Bombay stolz wie Oscar
23.02.2009 | 19:45 Uhr 2009-02-23T19:45:00+0100
Los Angeles. Indien feiert den großen Gewinner „Slumdog Millionär”, Kate Winslet, Sean Penn und Penélope Cruz freuen sich mit.
Der Oscar ist immer noch der ehrenvollste Filmpreis mit der größten Strahlkraft, aber vor allem ist er eines der wichtigsten Verkaufsargumente der Branche geworden. Eine Oscar-Nominierung ist noch nicht Gold, aber bares Geld an den Kinokassen wert. Deshalb ist es derzeit gar nicht so einfach, ins Kino zu gehen und einen Film ohne Oscar-Nominierungen zu erwischen. Acht in Aussicht gestellte Preise für das Schwulenpolitdrama „Milk”, fünf für Kate Winslets „Vorleser” , gleich 13 für „Der seltsame Fall des Benjamin Button”, der am Ende „nur” das gewann, was ihn so besonders macht: Preise für die besten Effekte, bestes Make-up, beste Ausstattung. Das nennt man Favoritensterben.
Ein farbenprächtiges Aufsteiger-Märchen
Doch die globalisierte Welt wollte es, dass ausgerechnet in den Slums der indischen Metropole Bombay der echte Rekord-Gewinn des Abends eingefahren wurde. Acht Oscars für Danny Boyles farbenprächtiges Aufsteiger-Märchen „Slumdog Millionär”! Der britische Film über einen indischen „Wer wird Millionär”-Sieger kommt ohne einen namhaften Star aus und hatte bis vor Kurzem noch nicht mal eine Verleih-Firma. Seit Sonntagnacht ist der neue Oscar-Liebling, der am 19. März in Deutschland anläuft, aber ein Welterfolg. Auch in seiner indischen Heimat, wo einige Kritiker zunächst von „Armutspornographie” sprachen, herrscht nun grenzenlose Begeisterung.
„Vorleser”-Feier auch in Essen
Weniger Grund zum Jubeln hatten hingegen die Deutschen, die dank Jochen Alexander Freydank und seinem Kurzfilm „Spielzeugland” wenigstens einen Oscar ergatterten. Vier Jahre hat der Berliner Fernseh-Regisseur an seinem 14-Minüter gearbeitet, der von einem Familiengeheimnis in der NS-Zeit erzählt. Und wenn der Preis für den besten Auslands-Film auch nicht wie erhofft an den „Baader-Meinhof-Komplex” ging, strahlte der Glanz Hollywoods doch bis an den Rhein, wo sich die Filmstiftung NRW über den Sieg der auch in Köln gedrehten Bestseller-Verfilmung von „Der Vorleser” freuen kann. Die Premiere vor dem Deutschlandstart wird morgen in der Essener Lichtburg gefeiert, wo man Oscar-Gewinnerin Winslet gern begrüßt hätte. Die strahlende Britin, die wie die meisten Damen in wirkungsvollen Schwarz-Weiß-Grau-Kreationen der angesagten Designer erschien und in ihrer Dankesrede verriet, die Oscar-Pose seit frühester Jugend mit der Shampoo-Flasche geprobt zu haben, schickt aber ihren Partner David Kross (siehe Feuilleton). Der hatte sich bei der Preisverleihung in L.A. noch nervös auf die Lippen gebissen.
Aufregender sollte die Preisverleihung diesmal sein, jüngere Zuschauer ansprechen: 2008 hatten 32 Millionen in den USA vor dem Fernseher gesessen – so wenig wie nie zuvor in 80 Jahren Oscar. So erinnerten manche Show-Elemente im Kodak Theatre mehr an die MTV-Filmpreise – und kollidierten heftig mit dem blitzenden Vorhang aus 92 000 Kristallen und Musical-Medleys.
Erstmals kein Komiker als Moderator
Zum ersten Mal seit 30 Jahren hatte die „Academy of Motion Picture Arts and Sciences” auch keinen Komiker als Moderator verpflichtet: Schauspieler Hugh Jackman ist nach Ansicht der Macher des „People”-Magazins der sexyste Mann der Welt, und die Witzchen in seinem Skript taten so wenig weh wie sein Anblick.
Noch eine nette Neuerung: Alle Nominierten bekamen eine Laudatio von ehemaligen Preisträgern. Bewegend waren dabei zwei Momente: Als Heath Ledgers Familie den Oscar anstelle des vor 13 Monaten gestorbenen Schauspielers für seine schillernd-finstere Darstellung des Joker im Batman-Film „The Dark Knight” entgegennahm. Und als „Milk”-Autor Dustin Lance Black jungen Schwulen und Lesben eine Gesellschaft der Gleichberechtigung versprach.
Mickey Rourke bleibt traurig
Weniger politically correct gratulierte Robert de Niro seinem Kollegen Sean Penn: „Wie zur Hölle hast du in den letzten Jahren all diese Hetero-Rollen bekommen”, juxte der Laudator über Penns überwältigendes wie kontrolliertes Körpersprachenkunststück als Amerikas erster schwuler Kommunalpolitiker Harvey Milk, das sogar den Favoriten des Abends in den Schatten stellte: Mickey Rourke, den die meisten für seine Rolle in „The Wrestler” bereits als Oscar-Champion gebucht hatten, trug als Schmuck ein Medaillon mit dem Bild seines vor einer Woche gestorbenen Chihuahuas Loki und blieb – traurig. (NRZ)
Mehr zum Thema: Das Oscar-Spezial
0mitdiskutieren