Der Rollentausch
28.03.2008 | 16:08 Uhr 2008-03-28T16:08:00+0100
Als Judith Nabbefeld noch ein Kind war, hat Margret König oft auf sie aufgepasst. Heute hilft die 18-Jährige ihrer Ersatzoma beim Einkaufen oder liest ihr die Post vor.
EMMERICH. Judith Nabbefeld ist mit drei Omas aufgewachsen. Mit zweien ist sie verwandt, die dritte ist Margret König. Die heute 83-Jährige kennt die junge Frau von klein auf, sie arbeitete mit ihren Eltern zusammen. Als Judiths Ankunft bevorstand, bot Margret König an, einzuspringen, sollte einmal Not am Mann sein. Heute ist es umgekehrt. Jetzt helfen Judith und ihre Familie ihrer Ersatzoma.
Die Augen machen Margret König zu schaffen, lesen oder fernsehgucken kann sie nur mit einer starken Lupe. Deshalb hilft ihr Judiths Mutter mit dem Schriftkram und Judith liest ihrer Oma Nummer drei die Post vor, wenn sie zu Besuch ist. Die 18-Jährige erledigt auch kleinere Einkäufe, bringt den Müll raus oder holt Rezepte und Überweisungen für Margret König ab. In der Regel schaut sie immer kurz bei der Seniorin vorbei, wenn sie nachmittags oder am Wochenende in der Innenstadt unterwegs ist.
Als Judith noch in der Nähe von Margret Königs Wohnung zur Schule ging, aß die Jugendliche einmal pro Woche bei ihrer Ersatzoma zu Mittag. Heute hat Judith weniger Zeit für Besuche. Sie lernt in Wesel Erzieherin, macht dort ihr Fachabitur. Also nutzen Judith und Margret König die Besuche, um Neuigkeiten auszutauschen.
Manchmal erzählt die Seniorin auch von früher oder kann der Schülerin den ein oder anderen Tipp geben, beispielweise wenn Gesundheitswissenschaften auf dem Stundenplan stehen. Denn Margret König hat 44 Jahre als Krankenschwester gearbeitet, 25 davon im St. Willibrord-Spital. „Ich lerne unterschiedliche Sichtweisen kennen”, sagt Judith. Und Margret König verfolgt mit Interesse, was sich in der Medizin über die Jahre so alles getan hat.
Judith fasst den beidseitigen Lerneffekt – auch außerhalb des Gesundheitssektors – so zusammen: „Oma lernt, wie man einen CD-Spieler benutzt und wir lernen, wie man Rouladen macht.” Und Margret König fügt hinzu: „So ergänzen wir uns.” Zwar teilen die Vertreterinnen der jungen und der alten Generation nicht alle Sichtweisen. Aber das kommt wohl in jeder Familie vor. Und Margret König, deren Verwandtschaft nicht in Emmerich lebt, sagt: „Ich bin froh, dass ich hier eine Familie habe.”
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