Das aktuelle Wetter NRW 16°C
Alt-68er

Dany Cohn-Bendit - neue Abenteuer des letzten Mohikaners

29.06.2009 | 07:51 Uhr

Brüssel. Daniel Cohn-Bendit, Veteran der 68er-Bewegung, wirbelt als wiedergewählter Chef der grünen Fraktion im Europa-Parlament. Die meisten Kampfgefährten sind aufs Altenteil geschlurft. Doch dieser Veteran längst vergangener Straßenschlachten macht immer weiter.

Früher war er Dany und rot, heute ist er Methusalem und grün – und ist doch immer noch ziemlich derselbe: Dany Cohn-Bendit, soeben einstimmig wiedergewählt als männlicher Chef der Grünen im Europa-Parlament (Chefin wurde Rebecca Harms), ist Europas lebendigster Alt-68er. Die meisten Kampfgefährten aus den wilden Zeiten sind aufs Altenteil geschlurft.

Gerhard Schröder betätigt sich als Russen-Lobbyist, Joschka Fischer gibt kluge Ratschläge und schiebt ansonsten Minu Barati sowie eine beachtliche Gürtellinie vor sich her. Nur DCB steht noch mitten im politischen Getümmel. Nach der Europawahl mehr denn je.

Auf Augenhöhe mit den Sozialisten

Bei der Abstimmung Anfang Juni haben die Grünen bemerkenswert erfolgreich abgeschnitten, vor allem in den beiden Ländern, für die der Deutsch-Franzose Cohn-Bendit steht: In Frankreich, wo er als Spitzenkandidat eines breiten, über die Parteigrenzen ausgreifenden Bündnisses angetreten war, wurde die „Europe Ecologie“ drittstärkste Kraft, auf Augenhöhe mit den Sozialisten. Die deutschen Parteifreunde und –schwestern, für die der einstige Frankfurter Multikulti-Dezernent auch schon in der Straßburger Volksvertretung gesessen hat, konnten ihr exzellentes Ergebnis von 2004 noch einmal leicht steigern.

Mehr Rückenwind haben die Öko-Freunde seit Ewigkeiten nicht in den Segeln gehabt. Und die Stunde ist günstig. Was soll's, dass der Käpt'n nun schon 64 ist, und obenrum eher etwas zauselig als so feuerrot wie auf den Bildern von der Pariser Mai-Rebellion 1968 – die Zeichen stehen auf Aufbruch: Neben der frisch gewählten Parlamentarier-Truppe wird bald eine neue Kommission ihr Amt antreten. Und wenn im Herbst endlich der Lissabon-Vertrag in Kraft treten kann, gibt es erstmals einen veritablen EU-Präsidenten und –Außenminister.

In den ersten fünf Minuten Respekt verschaffen

So ließ der kregele Vormann keine Zeit verstreichen, das Gewicht der 51 Grünen-Mandate in die Waagschale zu werfen, getreu seinem Motto „Man muss sich in den ersten fünf Minuten Respekt verschaffen“. Während die Konkurrenz noch an der Analyse der Ergebnisse bastelte, rief Cohn-Bendit eine Kampagne zur Verhinderung der Wiederwahl des Kommissionschefs Barroso aus.

Daniel Cohn-Bendit

Nicht, dass er eine realistische Alternative hätte. Aber wer weiß, was sich alles entwickelt, wenn „Stoppt Barroso!“ einen Anfangserfolg erzielt und die Absicht der Konservativen durchkreuzt, ihren Mann schon gleich zum Auftakt der neuen Legislaturperiode Mitte Juli vom EP bestätigen zu lassen.

Ein bisschen Risiko und Abenteuer

Es mag nicht immer bis ins letzte durchdacht sein, was Dany Cohn-Bendit an Ideen und Vorschlägen in die Welt setzt. Mitunter bietet er den Mitbewerbern Handhabe, ihn als Luftikus und Wirrkopf hinzustellen. Aber dafür hat er sich vom Leibe gehalten, was die offizielle Politik oft so öde macht: das steife und gestelzte Funktionärs-Gehabe ebenso wie das Getue der Wichtikusse. „Ich bin der letzte Mohikaner. Ich will nichts werden, ich will keine Macht, ich mache Europa aus Leidenschaft.“

Dass sich da „was entwickelt“, die Dynamik, das Unberechenbare der Politik - das ist Cohn-Bendits Element. Kaum einer kennt die Abläufe und Mechanismen so wie er, der jetzt in seine vierte Legislaturperiode einsteigt. Aber – so viel Sponti muss sein – spannender ist, was man nicht genau kennt. Macht auch mehr Spaß, wenn ein bisschen Risiko und Abenteuer dabei ist.

Und das dürfte es sein, was diesen Veteran längst vergangener Straßenschlachten in den Augen der Nachgeborenen frischer aussehen lässt als manchen Parteifreund und Polit-Kollegen, der weniger Jahre auf dem Buckel hat und doch schon ziemlich verflossen wirkt.

Knut Pries

Facebook
 
Kommentare
08.04.2010
15:08
Blockierter Kommentar.
von Moderation | #61

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

27.07.2009
19:24
Blockierter Kommentar.
von faktenfaktenfakten | #60

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

27.07.2009
19:09
Blockierter Kommentar.
von Thomas.Lau | #59

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

27.07.2009
19:06
Blockierter Kommentar.
von Thomas.Lau | #58

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

27.07.2009
19:01
Blockierter Kommentar.
von faktenfaktenfakten | #57

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

27.07.2009
18:46
Blockierter Kommentar.
von Thomas.Lau | #56

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

27.07.2009
18:43
Blockierter Kommentar.
von faktenfaktenfakten | #55

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

27.07.2009
18:34
Blockierter Kommentar.
von faktenfaktenfakten | #54

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

27.07.2009
18:26
Blockierter Kommentar.
von Thomas.Lau | #53

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

27.07.2009
18:18
Blockierter Kommentar.
von faktenfaktenfakten | #52

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/2261/create

Umfrage

Hat Schweden zurecht den ESC gewonnen?

 
Aktuelle Fotos und Videos
Wohngemeinschaft
Bildgalerie
Tag der Begegnung
Deutsche Meisterschaften imTrapolinturnen
Bildgalerie
Fotostrecke
Oktoberfest in Emmerich
Bildgalerie
Fotostrecke
Stadtfest
Bildgalerie
Fotostrecke
Aus dem Ressort
Präses Schneider: Gott will keinen Krieg
Video
Afghanistan-Debatte
Der Präses der Evangelischen Kirche im Video
Diether Posser - ein Anwalt der Humanität ist tot
Nachruf
Essen. 24 Jahre war er Landtagsabgeordneter, drei NRW-Landesregierungen gehörte er als Minister an. Ende der siebziger Jahre wäre er beinahe Ministerpräsident geworden. Am Samstag ist der Essener SPD-Politiker Diether Posser mit 87 Jahren in einem Pflegeheim gestorben.