wagen und wenn verloren, dann kann man nichts machen. Schade!

23.06.2008
09:12
Eine Auszeit zur Unzeit
von objektiver Fußballfan | #1

Holland hätte doch spätestens nach dem Spiel der Russen gegen Schweden gewarnt sein müssen, was die Schnelligkeit und Laufbereitschaft der russischen Spieler betrifft ! Bis zu dem Zeitpunkt war es ja auch nur die mangelnde Chancenauswertung, mit der Russland sich selbst das Leben schwergemacht hat ! Und das haben sie nun mal im Spiel gegen Holland besser gemacht und somit verdient gewonnen ! Gegen diese Russen wird es jetzt jede Mannschaft sehr schwer haben !!! Auch Deutschland !!! Im Endspiel und dann in der WM-Quali !!!

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