Der Wadenkampf
14.10.2008 | 19:39 Uhr 2008-10-14T19:39:00+0200
Das DFB-Team sorgt sich vor dem heutigen WM-Qualifikationsspiel gegen Wales um den Einsatz von Michael Ballack.
DÜSSELDORF. Wie heißt es so schön: Das große Ereignis kann stündlich eintreten. Nun bekommt keiner der deutschen Nationalspieler ein Kind, für Wunder ist noch nicht einmal die medizinische Abteilung des DFB zuständig. Aber vor dem Länderspiel gegen Wales heute Abend (20.45 Uhr/ZDF) in Mönchengladbach schauen die Ärzte der Nationalelf im Stundentakt nach einem Patienten. Es geht um Michael Ballack, genauer um die rechte Wade des Kapitäns. Die hat vorgestern, wie das so heißt, zugemacht. Und nun hofft man beim DFB stündlich darauf, dass die Wade wieder aufmacht. Tut sie's nicht, wird die Elf von Bundestrainer Löw ohne Ballack versuchen müssen, die nächsten drei Punkte in der WM-Qualifikation zu holen.
Ginge es um einen anderen Spieler als Michael Ballack, wäre die Aufregung wohl wesentlich geringer. Denn Joachim Löw hat mit Torsten Frings, Simon Rolfes, Thomas Hitzlsperger, Piotr Trochowski und Bastian Schweinsteiger genügend Kandidaten, um ein ordentliches Mittelfeld auf den Platz zu schicken. Aber Ballack genießt eben doch eine gewisse Ausnahmestellung.
Oliver Bierhoff ein Fan von Ballack
Das sieht auch Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff so, der gestern die schlechte Nachricht über Ballacks Wade verkündete. „Es fällt ja nicht schwer, sportlich ein Ballack-Fan zu sein”, bekannte Bierhoff, wollte das aber nicht etwa so verstanden wissen, dass er Ballack als Mensch nicht mehr schätze: Ihr Streit nach dem EM-Finale sei längst beigelegt und, versteht sich, ohnehin nur von den Medien heiß gehalten worden. In Düsseldorf habe man rund um die Spiele gegen Russland und Wales viel reden können, sagte Bierhoff, und dass er auch mal mittrainieren durfte, habe der Stimmung nicht geschadet. Bevor der Verdacht aufkommt: auch Ballacks Wade nicht.
Die zwickt schließlich nicht zum ersten Mal und außerdem seit einem Tritt im Russland-Spiel. Da mochte Stürmer Miroslav Klose Ballacks Probleme ruhig als Zipperlein einordnen und für heute Abend fest mit dem Kapitän rechnen, es herrschte trotzdem allgemeine Sorge um die Wade. Denn sonst tut sich vor dem Spiel gegen Wales herzlich wenig: Man dürfe die Gäste nicht unterschätzen, erklärten Oliver Bierhoff und Miroslav Klose übereinstimmend.
Hauptsache, es geht wieder nach vorn
Der Münchener brachte zur Sicherheit seine Vorstellung von der richtigen Taktik auf den Punkt: Offensive. Von Wales wird offenbar nicht viel außer hartnäckiger Abwehrarbeit erwartet, und so wurde zuletzt im Training wieder die Variante mit Klose und dem Leverkusener Patrick Helmes in der Spitze und Lukas Podolski im linken Mittelfeld geprobt. Ob was daraus wird, ist Klose, siehe oben, nicht so wichtig: Hauptsache, es geht nach vorn.
Ohnehin muss man sich wohl von der Vorstellung verabschieden, dass es in der deutschen Elf derzeit Stammplätze gibt. Thomas Hitzlsperger brachte diese These gestern auf, und der Stuttgarter weiß, wovon er spricht, schließlich bekam er beim 2:1 gegen Russland überraschend den Vorzug vor Torsten Frings: „Die Zeiten, in denen viele Plätze vergeben waren, sind vorbei, man muss täglich kämpfen.”
Es sei denn, man heißt Michael Ballack. Der trägt im Moment seinen persönlichen Wadenkampf aus. Macht sie auf, ist alles gut. Beim DFB wartet man stündlich auf die erlösende Nachricht.
Irgendwie doch wie bei einer Geburt. (NRZ)
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