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Die Wut trägt Schwarz

13.11.2007 | 14:54 Uhr

RANDALE. Der Todesschuss auf einen Fan von Lazio Rom schließt verfeindete Tifosi zusammen. Staatsanwalt spricht von „Terror”.

ROM. „Ein ekliger Bastard hat meinen Sohn ermordet. Auf dass du verflucht seist für immer!” Nackte Wut spricht aus dem Zettel, der seit Montagfrüh am Bekleidungsgeschäft der Familie Sandri klebt. Davor legen Freunde Blumen über Blumen nieder, Trauerkarten mit Erinnerungen an Sohn „Gabbo“, der 24 Stunden zuvor, an einer Autobahnraststätte, einer Polizeikugel zum Opfer gefallen ist. Die Fan-Gemeinde des Erstliga-Klubs Lazio Rom defiliert vorbei, denn Gabriele Sandri war auch einer von ihnen; aber zu ihren himmelblauen Schals, die sie still ablegen, gesellen sich einige gelb-rote von der AS Roma, der Konkurrenzmannschaft. Die Trauer schließt selbst verfeindete Tifosi zusammen.Die Wut auch. Sie führt eine Explosion an Gewalt herbei, wie Italien sie seit dem G8-Gipfel von Genua 2001 nicht mehr erlebt hat. Die paar hundert Randalierer, die am Sonntagabend die Gegend um das römische Olympiastadion verwüsten, Brände legen und sogar eine Polizeistation überfallen, sie tragen schon gar nicht mehr die Farben irgendwelcher Vereine. Sie haben sich einheitlich schwarz vermummt.Ein politisches MusterZunächst will man den vieren, die man hat verhaften können, einen schnellen Prozess machen, doch dann schreitet der Staatsanwalt ein. Das war keine simple Stadion- oder Sportgewalt mehr, sagt sie, dahinter stecke „ein politisches Muster”: „Das war Terrorismus.” So etwas hat man radikalen Fußballfans in Italien bisher nie zur Last gelegt - wenn es überhaupt „Fußballfans“ waren. Und: Gabriele Sandri, der begeisterte und stadtbekannte Discjockey, ist überhaupt nicht als Fußballfan gestorben, sondern als ganz normaler Reisender. Sicher, es hatte eine heftige Prügelei gegeben an der Autobahnraststätte Badia al Pino bei Arezzo; Fans von Juventus Turin und Lazio Rom waren auf der Fahrt zu den Spielen ihrer Mannschaften zufällig dort aufeinandergetroffen - aber wer da raufte, das konnte der Polizist Luigi S. nicht wissen. Er tat Dienst gegenüber, auf der anderen Seite der Autobahn. Seine Streife bemerkte nur Randale, Handgemenge, Schreie. Die Beamten schalteten die Sirenen ein, um Präsenz zu dokumentieren, und als sich das Auto einer „Tätergruppe“ trotzdem entfernte, gab Luigi S. einen Warnschuss ab, „in die Luft“, wie ihn die Zeitung „Corriere della Sera“ zitiert: „Ich habe auf nichts und niemanden gezielt, wie konnte ich auch, aus so großer Entfernung?“ Dann, so Luigi S., sei er losgelaufen, die Pistole – vorschriftswidrig, aber filmreif – in der Hand. „Dabei hat sich der zweite Schuss gelöst.“ Ein Zeuge hingegen behauptet, der Polizist habe gestanden und die Waffe mit beiden Händen auf ein Ziel gerichtet. Das Projektil raste schräg über die Autobahn und durchschlug Gabrieles Halsschlagader. „Jetzt bin ich ruiniert“, sagt der Polizist: „Ich habe zwei Familien zerstört, meine und jene des Jungen.”Radikale haben wieder OberwasserSchnell erkennen Italiens Sicherheitsbehörden an jenem Morgen die Brisanz ihres „tragischen Irrtums“. Die Öffentlichkeit weiß noch gar nichts von den Schüssen, da diskutieren Sportfunktionäre, Polizei und Innenministerium bereits über einen Stopp des Fußballbetriebs. Der Fußballverband will auf keinen Fall spielen, aber Polizeichef Antonio Manganelli besteht darauf: Zehntausende von Fans seien bereits unterwegs; sie zu stoppen, würde eine Explosion der Unzufriedenheit auslösen. Dafür wolle man nicht den Kopf hinhalten. Derweil verbreitet sich die Kunde vom „Polizeimord an einem Fußballfan“ wie ein Lauffeuer. „Es war vorsätzlicher Mord!“, schreit Sandris Bruder in die Fernsehkameras. Diese Interpretation der Tat entfacht eine grenzenlose Wut im radikalen Flügel der italienischen Tifosi. Denn nach dem gewaltsamen Tod eines sizilianischen Polizisten im Februar hatte die Regierung strenge Sicherheitsregeln durchgesetzt, die Stadien nachgerüstet, die Schlachtenbummelei verboten, streng überwachte Tifosi-Gruppen schon bei kleinsten Anzeichen drohender Gewalt ausgesperrt. Mit Erfolg: Die Gewalt im italienischen Fußball ist zurückgegangen.Nach den Schüssen von Arezzo aber, so lautet eine plausible Erklärung für die Gewalt vom Sonntag, hätten die Radikalen erneut Oberwasser bekommen und eine Möglichkeit gesehen, sich „endlich wieder legitim“ auszutoben. Sie zertrümmerten (in Bergamo) die Barriere zwischen Rasen und Rängen, zogen (in Mailand, Turin und anderswo) mit „Mörder! Mörder!“-Rufen durch die Straßen, gingen (in Taranto) auf Polizei und Spieler los. Ein politisches Muster war darin nicht zu erkennen: rechts- und linksextreme Fans hatten sich gemeinsam ihren alten Feind vorgenommen: die Polizei, den Staat, Recht und Ordnung.Am Montagmittag übrigens verschwand der Fluch-Zettel vom Bekleidungsgeschäft Sandri. Diese Worte stammten „absolut nicht von der Familie“, teilte ein Freund des Erschossenen mit. Das heißt, wenn es denn stimmt: Es sind Zündler unterwegs. (NRZ)

PAUL KREINER

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