Das aktuelle Wetter NRW 16°C
NRZ-Info

Der Heilpraktiker der FDP

25.10.2009 | 16:59 Uhr
Der Heilpraktiker der FDP

Der künftige Gesundheitsminister Philipp Rösler (36/FDP) ist der Exot im Kabinett. Doch er regt die politische Fantasie an.

Jörg van Essen hat sich ihm mal anvertraut. Ist ein paar Jahre her. Purer Zufall, dass er bei der Reservistenübung der Bundeswehr ausgerechnet dem Parteifreund Philipp Rösler über den Weg lief. Van Essen war krank und Rösler wiederum der Arzt, der ihn behandelte. Und alles wurde gut. Tatsächlich, der designierte Gesundheitsminister versteht was vom Fach. FDP-Chef Guido Westerwelle ist mächtig stolz auf seine Wahl. „Er wird Schwung in die Sache bringen”, meint er.

Nicht viele hatten Rösler auf der Rechnung. Der Kanzlerin fiel er bei den Koalitionsverhandlungen - ein Laufsteg - positiv auf. Der Aha-Effekt ihres Kabinetts hält sich eher in Grenzen. Der FDP-Mann ist die große Ausnahme.

Erstens ist er der erste Minister mit Migrationshintergrund, und zweitens kann er mit seinen 36 Jahren zum Jungstar werden. Der Exotenstatus ist ihm sicher, Politisch gehört der Mann unter Artenschutz. Man darf ihn zur vom Aussterben bedrohten FDP-Spezies zählen, die „Solidarität und Zusammenhalt” zu den liberalen Zielen nennt.

Das ist die richtige Haltung in der Gesundheitspolitik. Alles andere wäre sowieso ein Verrat an der eigenen Biografie. Denn ein Akt der Nächstenliebe war es schon, als der 1973 in Vietnam geborene Rösler im Alter von neun Monaten von einem Ehepaar aus Hamburg adoptiert wurde. Der Vater ist Bundeswehroffizier und war ursprünglich Mitglied der SPD. Als Sohn Philipp vier Jahre alt ist, trennten sich die Eltern. Er bleibt beim Vater. Er folgt ihm auch in die Bundeswehr und studiert Medizin.

Andere Lebensplanung

Viel weiß man nicht über Rösler als Person. Mal abgesehen davon, dass er Vater von Zwillingstöchtern, ein Lakritz-Liebhaber und Bauchredner ist. „Willi” heißt die Handpuppe, mit der er als Arzt Kindern die Angst nahm und auch die eine oder andere Talk-Shows bespaßt hat.

Weniger spaßig ist sein Job. An populäre Gesundheitsminister kann man sich eigentlich nicht mehr erinnern. Politik ist ein maliziöses Geschäft. Wenn es schief geht mit Rösler, dann ist Westerwelle einen potenziellen Rivalen los, und Merkel kann alle schlechten Nachrichten bei der FDP abladen. Es spricht für seinen Instinkt, dass Rösler erst kürzlich einen Posten in Berlin weit von sich wies. „Niemals.”

Rösler selbst bekannte freimütig, bis Freitagmittag habe er „eine andere Lebensplanung” gehabt; einschließlich der Vorstellung, mit 45 Jahren mit der Politik aufzuhören. Ein Vorsatz, dem er noch gerecht werden kann.

Noch während des Studiums hat er Politik betrieben. Mit 27 war Rösler in Niedersachsen schon Generalsekretär und drei Jahre später Fraktionschef im Landtag. Man kann ihm nicht nachsagen, er sei ein unbeschriebenes Blatt. Aber zum Papiertiger werden, kann er in Berlin schon noch.

Zuletzt war er immerhin Wirtschaftsminister im Land. Aber Verantwortung auf Bundesebene ist etwas ganz anderes und ein Unterschied wie zwischen Chef- und Oberarzt. Bis Mai 2010 hat die Koalition nicht vor, in der Gesundheitspolitik Farbe zu bekennen. Da wird erst mal eine Kommission dem jungen Minister zuarbeiten. Der Ernstfall beginnt für Rösler nach der NRW-Wahl. Die ganze Härte des neues Jobs wird er in letzter Konsequenz erst dann spüren bekommen. Dann wird man sehen, ob er ein Kreuz hat.

Zwanglos und kameradschaftlich

Wer gelegentlich Ausschau hält nach den Köpfen von Mor-gen, hat längst in Hannover angeklopft, als man noch nicht Schlange stehen musste und die Tür zu seinem Büro, buchstäblich wie bildlich, offen war. Zwei Dinge fallen sofort auf. Erstens, der Stehpult, an dem er Reden übt, über die später es heißt, er habe sie aus dem Stegreif gehalten. Zweitens die zwanglose Atmosphäre und der kameradschaftliche Umgang mit seinen Mitarbeitern.

Andere haben ihre Probleme mit Vorurteilen. Gegen seine muss Philipp Rösler nicht ankämpfen. NRZ

Miguel Sanches

Facebook
 
Kommentare
25.10.2009
20:13
Der Heilpraktiker der FDP
von Franziskus Lupus | #5

Als Arzt hat er ja zumindes ein wenig Ahnung was im Gesundheitswesen los sein könnte. Das Gesundheitsminister kein Job ist mit dem man sich sehr beliebt macht, zeigen die letzten Ministerinnen und Minister alle. Die Koalition wartet mal gelassen die Wahl in NRW ab, bevor sie den Menschen sagt, was sie plant. Keine Politik, die Vertrauen einflösst. Ich kann doch von der CDU/CSU die bereits 4 Jahre der Seniorpartner in der Großen Koalition war und von Guido Westerwelle und seiner FDP, die sich ja immerhin seit 8 Jahren auf die Machtübernahme vorbereitet, erwarten, dass sie einen Plan haben, wie sie sich die Finanzierung des Gesundheitswesens vorstellen. Aber die gründen erstmal eine Expertenkommisson. Ist ja ein dynamischer Anfang, der auf ein weiter so hindeutet und dass dauerhaft keine unbequemen Entscheidungen getroffen werden.

25.10.2009
20:13
Der Heilpraktiker der FDP
von Juppy wuppy | #4

Da muß frischer Wind rein!!!!

25.10.2009
19:50
Der Heilpraktiker der FDP
von inka | #3

Ich freue mich,dass im neuen Kabinett auch ein neuer Mann dabei ist.Den alten Hasen traue ich nicht so recht zu,die Karre aus dem Dreck zu ziehen.

25.10.2009
18:54
Der Heilpraktiker der FDP
von Arbeitender | #2

@ Helli

Auch Sie und ich werden ALT dann gehören auch wir zur überalternden Gesellschaft . Oder glauben Sie sie bleiben EWIG JUNG ?????

25.10.2009
18:38
Der Heilpraktiker der FDP
von Helli | #1

Spontan: Mir ist Herr Rösler sympathisch.

Wie er sein Amt ausübt (welchen Spielraum man ihm lässt, die Umstände ihm lassen ...), wird man sehen.

Die Gesellschaft ist überaltert. Dieses Problem wird uns mehr als eine Legislaturperiode begleiten.

Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/48897/create

Umfrage

Hat Schweden zurecht den ESC gewonnen?

 
Aktuelle Fotos und Videos
Wohngemeinschaft
Bildgalerie
Tag der Begegnung
Deutsche Meisterschaften imTrapolinturnen
Bildgalerie
Fotostrecke
Oktoberfest in Emmerich
Bildgalerie
Fotostrecke
Stadtfest
Bildgalerie
Fotostrecke
Aus dem Ressort
Präses Schneider: Gott will keinen Krieg
Video
Afghanistan-Debatte
Der Präses der Evangelischen Kirche im Video
Diether Posser - ein Anwalt der Humanität ist tot
Nachruf
Essen. 24 Jahre war er Landtagsabgeordneter, drei NRW-Landesregierungen gehörte er als Minister an. Ende der siebziger Jahre wäre er beinahe Ministerpräsident geworden. Am Samstag ist der Essener SPD-Politiker Diether Posser mit 87 Jahren in einem Pflegeheim gestorben.