Das aktuelle Wetter NRW 24°C
FUSION

Das Sympathie-Band ist zerschnitten

01.09.2008 | 18:29 Uhr
Das Sympathie-Band ist zerschnitten

Keine Tränen. Aber allen ist bewusst: Der Zusammenschluss von Commerz- und Dresdner Bank kostet Arbeitsplätze.

Für Marita R. aus Essen-Schonnebeck ist das „grüne Band der Sympathie” an diesem Montagmorgen „wohl endgültig zerschnitten”. 20 Jahre ist sie nun Kundin bei der Dresdner; jener Bank, zu der man früher ging, wenn einem die Deutsche Bank zu elitär und die Sparkasse zu popelig war. „Aber wenn diese Filiale hier auch geschlossen wird, dann habe ich echt genug, dann mach ich Online-Banking”.

Diese Filiale – das ist das Stammhaus der Dresdner Bank, nur einen Steinwurf vom Essener Hauptbahnhof entfernt gelegen. Wie lange es die Dresdner hier noch geben wird, weiß an diesem Morgen niemand zu sagen. Nicht der Filialleiter, der „in Terminen ist” und „sowieso nichts sagen darf”, nicht die Zentrale des Geldhauses, das auf Sicht im einstigen Rivalen Commerzbank aufgehen wird, der 200 Meter um die Ecke am Hans-Toussaint-Platz sein mit gelben Werbebotschaften ausstaffiertes Mutterhaus in der Kulturhauptstadt in spe betreibt.

In der großen Schalterhalle der Dresdner geht am Tag der Fusionsmeldung alles seinen geregelten Gang. Keine hängenden Köpfe, keine Tränen bei den Mitarbeitern. Die Beraterbank auf Abruf macht in Normalität.

Was auch sonst? „Wir haben damit ja schon unsere Erfahrungen”, sagt ein junger Bankangestellter. Er möchte nicht zitiert werden, aber die Sache sei die: 15 000 Stellen seien ja bereits abgebaut worden in der Vergangenheit – „viel mehr geht nicht”. Sorgen um seinen Arbeitsplatz macht er sich „vorläufig nicht”. Ers-tens seien bis 2011 betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen. Zweitens, noch wichtiger: „Ameisen wie wir werden sicher weiter gebraucht”. Wir – das sind die Berater an der Kundenfront.

Den Kollegen in den Büros, etwa im Investmentbanking-Geschäft könnte es da schon eher an den Stuhl gehen. „Die Stimmung ist seit Jahren nicht die beste. Die Allianz übt Druck aus, da wir nicht die erhofften Ergebnisse liefern. Den jetzt vollzogenen Schritt kann ich verstehen”, sagt ein Banker. Auch mögliche Kündigungen? „Doppelte Abteilungen machen natürlich keinen Sinn.”

Filialen, die Tür an Tür liegen, auch nicht. Ein Betriebsrat aus NRW, der seinen Namen ebenfalls nicht in der Zeitung lesen möchte, sagt der NRZ: „Es ist völlig klar, dass in Städten mit zwei benachbarten Filialen eine dicht gemacht wird. Ich glaube aber nicht, dass dazu bereits fertige Pläne in der Schublade liegen.”

Der Bochumer Bankenexperte Stephan Paul glaubt nicht, dass Gewerkschafts-Verhandlungen den geplanten Aderlass noch verhindern können und rechnet damit, dass NRW besonders von Stellenabbau und Filialschließungen betroffen sein wird: „Allein, weil Nordrhein-Westfalen sehr dicht mit Banken besiedelt ist, und es hier sehr viele Städte mit Doppelstandorten von Commerz- und Dresdner Bank gibt.” Darunter fallen Kleve, Wesel, Dinslaken, Moers, Essen, Oberhausen, Duisburg, Düsseldorf, Erkrath, Hilden und Langenfeld.

Auch in Emmerich liegen Commerzbank und Dresdner Bank nicht weit voneinander entfernt. Wie es für die Mitarbeiter weitergeht, war gestern offen. „Wir haben alle unsere Informationen aus der Presse. Noch wissen wir nicht, was an Standorten mit zwei Filialen passiert”, sagt Gregor Schoofs, Leiter der Dresdner Bank. „Die Übernahme ist für uns generell eine schöne Sache”, erklärt Gregor Siebers, Leiter der Emmericher Commerzbank-Filiale. Klar sei aber auch, dass bei den Mitarbeitern Angst um die Arbeitsplätze herrsche.

Günter Isemeyer, Sprecher des Verdi-Landesbezirks, warnt vor Mutmaßungen: „Es ist für unsere Verhandlungen eine schlechte Ausgangslage, wenn wir zum jetzigen Zeitpunkt über die Zahl der Standortschließungen spekulieren und damit Filialen bereits tot reden.”

Commerzbank und Dresdner Bank verfügen zusammengerechnet über 67 000 Mitarbeiter und nach Angaben der Unternehmen rund 1540 Filialen. 9000 Vollzeitstellen sollen nach der Vereinigung wegfallen, mithin werden knapp 15 Prozent der Jobs bei den beiden Banken abgebaut. Die Zahl der Filialen soll bis zum Jahr 2012 um 340 auf dann noch 1200 Geschäftsstellen sinken. Ob die Hauptgeschäftsstelle in Essen dabei sein wird? Der Angestellte der Dresdner Bank beweist Galgenhumor: „Ob Grün oder Gelb, Hauptsache, das Gehalt stimmt, sonst sehe ich allerdings schwarz.” (NRZ/mb)

Dirk HAUTKAPP und Thorsten LENZE



Kommentare
02.09.2008
16:25
Das Sympathie-Band ist zerschnitten
von Hans-Jürgen Strauch | #2

Hallo NRZ,

interessant ist schon die unterschiedliche Auffassung der Emmericher Filialleiter der Commerz bzw. Dresdner Bank. Herr Schoofs weiß angeblich alles nur aus der Presse. Herr Siebers findet es generell eine schöne Sache. Aus meiner Sicht hat Herr Siebers ein Alter erreicht, bei dem er hofft durch die Übernahme in den vorzeitigen Ruhestand gehen zu können. Wenn, wie zu erwarten, Filialen geschlossen werden, wird sich die Commerzbank schon die besten Leute von beiden Banken sichern, wer will heute schon sagen Siebers ist besser als Schoofs?
Und tschüs Herr Siebers!

02.09.2008
13:23
Das Sympathie-Band ist zerschnitten
von fliegerbussard | #1

Sehr geehrte NRZ

In Ihrer “Chronik einer Bank” zum Artikel über die Dresdner Bank auf Ihrer “Die Seite Drei” haben Sie noch etwas Vergessen.
Die folgende Darstellung habe ich der Einfachheit halber aus Wikipediea kopiert. Mir persönlich war das schon länger durch eine Dokumentation im “Öffentlich rechtlichen Fernsehen” bekannt.

Die Dokumentation trug den Titel: “Mit dem braunen Band der Sympathie”

Weimarer Republik und Zeit des Nationalsozialismus [Bearbeiten]
1932 musste die Dresdner Bank auf Anordnung der Reichsregierung mit der zahlungsunfähigen Darmstädter und Nationalbank, mit der sie bereits seit 1930 eine Interessengemeinschaft verband, fusionieren. Das Deutsche Reich übernahm die Aktienmehrheit. Zwischen 1933 und 1942 expandierte das Geschäft der Dresdner Bank sehr stark, da sie engste Verbindungen zum NS-Regime, der NSDAP sowie der SS und ihnen angeschlossenen Organisationen unterhielt. So übernahm sie etwa 1935 im Zuge der „Arisierung jüdischen Vermögens“ die traditionsreiche Dresdner Privatbank Arnhold. Insgesamt gilt die Dresdner Bank als die deutsche Großbank, die am meisten in die Verbrechen der nationalsozialistischen Herrschaft verstrickt war. Besonders profitiert hat die Bank von den Eroberungskriegen der Nazis im Osten. Die Dresdner Bank hatte gehofft, in einem germanisierten Europa eine führende Rolle im Bankenbereich spielen zu können.



Mit freundlichem Gruß

Aus dem Ressort
Präses Schneider: Gott will keinen Krieg
Video
Afghanistan-Debatte
Der Präses der Evangelischen Kirche im Video
Diether Posser - ein Anwalt der Humanität ist tot
Nachruf
Essen. 24 Jahre war er Landtagsabgeordneter, drei NRW-Landesregierungen gehörte er als Minister an. Ende der siebziger Jahre wäre er beinahe Ministerpräsident geworden. Am Samstag ist der Essener SPD-Politiker Diether Posser mit 87 Jahren in einem Pflegeheim gestorben.
Debatte über Identität der Franzosen läuft aus dem Ruder
Nationalstaat
Paris. Was bedeutet es, Franzose zu sein? Diese Debatte zur nationalen Identität stießen Staatspräsident Sarkozy und sein Immigrationsminister Besson in Frankreich an. Nur läuft die Diskussion völlig aus dem Ruder. Rechtsextreme reißen das Wort an sich.
Wie Schwarz-Gelb Hartz IV umbauen will
Arbeitsmarkt
Essen. Die Berliner Regierungskoalition will die Hinzuverdienstmöglichkeiten für Arbeitslosengeld-II-Bezieher verbessern. Experten halten das für wenig sinnvoll. Und weil dadurch mehr Menschen zu Leistungsempfängern würden, sind die Städte und Gemeinden wenig erbaut über das Vorhaben.
Streusalz-Mangel - Nachfrage nach Speisesalz steigt
Winter
Essen. Not macht bekanntlich erfinderisch: Nachdem Streusalz mittlerweile auch bei vielen Einzelhändlern ausverkauft ist, weichen Verbraucher offenbar auf Speisesalz aus, um Schnee und Eis zu bekämpfen.
Umfrage
Die Schotten haben sich gegen die Unabhängigkeit entschieden, Großbritannien bleibt intakt. Wie finden Sie das?

Die Schotten haben sich gegen die Unabhängigkeit entschieden, Großbritannien bleibt intakt. Wie finden Sie das?

 
Fotos und Videos
Millionengrab Küppersmühle
Bildgalerie
Millionengrab Museum
So sportlich ging es im APX zur Sache
Bildgalerie
TAG DER BEGEGNUNG
Ein bunter Bilderbogen
Bildgalerie
Tag der Begegnung
Guildo Horn dreht auf
Bildgalerie
Tag der Begegnung
Weitere Nachrichten aus dem Ressort
Stadtfest
Bildgalerie
Fotostrecke
Unterwegs mit wenig Geld
Bildgalerie
Reise
Volleyball Damen
Bildgalerie
Fotostrecke