Der Kampf gegen die Wüste
25.11.2009 | 16:36 Uhr 2009-11-25T16:36:00+0100
Hazoua/Tunis. Der Regen bleibt aus, das Land leidet unter Wasserknappheit. Die Wüstenbildung nimmt zu. In Tunesien sind die Auswirkungen des Klimawandels schon heute sichtbar. Das Land erwartet Hilfe von den Industrieländern und setzt Hoffnungen auf den Klimagipfel in Kopenhagen.
Früher war das Leben hier in diesem staubigen Flecken an der tunesisch-algerischen Grenze sicher nicht einfacher. Die Menschen in Hazoua mussten immer im Kampf gegen die Wüste bestehen, der sie inmitten dieser spröden, kargen Landschaft eine kleine grüne Insel abgerungen haben. Aber zumindest das Wetter war berechenbarer, sagt Ali Saidi. „Das Wetter hat sich verändert”, erzählt der 59-jährige Dattelbauer. Er ist in ein traditionelles Berber-Gewand gehüllt. Die Sommer sind hier heißer geworden, im Winter fällt kaum noch Regen. Das Wasser wird knapp in dieser Oase, die 4500 Menschen ihren Lebensunterhalt sichert. Wenn es regnet, dann heftig. Im September kam in zwei Stunden so viel Wasser runter, wie sonst in neun Monaten. Viele Datteln verfaulten an den Palmen. Jetzt ist es ungewöhnlich warm. Fast 30 Grad, im November. Der Klimawandel hat Tunesien bereits im Griff.
In den frühen sechziger Jahren lebten die Menschen hier in der Gegend um Hazoua noch als Nomaden, zogen mit ihren Kamelen, Ziegen, Schafen von Weidegrund zu Weidegrund. Dann beschloss der tunesische Staat, sie sesshaft zu machen, bohrte den ersten Brunnen, teilte jeder Familie einen Hektar Land zu. 1000 Hektar, 1000 Familien, die jetzt vom Dattelanbau leben. Damals lag der Grundwasserspiegel bei 20 Metern. Heute müssen sie das Wasser schon aus 300 Meter pumpen. Das liegt daran, dass die Menschen hier wenig sorgsam mit dem Wasser umgehen, es kostet sie kaum etwas.
Temperatur ist bereits um zwei Grad gestiegen
Das liegt aber auch am Klimawandel, der Tunesien zu schaffen macht. „Es ist viel heißer geworden”, sagt Hadkom Belhadi. Sie ist die Mutter von Ali Saidi, 84 Jahre schon, gezeichnet von einem mühsamen, entbehrungsreichen Leben. Auf ihrer Stirn trägt sie eine traditionelle Stammestätowierung. Ob die Zunahme der Temperatur mit dem Klimawandel zusammenhängt oder nur gefühlt ist, weiß sie nicht. Vielleicht liegt es auch einfach daran, dass sie jetzt so alt ist und in einem Haus wohnt, sagt sie.
Die Statistik sagt: Die Durchschnittstemperatur ist in Tunesien seit 1950 um zwei Grad gestiegen. Klimaexperten sagen: Sie wird weiter steigen. Um 1,1 Grad bis 2030, hat die deutsche Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) errechnet. Bis dann wird ein Drittel der Grundwasserreserven verschwunden sein. Im Süden des Landes, dort wo Ali Saidi lebt, wird die Vegetation stark zurückgehen, um bis zu 50 Prozent. Knochentrocken ist es hier am Rand der Sahara, am Ufer des Salzsees Chott el Gharsa ohnedies schon. Hier fallen nur 200 Millimeter Regen im Jahr, in Deutschland ist es fast viermal soviel.
Es geht in Hazoua schon lange nicht mehr darum, wie der Klimawandel aufgehalten werden kann. Es geht darum, Wege zu finden, mit seinen Auswirkungen, der zunehmenden Wasserknappheit und Wüstenbildung, klar zu kommen. „Wir werden den mit den schweren Veränderungen leben müssen. Wir wollen uns hier anpassen”, sagt Saidi, der kleine Mann mit dem wettergegerbten Gesicht.
Beratung von der deutschen GTZ
Dabei hilft die GTZ den Menschen in Hazoua. Helmi Sabara, ein tunesischer Mitarbeiter der deutschen Gesellschaft, hat sie beraten, ihnen gezeigt, wie sie mit dem Wasser sparsamer umgehen können. Das Grundwasser ist ziemlich salzhaltig. Wenn die Datteln bewässert werden, bleibt eine Salzkruste zurück, die wieder weggespült werden muss, damit die Pflanzen nicht gefährdet werden. Früher versickerten so zigtausende Liter Trinkwasser im Boden. Heute wird das gebrauchte Wasser über ein Drainagesystem auf eine umzäunte Fläche außerhalb der Oase geleitet. Dort wachsen jetzt Pflanzen, die salzhaltiges Wasser vertragen und die ans Vieh verfüttert werden können. Die Pflanzen beugen der Wüstenbildung vor. Der Mist der Tiere dient als Dünger. Heute produzieren die Dattelbauern von Hazoua 160 Tonnen Datteln im Jahr. 2002 waren es noch 66 Tonnen. Ein Erfolg.
400 Kilometer weiter nördlich, in der Hauptstadt Tunis. Hier lebt ein Fünftel der zehn Millionen Einwohner Tunesiens. In einem klimatisierten Konferenzraum des Umweltministeriums skizziert Najeh Dali wortreich die Erwartungen seines Landes an den Klimagipfel in Kopenhagen. Dali ist Generaldirektor für Umwelt, der zweite Mann im Ministerium. Anzugträger, die Verkörperung des modernen Tunesiens. Tunesien ist Mitglied der G77, der Gruppe der Entwicklungs- und Schwellenländer, die mittlerweile sehr selbstbewusst in internationalen Verhandlungen auftritt. Vor fünf Jahren haben sie in Tunesien ein ehrgeiziges Klimaschutzprogramm aufgelegt, Präsident Zine el-Abidine Ben Ali will vor allem die Solartechnik voranbringen.
„Wir tragen nicht die Schuld am Klimawandel”
„Wir geben viel Geld für Klimaschutz aus”, sagt Najeh Dali. „Aber wir tragen nicht die Schuld am Klimawandel. Wir haben die Atmosphäre nicht verschmutzt.” Deswegen fordert er jetzt die Solidarität der reichen Nationen ein. „Helft uns, unsere Ziele zu erreichen.” Tunesien erwartet konkrete Finanzzusagen von den Industrieländern. 100 Milliarden Euro werden bald weltweit jährlich für Anpassungen an den Klimawandel gebraucht. „Wir hoffen, dass es zu dieser Ausstattung des Klimafonds kommt”, sagt Dali.
Im Südwesten, in Hazoua, sitzt Amor Saidi auf Teppichen in einem Zelt inmitten des Dattelhains. Der Greis ist Geschichtenerzähler, sein Körper gebrechlich, seine Stimme klar und fest. Er erzählt davon, dass der Regen ganz anders schmecke, seit die Industrie sich in Tunesien breit gemacht habe. Und er sagt, es sei an der Zeit, dass „wir unser Verhalten ändern”. Der Klimawandel, das sei eine Katastrophe, sagt Saidi. „Wenn die Hitze noch mehr steigt, wird es hier bald gar kein Grün mehr geben.” Und weggehen? Unsinn. „Die Hitze ist doch nicht nur bei uns, alle sind davon betroffen”, sagt der alte Mann.
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