Die Geisterschranke
04.08.2008 | 21:26 Uhr 2008-08-04T21:26:00+0200
Wattenscheid. Wir fliegen bald zum Mars. Aber in Wattenscheid kriegt die Bahn einen Übergang einfach nicht in den Griff.
Keine 40 Jahre her, da zählten Kinder noch die Waggons und winkten dem Lokführer zu. Autofahrer hatten Muße und waren dankbar für eine Zigarettenpause. Heute wächst die Ungeduld vor jeder Schranke. Alle haben's eilig, schnell liegen die Nerven blank. Immer häufiger wird gehupt und gepöbelt, wenn das Warten nicht enden will, weil der Zug nicht kommt.
Es fährt ein Zug nach Irrsinnswo
Im Netz der Deutschen Bahn gibt es rund 22 000 Bahnübergänge. Aber einen wie den am Stalleickenweg in Wattenscheid wird man wohl kein zweites Mal finden. Dort ereignet sich seit bald einem Jahr (und voraussichtlich noch weit bis in 2009 hinein...) tagtäglich eine Geschichte, über die man wie einst der arme Bahnwärter Thiel in Gerhart Hauptmanns gleichnamigem Frühwerk dem Wahnsinn anheim fallen könnte: Es fährt ein Zug nach Irrsinnswo...
Ein x-beliebiger Wochentag. Nachmittags kurz vor halb drei. Zwei Mal klingelt wie in alten Dampfrosszeiten der Zugmeldeapparat. Für Inge S. (* Name geändert) das Zeichen, dass aus Bochum was anrollt. Sofort verlässt die 36-Jährige ihr Auto und sperrt den Bahnübergang Stalleickenweg. Mit einem rot-weißen Flatterband, wie man es auf Baustellen kennt. Ihr Kollege Günter (*) auf der anderen Seite der Gleise erhebt sich von seinem Campingstuhl, wo er eben noch gekreuzworträtselt hat und tut es ihr nach.
Wo ist die versteckte Kamera?
Wer die dann folgende Szene zum ersten Mal miterlebt, würde darauf schwören, dass irgendwo im Gebüsch für die Serie „Versteckte Kamera” gedreht wird. Denn bevor die S-Bahn Richtung Essen herantuckert, senken sich die vorhandenen Schranken. Zug fährt vorbei. Alles gut. Alles gut? Zwei Schranken plus zwei Flatterbänder plus zwei Sicherungsposten - Herr Mehdorn, hallo, geht's denn noch?
Weil die „Sipos”, die zuletzt von der Essener Firma Schulte angeheuerten Sicherungsposten, die sich dort in Dreierschichten zwischen Radiohören, Lesen, Langweileschieben und Flatterbänderglattziehen den 24-Stundentag aufteilen, in der Sache nicht so auskunftsfreudig sind, versucht der Beobachter das Rätsel über die offizielle Schiene zu lösen. Anruf bei der Bahn-Tochter „DB Mobility Logistics AG”.
Dort bittet man um schriftliche Fragen. Gerne. Leider gehen die Antworten meilenweit daran vorbei. „Sicherheitsbedenken” seien „völlig unangebracht”, heißt es da per E-Mail, und: „Unsere Fachleute” arbeiten „intensiv an der Thematik” oder: „Die Komplexität solcher Themen erfordert mitunter eine längere Bearbeitungsdauer.” Wollten wir gar nicht wissen. Aber verstanden, die wollen (dürfen?) nicht.
Gut, dass die Deutsche Bahn groß ist. Man muss nur lange genug warten, dann steht plötzlich jemand auf dem telefonischen Bahnsteig, der unbedingt ungenannt bleiben muss, und berichtet über eine „kostspielige Kuriosität, wie es sie in NRW kein zweites Mal gibt.” Alles fing danach im Oktober 2007 an - mit einer so genannten Dunkelfahrt. Dunkelfahrt ist ganz schlecht und geht im Prinzip so: Bahnübergang. Zug kommt. Schranke bleibt oben.
Kann gefährlich werden, muss aber nicht, darf jedenfalls nicht passieren. Ist es aber an eben jenem Stalleickenweg in Wattenscheid, der, wie Bahner sagen, „in Kette geschaltet ist” mit den benachbarten Übergängen Ginsterweg und Weg am Berge. Nicht unwichtig, denn auch dort läuft das Doppelspiel mit Schranken und Flatterbändern. Und Sicherungsposten.Wieso?Eben.Das weiß niemand so recht. Sagen jedenfalls alle.
Doppelspiel mal Drei
Nach der Dunkelfahrt wurde an den aus den 60er Jahren stammenden Schaltungen und Relais des Bahnübergangs intensiv gebastelt. Neue Software kam zum Einsatz. Aber nie war der Betrieb störungsfrei. 98 Mal hoben und senkten sich die Schranken wie gewünscht, beim 99. Mal streikten sie, wie von Geisterhand gelenkt. Bis heute, heißt es im Hause Bahn, ist allen Experten das Ganze „ein beispielloses technisches Rätsel”.
4300 Euro am Tag - zur Sicherheit
Obwohl die meisten Bahnübergänge in der Republik weder Schranken noch Lichtsignale haben, sondern lediglich Andreaskreuze, entschied man sich in Wattenscheid für die große Lösung Mensch. Bei Anruf: Flatterbandspannen.
Für Fußgänger und Reiter, die neben ein paar Autofahrern in der ländlichen Gegend die einzigen schützenswerten Kreaturen sind - bei vier bis sechs Zügen pro Stunde - , ist die Prozedur auch Monate nach der Premiere noch immer ein Kopfschüttler. Weil eben in 9,9 von 10 Fällen die Schranke doch planmäßig rauf und runtergeht - wenn das Flatterband schon gespannt ist. Und weil's von Hand gemacht einfach immer länger dauert, bis der Bahnübergang wieder frei ist.
Womit man bei den finanziellen Aspekten angelangt wäre. In einem Land, dass mit hubbeligen Teleskopen die Welträume eng macht, Sonden hinter die Milchstraße schickt und nanotechnologisch ganz schwer auf Zack ist, zahlt die Deutsche Bahn nach internen Berechnungen am Tag schlimmstenfalls 4300 Euro für die Rundum-Betreuung von drei Bahnübergängen.Macht im Jahr etwa 1,57 Millionen Euro. Wie lange noch?
Planfeststellung - ja, aber..
Bahn-Sprecher Jürgen Kugelmann holt (bevor er sagt, dass 2009 alles neu und also gut wird) am Telefon weit aus, spricht von Straßenbaulastträgern, Deutscher Bahn und Bund, die bei Planfeststellungsverfahren zu hören seien. Und ohne so ein Planfeststellungsverfahren gehe es nun mal nicht, um den kleinen Bahnübergang Stalleickenweg in Bochum-Wattenscheid mit einer „völlig neuen Technik” auszustatten, auf dass dort hundertprozentige Schrankensicherheit einziehe. Der TÜV der Deutschen Bahn, das Eisenbahnbundesamt in Bonn, bestätigt das langwierige Prozedere. Allein, dass - wie die Bahn behauptet - der bürokratische Zug zur Lösung des Rätsels längst ins Rollen gebracht worden sei, will Sprecherin Bettina Baader nicht beglaubigen. „Es liegen bei uns keinerlei Anträge auf technischen Umbau vor.”
Kann ja noch kommen. Bis dahin wehen am Stalleickenweg weiter rot-weiße Flatterbänder. Danach senken sich die Bahnschranken. Meistens. Gerhart Hauptmann hätte seine Freude gehabt. (NRZ)
20:54
Es lebe hoch Münchhausen und Gerhart Hauptmann. :)
Es ist einfach nicht zu fassen und zu glauben, dass Bahn und alle mit involvierten Behörden diesen Sachverhalt so gelassen und gefaßt :shock: ( Gesetze ) einfach so hinnehmen.
Leben wir denn in Schilda :?: :?:
Hallo DB und Politiker, wir leben in der Bundesrepublick Deutschand im Jahre 2008 und nicht auf dem Mond. :cry:
Beschränkt ist der,
welcher seinerseits vor lauten Problemen nicht erkennt,
dass andere mit diesen muss Leben.
In der Hoffnung :!: [u]auf Erkenntniss [/u]:!: wird wohl dieses kleine wirklich [b]Fernsehreifes[/b] großes ( siehe oben ) Stück bendet.
[b]Klartext heisst das Motto der NRZ[/b]
14:59
Um mal wieder sachlich zu werden: ich schließe mich den Ausführungen von duismark (#2) voll und ganz an - der Artikel ist indiskutabel geschrieben. Natürlich ist es ärgerlich, dass die Beseitigung des techn. Problems derart lange dauert. Aber die Sicherungsmaßnahme ist - auch zu den genannten Kosten - gerechtfertigt.
Mal angenommen, es fahren wirklich rund um die Uhr 4 Züge pro Std. durch (der Artikel nennt keine detaillierte Zahl), macht das am Tag 96 Züge. D. h. bei einer Durchfahrt pro Tag bleibt die Schranke oben. Viel Glück beim Überqueren! (Es sind schon Menschen bei unwahrscheinlicheren Szenarien zu Tode gekommen.)
10:29
@#7
Ja, so sieht die Realität wohl aus (seufz).
Liegt aber daran, daß bei der Bahn auf jeden Arbeiter geschätzte drei Manager kommen.
Die wollen natürlich fürs Nichtstun bezahlt werden:;-)
09:59
@#6
Wenn der Sicherungsposten 5 EURO brutto bekommt,hat er einen Spitzenverdienst.
Sozusagen als Führungskraft.
09:47
Und wenn wir die im Text genannten Zahlen zugrunde legen, kostet jeder der Schrankenwärter die Bahn 30€ pro Stunde.
Zieht man davon den Arbeitgeberanteil, das Flatterband und die Schutzwesten ab, bleibt ein brutto Stundenlohn von mindst. 15€. Das kann man prima als allgemeinen Mindestlohn fordern, also los Gewerkschaften, ihr seid am Zug.;-)
09:23
Quatsch - ergibt natürlich sogar 1320000 weniger Arbeitslose, wenn immer zwei Mann pro Schicht sind - da ist also echtes Potential gegeben ;-)
09:20
Bin wieso dafür, das noch mehr solcher Sicherungsposten eingesetzt werden, bei 220.000 Bahnübergängen in Deutschland ( laut Artikel ) und jeweil 6 Sicherunsposten in 3 Schichten ergebe das 660.000 Arbeitslose weniger und unsere Politik wäre wieder einen Schritt weiter auf dem Weg zur Vollbeschäftigung *G*
07:48
Ach was, der Artikel ist ok. Ich bin nämlich schon zig mal mit der S-Bahn vorbei gefahren und habe die Männer und Frauen mit den Flatterbändern für den Beweis gehalten, dass Bahn und VRR nicht in der Lage sind einen automatischen Bahnübergang zu bauen. Sozusagen 19. Jahrhundert. Oh, Mann
00:18
Ich finde den Bericht auch grandios, nämlich grandios ätzend.
Ich bin in keiner Weise mit der Deutschen Bahn verbunden, mir widerstrebt dennoch die gesamte Machart dieses Artikels.
Ich kann mir lebhaft ausmalen, wie die Berichterstattung an dieser Stelle aussähe, wenn hier wirklich was passieren würde.
Hier wird noch lässig davon gesprochen, dass
Fußgänger und Reiter, die neben ein paar Autofahrern in der ländlichen Gegend die einzigen schützenswerten Kreaturen sind.
Sollte jedoch wirklich ein Unfall passieren, mit den einzigen schützenwerten Kreaturen würde hier wahrscheinlich nach Flatterbändern und manueller Sicherung gerufen werden.
Empört würde man an dieser Stelle fragen:
Wie konnte das passieren.?
Das Unheil hätte mit ein par Flatterbändern abgewendet werden können.
Es geht hier um Sicherheit.
Daher bin ich durchaus dankbar dafür, dass hier - mit welchen Mitteln auch immer - genau diese garantiert wird.
Ein bisschen seriöser darfs ruhig sein, oder bin ich hier bei der Bild-Zeitung gelandet?
21:37
Welch grandioser Bericht.
Zur Klarstellung : der Zug löst weit beiderseits vor den BÜ´s einen Kontakt aus ,der die Schrankenbedienung auslöst.
Weshalb es den Signaltechnikern nicht gelingt das Problem in den Griff zu bekommen ist mir auch ein Rätsel.
Wieso Planfeststellungsverfahren ?
Zur Reparatur einer defekten Anlage?
Keine Ersatzteilbeschaffung über ettliche Monate möglich?
Ist Siemens im Spiel ,daß es nicht funktioniert?
Oder einfach nur ein Politikum um höhengleiche BÜ´s zu beseitigen?
Keine Bange,auf der Strecke OB-WES hat es diese Probleme auch gegeben (oder gibt es noch).