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Katastrophe

Die Erde bebt weiter

10.04.2009 | 19:24 Uhr
Die Erde bebt weiter

Mit einer bewegenden Trauermesse nahm Italien Abschied von den Opfern. Der Bürgermeister schläft jetzt im Auto.

205 Särge liegen auf den Pflastersteinen im Hof einer Polizeikaserne von L'Aquila. 185 große sind es aus hellbraunem Holz und 20 kleine, weiß lackiert. Die kleinen, die hat man auf die großen gestellt. Es sind die Särge jener Kinder, die beim Erdbeben am Montag ums Leben gekommen sind. Im Tod sollen sie ihren Müttern und Vätern nahe bleiben.

Einige Tausend Menschen haben sich am Freitagmittag in der Kaserne versammelt, um ihren Angehörigen in einem neuen, großen Ausbruch der Tränen das letzte Geleit zu geben. Es hätten noch viel mehr sein können, hätte der italienische Zivilschutz nicht allen entfernten Trauernden dringend davon abgeraten, in die Katastrophenregion zu reisen. Zu groß wären die Organisationsprobleme im erschütterten L'Aquila gewesen, auch bebt die Erde weiter – wahrscheinlich, wie Experten meinen, noch für vier oder sechs Monate.

Aus dem Vatikan hat Papst Benedikt XVI. gleich zwei Vertreter geschickt: als hierarisch höchsten Gesandten den Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone, der die Messe hält und in der Predigt von einem „Ostern der Wiedergeburt“ spricht, dazu seinen persönlichen Sekretär Georg Gänswein, der den „tröstlichen apostolischen Segen“ Benedikts überbringt.

Alle Spitzenpolitiker Italiens sind da, Staatspräsident Giorgio Napolitano, die beiden Parlamentspräsidenten. Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi hat den obdachlos gewordenen Überlebenden seine eigenen Häuser als Unterkunft angeboten. „Ich will tun, was ich kann, und darum stelle ich einige meiner Häuser bereit”, sagte der Milliardär und zweitreichste Mann Italiens.

Mit der Fassung ringt, unentwegt, auch Massimo Cialente. Er ist Bürgermeister von L'Aquila, hat am Montag sein Haus verloren und schläft seither im Auto. Der Donnerstag, das war für Cialente der schlimmste Tag. Da musste er per Dekret seine gesamte Stadt für unbewohnbar erklären.

Immer wieder blenden die Fernsehkameras die Fahne der 750 Jahre alten Abruzzenmetropole ein. „Immota manet“ haben sie, erdbebentrotzig, schon vor ein paar Hundert Jahren als Wahlspruch draufgeschrieben: „Unerschütterlich bleibt sie stehen.“ Dazu passt, als wäre es so gewollt, das Motto der italienischen Finanzpolizei an der Kasernenwand: „Nec recisa recedit“, „Auch verwundet weicht sie nicht zurück.“

Dabei ist L'Aquilas Zukunft erst einmal verschoben. Bis Ostern sollen zunächst die Bergungs- und Sicherungsarbeiten weitergehen; noch immer gelten etliche Personen als vermisst. 289 Namen umfasste die Totenliste am Karfreitag; 180 Personen liegen mit teils schweren Verletzungen in entfernten Krankenhäusern.

Das Spital von L'Aquila selbst, erst im Jahr 2000 eingeweiht, ist Montag Früh so schwer beschädigt worden, dass es bis auf weiteres nicht genutzt werden kann. Die Nachbeben – mehr als 70 allein am Gründonnerstag – haben bisher sogar die statischen Überprüfungen verhindert.

Mittlerweile hat sich herausgestellt, dass im „San Salvatore“ ausgerechnet die neuesten Teile am meisten gelitten haben; sie sind zwischen 2001 und 2003 erbaut worden und hätten den damals schon verschärften Sicherheitsnormen genügen müssen. Stattdessen sind Träger und Pfeiler zusammengebrochen. Die Staatsanwaltschaft geht dem Verdacht nach, mangelhafter Beton oder fehlerhafte Stahlarmierung könnten schuld an diesem Debakel sein.

Höhnisch weist Italiens Wirtschaftszeitung „Il Sole 24 Ore“ darauf hin, dass der barock-neoklassizistische Vorgängerbau des „San Salvatore“ nicht nur das große Erdbeben von 1703 überstanden hat, sondern dass unter seinen Eingangssäulen auch heute „nicht ein einziges herabgefallenes Stück Putz liegt“.

Paul KREINER

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