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Die Nationalelf als Zuhause

23.06.2008 | 18:46 Uhr
Die Nationalelf als Zuhause

Ascona. Nach den Querelen der „Generation Matthäus” herrscht jetzt Harmonie im Team. Den Spielern gefällt's.

Oliver Bierhoff hat dieser Tage noch einmal erklärt, mit welchem Ziel er gestartet ist, als er vor vier Jahren den Posten als Teammanager übernahm. Er sprach nicht von Weltmeister- oder Europameister-Titeln, er nannte eine andere, viel umfassendere Vorgabe. „Als wir 2004 angefangen haben, wollten wir Deutschlands Nationalelf wieder zu Deutschlands liebstem Kind machen.” Und dann fügte er ebenso stolz wie zufrieden hinzu: „Jetzt schauen bei der EM über 30 Millionen zu.”

Und? Ist der Auftrag damit erledigt?

Manchmal meint man, dass der 40-Jährige viel eher zur Generation Matthäus als zur Generation Ballack gehört. Woran das genau liegt, ist nicht immer leicht zu ergründen. Denn natürlich ist Oliver Bierhoff ungleich cleverer als die Baslers und Effenbergs, die wohl heute noch sicher sind, ein Stinkefinger reiche aus, um als unangepasster Typ zu gelten.

Unaufgeregt auf der Zugspitze

Bierhoff ist anders. Er steht oben auf der Zugspitze und redet ganz unaufgeregt von einem Gipfelsturm, als sei es völlig normal, eine komplette Medien-Armada auf einen Berg zu schicken, wenn der Kader eines deutschen EM-Teams verlesen werden muss. Und es ist genau diese Selbstverständlichkeit, die ihn manchmal so unbescheiden, so matthäushaft, wirken lässt. Als nach der Kroatien-Pleite der Bundestrainer schon hinterfragt wurde, konterte der gebürtige Essener mit einem Spruch, auf den nicht jeder gekommen wäre: „Viele Dinge entstehen unter Druck: Öl, Diamanten.”

Kann sich jemand vorstellen, dass ein Philipp Lahm so redet? So fixiert auf Status und Reichtum? Der Linksverteidiger ist das Kind einer anderen Zeit, und es gehört zu den unbestreitbaren Qualitäten eines Oliver Bierhoff, dies auch genau zu erkennen. „Die jüngeren Spieler”, hat der Teammanager gegenüber der FAZ festgestellt, „sind harmoniebedürftiger und haben nicht mehr das Bedürfnis, den Konflikt mit den Kollegen zu suchen.”

Dafür gibt es Gründe, die auch in Tenero zu besichtigen sind. Wer zum Trainingsplatz geht, muss an Säulen vorbei, an denen meterhohe Porträts der Nationalspieler angebracht worden sind. „Das Ego der Spieler”, vermutet Oliver Bierhoff, „wird schon so sehr von den Vereinen und durch die Medien bedient, dass der Wunsch, auch noch bei der Nationalelf mit dem Ego herauszuragen, nicht mehr so groß ist.” Das klingt nachvollziehbar, und zu dieser Einschätzung passt auch die Beobachtung von Per Mertesacker, der seine Kollegen jüngst als „sehr humane Typen” gelobt hat. Schon ist die Rede von Eintracht Deutschland und einem Team, das auch einen Clown wie Lukas Podolski mühelos zu integrieren vermag. Erst gestern spielte Mertesacker sofort mit, als er während der Pressekonferenz gebeten wurde, seinen Kollegen aus der Nationalelf zu überreden, zu Werder Bremen zu kommen. „Okay, ich gebe meinen Wechsel bekannt”, flötete Prinz Poldi irgendwann aufgeräumt am Ende einer kabarettverdächtigen Nummer.

Solche Szenen sind kein Zufall, sie belegen vielmehr, wie stimmig diese Mannschaft gewachsen ist. Oliver Bierhoff spricht längst von einer „höheren Identität”, die wohl nur unter dem äußeren Druck einer WM gedeihen konnte. Diese Mannschaft hat eine WM im eigenen Land gemeistert, und sie hat vor ein paar Tagen einigermaßen fassungslos registrieren müssen, dass das komplette System Löw schon nach einer Niederlage in Frage gestellt wurde. „Umhauen kann dieses Team nichts mehr”, versichert Mertesacker, der erst 23 Jahre alt ist, aber mit seinen 47 Länderspielen und seiner natürlichen Autorität zu den Führungsfiguren der Auswahl gehört.

Tatsächlich gab es selten ein deutsches Nationalteam mit einer vergleichbar transparenten Hierarchie. Der unangefochtene Kapitän dieses Teams ist Michael Ballack. Er gibt die Richtung vor und schaltet sich ein, wenn sich die Dinge in eine gefährliche Richtung entwickeln. Müßig ist es zu spekulieren, ob er es war, der den Systemwechsel vor dem Portugal-Spiel entscheidend forciert hat. Viel wichtiger dürfte sein, dass weder Ballack noch Torsten Frings aus einer Machtposition heraus agieren. Sie gelten als umgänglich, als Motivatoren, die nur dann drastischer werden, wenn es die Situation erfordert und für jeden nachvollziehbar wird.

In den Vereinen geht's anonymer zu

Auch das dürfte ein entscheidender Grund dafür sein, warum sich ein Spieler wie Podolski so wohl fühlt im DFB-Tross. „In den Vereinen herrscht meist eine größere Anonymität, bedingt durch einen hohen Ausländeranteil und eine hohe Fluktuation”, nennt Oliver Bierhoff einen wichtigen Faktor. „Die Nationalmannschaft ist für die Spieler tatsächlich ein Zuhause.”

Und dieser Satz beinhaltet schon wieder so viel Pathos, dass sich erneut die Frage aufdrängt, ob der Teammanager es nicht einen Deut bescheidener hätte formulieren können. Hätte er bestimmt. Andererseits gibt es viele Aussagen, die Bierhoff gerne bestätigen. Marcell Jansen spricht im „Stern” von einem Umfeld, das von „Egos befreit” sei. Es gehe um spielerische Fähigkeiten, vor allem aber gehe es auch um die Persönlichkeit jedes einzelnen Teammitglieds. „Man könnte glauben, jeder sei gezielt ausgesucht worden.” (NRZ)

ARTUR VOM STEIN

Kommentare
Kommentare
24.06.2008
15:34
Die Nationalelf als Zuhause
von MisterB | #15

Mensch ehrliche Hexe...da sieht man(n) mal wieder: wirklichen Fußball-Sachverstand hat nur das weibliche Geschlecht. Bei unserem Bundesliga-Tippspiel 07/08 z. B. haben von 100 Tippern drei Damen die ersten Plätze belegt.
Deine gelassene, verständnisvolle und kluge Sicht der Dinge sollte auch so manchem Redakteur ein lehrreiches Beispiel sein. Bravo!!

24.06.2008
14:47
Die Nationalelf als Zuhause
von der Türkenfreund | #14

Es geht mir um das Mittel der Verhältnismäßigkeit!!!

24.06.2008
13:10
Die Nationalelf als Zuhause
von DieEhrlicheHexe | #13

@christian walter
schöne statistik, aber was hilfts, wenn gomez ausgerechnet zur em einen durchhänger hat und wir alle schon beten, dass jogi ihn ja nicht zum nächsten spiel aufstellt? zahlen und tabellen schießen nun mal keine tore :-)
@misterB
stimmt, grade im fußball, wo ja jeder zweite stammtischtrainer meint, er müsse überall seinen senf dazu geben, ist doch der momentane erfolg das einzige was zählt. niemand anders als die medienwelt macht einen spieler oder - ganz besonder - trainer - oder lässt ihn wieder fallen! die stammtischparolenbrüder brauchen dann nur noch die wohlfeilen bildzeitungsschlagzeilen zitieren und liegen voll im trend! im sport gibt es heutzutage halt keine gnade mehr. Sieg oder Rausschmiss!
@rentner Manni
ok, ich seh die problematik, aber muss man uns denn auch alles vermiesen? jetzt ist mal fußball em angesagt, mit politik können wir uns dann wieder ab dem 30. auseinandersetzen:-) lass mal die kirche im dorf und unsere jungs ruhig die mio abräumen, menno, hauptsache wir haben einen tollen monat spaß und schöne erinnerungen an eine super em! und besser die jungs verdienen die mio als irgend so ein korrupter manager eines großkonzerns. mag ja sein, dass du den gewinn eines em titels nicht als tolle leistung empfindest, aber lass die leute sich doch dran freuen, die es zu schätzen wissen!

in diesem sinne - allen fans - ob deutsch oder türkisch - ein wunderschönes fußballfest am mittwoch, lasst es uns alle einfach nur genießen :-))

24.06.2008
12:56
Die Nationalelf als Zuhause
von objektiver Fußballfan | #12

Und was hätte jemand davon, der Hartz IV bezieht, wenn die Nationalspieler für den Gewinn der EM viel weniger bekommen würden ??? Hartz IV wird doch nicht vom DFB bezahlt, oder Manni ?

24.06.2008
12:40
Die Nationalelf als Zuhause
von MisterB | #11

So ist nun mal die Medienlandschaft: Ob WAZ,Bild,NRZ....wenn gewonnen wird ist alles okay...wenn gegen Portugal unglücklich verloren worden wäre, hätten wir in den Zeitungsberichten erklärt bekommen warum, wieso, weshalb der Jogi doch nicht so ganz der Richtige ist/war. Die (Medien-) Welt ist nun mal nur für die Gewinner. Siehe Gomez-Kommentar: Ein Verlierer unter lauter Siegern.

24.06.2008
12:15
Die Nationalelf als Zuhause
von Rentner Manni | #10

Und für diese tolle Leistung erhalten die armen Kicker für den Titelgewinn 1 Mio Euro. Das erfreut jeden Hartz IV ler!

24.06.2008
10:29
Die Nationalelf als Zuhause
von balubaer | #9

Sind es nicht die Medien, die - auf der Suche nach einer Schlagzeile - sofort nach einer Niederlage das System und den Trainer in Frage stellen?
Ich habe in keiner Zeitung oder Fernsehbericht gelesen / gehört, dass die Niederlage nur ein Ausrutscher war. Deutschland ist nur stolz auf seine Nationalelf, wenn es läuft.
Bei obigen Bericht habe ich den Eindruck, dass dem Kollegen von Stein seinerzeit auf der Zugspitze unwohl war.

24.06.2008
08:39
Die Nationalelf als Zuhause
von objektiver Fußballfan | #8

Mann Walter, musst Du Zeit haben ! ;-) Aber noch ist Fußball ein Spiel und keine Mathematik ! Trotzdem . . . ! Nette Aufstellung ! ;-) Gomez ist noch jung und auch ein guter Fußballer ! Er wird noch genügend Gelegenheiten haben, sein Können unter Beweis zu stellen ! Nicht bei dieser EM, aber spätestens in der neuen Saison !

Und dann noch ! Liebe Redaktion ! Könnt ihr diesen Rentner nicht mal von der Bühne verschwinden lassen ?! Seine dämlichen Kommentare sind doch immer nur auf Provokation ausgerichtet und entbehren doch immer jeglichen Sachverstand !

24.06.2008
08:37
Die Nationalelf als Zuhause
von M.M. | #7

Ich denke, ein Team, das an einer EM/WM teilnimmt, braucht ein hohes Maß an innerer (Team-) Harmonie sowie eine durch Leistung und Autorität begründete Leitwolf- Struktur. Dazu natürlich einen Trainer und Manager, die in der Lage sind, harmonisierend und damit leistungssteigernd auf dieses Team einzuwirken. Egomaniacs und mediengeile Selbstdarsteller wie Effenberg, Basler und dieser unsägliche Loddar sind in diesem Falle hinderlich und tragen zu einer geschlossenen effektiven Leistung NICHTS bei.
Also, was solls ??
Lassen wir die Elf in Ruhe arbeiten; wenn so ein harmonisches Gefüge für den Erfolg nützlich ist, dann rechtfertigt das ALLES !!!!!
Überschätzte Superstars haben wir doch in allen Bereichen wirklich genug.

24.06.2008
08:28
Die Nationalelf als Zuhause
von Rüdiger | #6

Das er bei der EM schon Tore geschossen hat?Oder wie soll man das verstehen?

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