"Die Ausstrahlung war gut"
01.06.2008 | 18:38 Uhr 2008-06-01T18:38:00+0200Joachim Löws Lob für Jens Lehmann gilt vor allem für den präsenten Auftritt des DFB-Kapitäns Michael Ballack beim 2:1 gegen Serbien.
GELSENKIRCHEN. In diesen Tagen, in denen sich die Große Koalition zunehmend entzweit, ist es für die Bundeskanzlerin ganz angenehm zu Leuten zu gehen, mit denen sie prima zurecht kommt. Am Samstag, nach diesem 2:1-Sieg der deutschen Fußballer gegen Serbien, guckte Angela Merkel wie ein verliebter Teenager zu Joachim Löw auf. „Sie sind immer so liebevoll zu den Spielern”, lobte sie den Bundestrainer.
Und weil dieser Satz über unzählige Monitore in den Presseraum übertragen wurde, durften sich die Journalisten über einen ostdeutschen Backfisch freuen, der versprach, nach Wien zu kommen, um der Löw-Mannschaft beim EM-Spiel gegen Österreich die Daumen zu drücken. „Im Namen aller”, so die Kanzlerin, „wünsche ich good luck”.
Ein Thema für ein paarTage losgeworden
Es passte ganz gut, dass kurz darauf die Ziehung der Lottozahlen über die Bildschirme flimmerte. Somit wurde das Thema Glück schon wieder in den Vordergrund gerückt. Und für den ein oder anderen war dieser Samstag tatsächlich ein Glückstag. Zum Beispiel für Jens Lehmann. Denn die defensiven Serben dachten gar nicht daran, den Torhüter prüfen zu wollen. Drei Schüsse gab das Team in 90 Minuten auf das deutsche Tor ab. Ein Ball ging daneben, einer ging an die Latte und einer flog ins Netz.
Auszeichnen konnte sich Jens Lehmann nicht ein einziges Mal, was Joachim Löw zu einer Bemerkung veranlasste, über die er selber schmunzeln musste: „Jens musste keinen Ball halten, aber die Ausstrahlung war eigentlich gut.” So redet einer, der etwas Positives sagen will, aber eigentlich gar keinen Grund hat, Lob zu verteilen. Der Bundestrainer weiß das, aber es ist ihm egal, weil er froh ist, ein Thema für ein paar Tage losgeworden zu sein.
Keine offizielleNummer zwei
Ist Torhüter Jens Lehmann, der Mann ohne Spielpraxis, gut genug, um der deutschen Mannschaft bei einem wichtigen Turnier ausreichend Rückhalt geben zu können? Die Zweifel, die nach dem 2:2 gegen Weißrussland ausgeflackert sind, wurden in Gelsenkirchen nicht entkräftet, aber eben auch nicht verstärkt. Das lag auch daran, dass der DFB keinenHinweis geben wollte, wer die Rolle der Nummer zwei bei der Europameisterschaft übernehmen soll.
Auf dem offiziellen Aufstellungsbogen standen die Namen von allen zwölf möglichen Einwechselspielern, also auch die Namen von Robert Enke und Rene Adler. „Es gibt noch das ein oder andere Fragezeichen”, betonte Joachim Löw. „Wir haben einige Möglichkeiten zu variieren.” Ob er dabei auch an die Innenverteidigung gedacht hat?
Mit dem Spiel gegen Weißrussland am Dienstag und dem Spiel am Samstag gegen Serbien hat Christoph Metzelder jetzt 180 Minuten in einer Woche absolviert. Das sind mehr Pflichtspielminuten als er in der gesamten vergangegen Saison für Real Madrid absolviert hat. Und besonders beim Führungstor der Serben durch Bosko Jankovic nach 19 Minuten machte der deutsche Abwehrmann eine vollkommen unglückliche Figur.
Aber Christoph Metzelder ist klug. Er weiß genau, was er sagen muss, um nicht überheblich zu wirken und trotzdem seine Position noch zu verbessern. Ein Metzelder schimpft nicht über angeblich flatternde Bälle wie der Torhüter Lehmann, das klingt zu auffällig nach Ausrede, ein Metzelder gibt Fehler zu, betont aber zugleich, einen deutlichen Fortschritt zu bemerken. „Das Gegentor war sicher mein Fehler”, räumte er ein und fügte sofort hinzu: „Trotzdem war ich gegenüber dem Weißrussland-Spiel verbessert, die Tendenz geht in die richtige Richtung”.
Im Kurzurlaub bis zur Abreise ins Tessien am Dienstag will Löw noch einmal alles aufarbeiten. Aber er ist nach dem späten Doppelschlag von Oliver Neuville (74. Minute) und Michael Ballack (82./Freistoß) frohens Mutes. Er sieht zwar noch „Verbesserungsmöglichkeiten im Spielverständnis und in der Abstimmung”. Gleichzeitig aber verspricht er zuversichtlich, dass alle Spieler beim Turnierstart topfit sein werden. „Wir werden noch einen Sprung machen, frischer, dynamischer und beweglicher sein.”
Bei Ballack, der überragenden Nummer 13, ist das kaum noch denkbar. „Michael hat die Mannschaft permanent nach vorne getrieben. Er hat die anderen Spieler in die Verantwortung genommen und hat selbst Verantwortung übernommen”, schwärmte Löw von seinem Kapitän. Deutliche Probleme zeichen sich allerdings auf den Flügeln ab, wo Bastian Schweinsteiger schwächelt und Clemenes Fritz noch längst kein Bernd Schneider-Ersatz ist.
Und während auch Mario Gomez, vor allem aber Kevin Kuranyi im Angriff bemerkenswert ungefährlich spielten, gelang es Torschütze Neuville zumindest, seinen ureigenen Wert zu unterstreichen. Gerade „Joker” sind dazu da, das Glück auch mal zu erzwingen, besonders im Fußball. (NRZ)
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