Dem Willen die Türe öffnen
06.12.2009 | 17:47 Uhr 2009-12-06T17:47:00+0100
Wie Therapeuten und Pflegekräfte Tag für Tag versuchen, Wachkoma-Patienten Schritt für Schritt ins Leben zu holen
Sabine liest ihr Buch, „Wüstenblume” von Waris Dirie. Behutsam schiebt sie die kraftlosen Hände über die Seite, und dann passiert die kleine Sensation: Sie blättert um. Und das kann sie nur, weil an ihrem rechten Ringfinger eine kleine Spitze montiert ist aus Haftfolie und einer Metallklammer. Nur aus den Schultern heraus kann die 40-Jährige ihre Hände minimal bewegen. Schlaufen tragen das Gewicht der Arme, sodass sie ein wenig an eine Marionette der Augsburger Puppenkiste erinnert. Aber sie bewegt sich selbst, ein kleiner Triumph des Geistes über den gelähmten Körper.
Weil Sabine, die ihren Nachnamen für sich behalten möchte, sieben Jahre lang nichts selbstständig konnte, gerade einmal atmen, per Luftröhrenschnitt. Allmählich aber gewinnt sie Millimeter für Millimeter die Gewalt über ihren Körper zurück.
Nicht ewig Schlafende, sondern Schwerstbehinderte
Sabine ist eine von 67 Wachkoma-Patienten im Haus Grotehof im Essener Stadtteil Frohnhausen. Schnell wird klar, zwischen den Menschen, die sich verbissen mit Rollstühlen über den Gang arbeiten oder unterschiedlich wach gemeinsam um den Kaffeetisch sitzen: Wachkomapatienten sind keine scheintoten, reglosen Schlafenden, sondern Schwerstbehinderte. Versorgt werden sie hierzulande alle, hier aber wird ihnen auch ge-holfen. Mit ungewissem Erfolg. Aber mit Chancen.
Deswegen staunte man hier so gar nicht, als vor 14 Tagen die Geschichte von Rom Hou-ben aus Belgien durch die Medien ging. Der Mann, der 23 Jahre lang im Wachkoma lag und wieder ins Bewusstsein zurückkehrte und damit eine Diskussion auslöste, ob man nicht mehr diagnostizieren und therapieren müsse.
Im Haus Grotehof werden seit neun Jahren Menschen behandelt, die oft über Jahre reglos daliegen und von denen niemand genau weiß, was im Kopf noch vorgeht und ob das Hirn irgendwann wieder Besitz ergreifen kann von seinem Körper; ob irgendwo ein zweiter Rom Houben steckt.
„Sie müssen den richtigen Schlüssel finden”, sagt Helga Losch, die Therapieleiterin. Mit 17 Kollegen und 67 Pflegekräften setzt sie Schlüssel für Schlüssel an, jeden Tag. In der Hoffnung, kleine Fortschritte zu machen. Oder – auch das zählt als Erfolg – dafür zu sorgen, dass der ein oder andere nicht noch mehr Kontrolle über den Körper verliert.
Manchmal geschehen Sensationen, die der Geschichte aus Belgien vergleichbar scheinen. Von denen sprechen sie noch nach Jahren. Wie der sprachlose Müllmann Martin plötzlich hinterrücks die Pflegekraft ermahnte: „Na, die Sachen mit dem grünen Punkt kommen in den gelben Sack!”
Auch die Geschichte von Gregor Pasucha gilt als Erfolgsgeschichte. Um ein Haar wäre sein Leben am 21. Juli 2006 auf der A2 zwischen Gladbeck-West und Gelsenkirchen-Buer zu Ende gewesen. Mit schwersten Schädel-Hirn-Verletzungen lag er im Essener Uni-Klinikum. Fünf Prozent Überlebenschance gaben ihm die Ärzte. Doch die reichten dem 34-Jährigen, um sich aus dem Koma ins Leben zurückzukämpfen. Zug um Zug schaffte es der Schachspieler, der heute nicht mehr gegen seinen Vater spielen mag, weil er ihn immer schlägt.
Mehr als zwei Jahre war er mattgesetzt – zwischen der letzten Fahrt im metallicblauen Opel Tigra und dem Heute. Die 16 Schachfiguren schiebt er am Computer so elegant übers Brett, dass er den Rechner schon mal schachmatt gesetzt hat. Sich selbst kann er nur mühevoll im Rollstuhl über die Station bewegen. Wieviel Fortschritte ihm gelingen, ist offen. Aber lieber heute als morgen würde er wieder Opel fahren – die Felgen vom Tigra hat er noch.
Irgendwann nach dem Unfall sagte sein Vater zu ihm: „Wenn du weißt, wer ich bin, heb deinen Arm.” Gregor hob den Arm. Und er lernte, mit der rechten Hand zu schreiben. Monate später zeigte er stumm aufs Telefon. Sein Vater schüttelte den Kopf: „Erst musst du sprechen lernen.” Am nächsten Tag die gleiche Szene. Vater schüttelt den Kopf – und Gregor fragte: „Glaubste etwa, ich bin bekloppt?”
Das sind die Erfolgsgeschichten im Haus Grotehof, die kleinen Wunder, wenn die ewig schweigende Frau plötzlich „Guten Morgen, Herr Dr. Jüttner”, sagt. Der Moment, wenn ein Patient auszieht ins betreute Wohnen. Oder wenn ein einstiger Wachkoma-Patient zum Stand auf der Reha-Messe kommt und wieder im Beruf ist. Knapp zwei Hände voll Erfolgsgeschichten können sie erzählen. Bei hunder-ten Bewohnern, die sie gefördert und gepflegt haben über die Jahre.
„Wir haben es mit Menschen mit schwersten Hirnverletzungen zu tun”, sagt Pflegedienstleiter Ingo Baublies. Bis vor wenigen Jahren landeten solche Menschen in Pflegeheimen – im Grotehof sind die Bedingungen besser: dreimal so viel Personal, fast nur ausgebildete Pflegekräfte – hier können sie ein paar Schlüssel mehr ansetzen, um doch noch einen Zugang zu finden und kleinen Erfolge zu entdecken; wenn ein Bewohner plötzlich wieder in der Lage ist, seinen Blick zu fixieren zum Beispiel.
Das Lehrbuch hilft - oder das genaue Gegenteil
Die Menschen hier – wie nach dem Fall in Belgien erwogen – alle paar Monate per Röntgen- oder Kernspinaufnahme zu untersuchen, um festzustellen, ob und was sich im Hirn abspielt, hält Baublies für Unfug. Hirnreaktionen auf Monitoren liefern keinen Hinweis darauf, mit welchem Schlüssel man das Schloss zum eingesperrten Geist findet, meint er. „Sie können hier alles nach dem Lehrbuch für Neurologie machen – und stellen dann plötzlich fest, dass genau das Gegenteil hilft.”
So bleibt dem Team vom Grotehof nichts, als weiter Tag für Tag Signale gegen Lähmung und Schweigen zu senden. Und auf die leisesten Echos zu horchen.
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