Der Friedhof der gelöschten Videos
13.11.2008 | 14:29 Uhr 2008-11-13T14:29:00+0100You Tomb ist die letzte Ruhestätte von Filmen, die das Onlineportal You Tube von seiner Seite entfernt hat.
MASSACHUSETTS. Ob zum Zeitvertreib oder als Informationsquelle – die Videos des Internetportals You Tube sind beliebt. Besonders Filme, die von den Machern verändert wurden, die eine neue, lustigere Tonspur bekommen haben oder mit witzigen Untertiteln versehen wurden. Manchmal fliegen solche Videos wieder von der Seite. You Tube, das zum Internetkonzern Google gehört, löscht die Clips dann nämlich, wenn sie von Nutzern „geflagt”, also angezeigt werden. Zudem setzen die Betreiber einen Filter ein, der raubkopierte Videos automatisch erkennen und aussortieren soll. Womit sich You Tube dem Druck etlicher Rechteinhaber, unter denen sich auch große Unternehmen wie Warner oder Viacom befinden, beugt. Doch der genaue Grund, warum ein Film gelöscht wird, bleibt verborgen.
Studenten suchen nach Gründen
Um etwas Licht ins Dunkel zu bringen, haben einige Studenten des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in den USA das Projekt „You Tomb” (auf Deutsch: DuGrab) auf die Beine gestellt. Die Studentenorganisation bezeichnet sich selbst als „Watchdogs” (zu Deutsch: Wachhunde). Sie besteht aus Freiwilligen, die den Kriterien, nach denen You Tube löscht, auf die Schliche kommen wollen. Wurde wirklich gegen das Urheberrecht verstoßen?
Schutz der Kreativen
Schickt You Tube einen Film in die ewigen Jagdgründe, erscheinen die Überbleibsel auf youtomb.mit.edu. Dort findet der Besucher einen Screenshot (ein Bild) des Videos und dessen Namen, den Namen des Nutzers, der es „verraten” hat und den Zeitraum, in dem die die Datei online war. Ebenso wird gezeigt, wie viele Leute das Video angeklickt haben. Ansehen kann sich der Besucher das Video auf der englischsprachigen Internetseite You Tomb allerdings nicht mehr.
Natürlich können nur die populärsten Videos berücksichtigt werden. Für mehr fehlen dem Forschungsprojekt die Mittel. Aktuell beobachten die „Watchdogs” 272 029 Videos, haben 9308 Videos identifiziert, die wegen angeblicher Copyright-Verletzungen gelöscht wurden und 36 263 Videos, die aus diversen anderen Gründen beerdigt wurden.
Ein deutsches Pendent zum amerikanischen Gesetz des „Fair Use” gibt es nicht.
Ein deutsches Pendent zum amerikanischen Gesetz des „Fair Use” gibt es nicht. In Deutschland setzt sich die angemessene Verwendung aus verschiedenen Paragrafen zusammen. Laut § 24 des Urheberrechtsgesetzes (UrhG) darf in Deutschland „ein selbständiges Werk, das in freier Benutzung des Werkes eines anderen geschaffen worden ist, ohne Zustimmung des Urhebers veröffentlicht und verwertet werden.”
Berücksichtigt werden muss zudem § 51 des UrhG, der Zitate betrifft und außerdem Artikel 5 des Grundgesetzes: das Recht der Meinungsfreiheit.
Klingt kompliziert, ist es auch, denn „für den Nutzer ist es immer eine Wanderung auf einem sehr schmalen Grat, wenn er kommerzielles Material benutzt”, weiß Alexander Goldberg, Fachanwalt für gewerblichen Rechtsschutz und Fachanwalt für Informationstechnologie. Sein Ratschlag dürfte ganz im Sinne seiner Zunft sein: „Auf der ganz sicheren Seite ist der Nutzer nur, wenn er seinen Einzelfall jeweils von einem Anwalt prüfen lässt.”
Ziel von You Tomb ist es, die Kreativen zu schützen. Denn genau von solchen Menschen lebt You Tube: Der Reiz der beerdigten Videos lag oft darin, Vorhandenes zu parodieren – klar, dass dabei kommerzielles, sprich geschütztes, Film- und Musikmaterial verwurstet wurde. In Amerika ist dieser Gebrauch durch den Grundsatz des „Fair Use” (angemessene Verwendung) erlaubt. Der kreative Prozess in Kunst und Forschung soll durch dieses erweiterte Zitatrecht gesichert werden. In Deutschland ist die Rechtslage schwieriger, sobald es um Urheberrechtsbestimmungen geht (siehe Info-Box).
Selbst wenn sich ein Nutzer absichert, kann es dazu kommen, dass sein Video entfernt wird. Denn YouTube löscht Clips mit Hilfe von Algorithmen. Das heißt, es gibt Datenbanken, die von den Medienkonzernen selbst gefüllt werden. „Die geschützten Inhalte werden mit einer Art Fingerabdruck versehen. Taucht eine Datei auf, die auf diesen Abdruck passt, wird sie gelöscht. Dieser Fingerabdruck sorgt auch dafür, dass wiederholtes Hochladen eines Videos nichts bringt”, weiß Henning Dorstewitz von Google Deutschland.
Fingerabdruck bleibt gespeichert
Wurde ein Video also von You Tube gelöscht, wird der Fingerabdruck gespeichert und die Datei kann nicht noch einmal hochgeladen werden. Die Folge: Copyrights werden erkannt, Kunst jedoch nicht. Bleibt also nur eine Möglichkeit: Ein komplett neues Video erstellen, hochladen und auf sein Glück hoffen. (NRZ)
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