Die Herzen der Menschen erobert
17.09.2008 | 18:38 Uhr 2008-09-17T18:38:00+0200Nach den Spielen wird allenthalben ein rundum positives Fazit gezogen. Superstimmung in den Arenen.
PEKING. Sie endeten, wie sie begonnen hatten – mit viel Feuerwerk und einer großen Zeremonie im Pekinger Nationalstadion: die Paralympics, bei denen rund 4000 behinderte Sportler aus aller Welt 12 Tage lang um Medaillen gekämpft hatten. Am Schluss stand erneut China als Sieger da: 89 Goldmedaillen hatten die Chinesen gewonnen, mehr als doppelt so viel wie Großbritannien, die Nummer zwei im Medaillenspiegel. Deutschland landete mit 14 Goldmedaillen auf Platz elf.
Aber nicht nur im Sport hatte China gewonnen. Wie schon bei den Spielen für nicht-behinderte Sportler im August ernten die Organisatoren höchstes Lob für ihre Anstrengungen. „Dies waren großartigsten paralympischen Spiele aller Zeiten“, sagte der Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees Sir Philip Craven. „Danke China“, rief er bei der Abschlußveranstaltung den 91 000 Zuschauern und dem chinesischen Präsidenten Hu Jintao zu.
Sir Philip, der selbst im Rollstuhl sitzt und früher Basketballspieler gespielt hat, zeigte sich besonders beeindruckt von der hohen Zahl der Besucher bei den Wettkämpfen. Vor allem das Nationalstadion, das „Vogelnest“, wo die Leichtathletik-Wettbewerbe stattfanden, und der „Wasserwürfel“ waren regelmässig ausverkauft. Für die Sportler war es immer wieder „ein Wahnsinnsgefühl“, wie manche es ausdrückten, vor so vielen Menschen anzutreten.
Aber auch in den anderen Sportstätten blieben die Ränge selten leer. Beim Rollstuhl-Basketball etwa in der Pekinger Universität für Wissenschaft und Technologie herrschte oft Superstimmung. Auch im Fernsehen wurden die Spiele ausführlich gezeigt – und dass in einem Land, wo Behinderte in der Öffentlichkeit sonst nur selten vorkommen, sich oft nicht auf die Straße trauen.
Aber den Paralympics gelang etwas, was den Sommerspielen der Nicht-Behinderten ein bisschen fehlte: sie eroberten tatsächlich die Herzen der Zuschauer. In einer Online-Umfrage der Zeitung „China Daily“ gaben mehr als als 50 Prozent an, dass die Paralympics viel mehr als die Olympischen Spiele echten Sportsgeist repräsentierten.
Für viele Pekinger waren die Behindertenspiele zudem vielleicht sogar der Beginn eines Bewusstseinswandels: „Am Anfang haben wir gedacht, dass es doch grausam ist, diese armen Menschen antreten zu lassen", sagt die Pekinger Lehrerin Hai Ying. „Aber dann haben wir auch gemerkt, dass sie unser Mitgefühl nicht wollen, sondern etwas leisten und normal behandelt werden wollen."
Doch ob die Paralympics die Lage der 83 Millionen Behinderten in China tatsächlich verändern können, ist ungewiss. Die fast perfekte Organisation der Spiele kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Menschen mit Behinderung im Reich der Mitte immer noch ausgegrenzt werden. „Wir sind weiter in der Hilfsphase, aber wir schaffen kein ausreichend gutes Umfeld, damit Behinderte am sozialen Leben teilnehmen und ihren Beitrag zur Gesellschaft leisten können", sagte auch selbstkritisch Cao Limin, Vizedirektor der chinesischen Behindertenvereinigung.
Der Deutsche Behindertensportverband (DSB) will das gestiegene öffentliche Interesse nach den Paralympics nutzen und die Professionalisierung vorantreiben – mit Eliteschulen, neuen Trainingszentren und hauptamtlichen Trainern. Für den deutschen Chef de Mission in Peking, Karl Quade, geht es auch darum, dass die gehandikapten Sportler im ”normalen” Sport ingegriert sind: „Ein Tischtennisspieler sollte Bundesliga oder wenigstens Regionalliga spielen”.
Der deutsche Gold-Radler Michael Teuber hofft, dass die Paralympics dabei helfen, ” generell mehr Akzeptanz von Menschen mit Behinderungen durchzusetzen”. Indem Behinderte als leistungsfähig anerkannt würden, „kann ein Weg zu mehr Normalität vorgezeigt werden”, sagte Teuber. „Das ist schon ein sehr großes Signal an die Weltgesellschaft.”
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