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„Beißt der...?”

22.07.2009 | 17:25 Uhr

Urlaubs-Reporter unterwegs, Teil II: Die Mitarbeiter der Caritas Werkstätten Niederrhein durchwandern das Gunzesrieder Tal

Gunzesried. Dies ist die Feriengeschichte von Udo, Thorten, Dirk, Willi, Peter, Anke, Edmund, Thomas, Bettina, Falko, Marcel, Frank und Klaus. Alle 13 sind Mitarbeiter der Caritas Werkstätten Niederrhein. Alle 13 sind, wie man so sagt, geistig behindert. Und sie haben gerade Urlaub im Allgäu gemacht.

 Schon auf der ersten Wiese stoppt Christa Schneider die Wandergruppe. Sie rupft einen Löwenzahn aus dem Boden und zeigt ihn in die Höhe: „Gut für die Blutreinigung. Aus der Wurzel kann man auch Kaffee machen.” Sie bückt sich erneut: „Und hier der Spitzwegerich. Prima gegen Erkältungen. Und der Saft wirkt bei Insektenstichen”. Doch davon soll später noch die Rede sein auf unserer Kräuterwanderung durchs Gunzesrieder Tal.

Die Besteigung des Grünten

 Norbert Lipperheide (52) ist jetzt Reiseleiter, eigentlich Sozialpädagoge bei der Caritas. Er erklärt mal kurz das Grundsätzliche: „In den Werkstätten Niederrhein gibt's etwa 1100 Mitarbeiter. Die arbeiten in verschiedenen Bereichen, also etwa in der Gärtnerei, in der Schreinerei, in der Metallgruppe. Jetzt im Sommer organisieren wir sieben Urlaubsfahrten: nach Berlin, in die Eifel, oder eben hier ins Allgäu. Wir haben nur Mitarbeiter dabei, die auch trotz ihrer Behinderung soweit fit und in der Lage sind, Wanderungen zu unternehmen.”

 Höhepunkt bisher war die Besteigung des Grünten. Immerhin in 1783 Metern Höhe thront dessen Gipfelkreuz. Gestartet wurde der Trip auf 800 Metern über dem Meeresspiegel. Das sind fast tausend Höhenmeter, ein ordentlicher Ritt. „Wegen des teils miesen Wetters konnten wir nicht so viel wandern wie geplant. Aber es ist deutlich zu sehen, was hier alle leisten und auch gelernt haben.” Was motiviert ihn dabei? „Das ist mein Job, die Leute weiterzubringen. Und es geht mir darum, den christlichen Glauben zu leben. Alle Menschen sind gleich.”

 Christa, die pflanzenkundige Wirtin im „Goldenen Kreuz”, übernimmt für einen Moment wieder die Regie: „Mädesüß, hilft bei Kopfschmerzen. Und das ist Oregano. Wächst überall hier. Im Allgäu muss niemand verhungern. Fascht alle Pflanzen kann man essen.” Dirk und Thorsten beömmeln sich: „Fascht... Die reden hier witzig, ne?”

Edmund meidet Serpentinen

 Es geht recht steil bergauf. Vom fülligen Regen ist der Weg noch matschig. Nur beschwerlich lässt er sich gehen. Edmund, ein Mann, der von seiner Statur her auch ein stattlicher Bär hätte werden können, geht nicht in Serpentinen, er nimmt die Direttissima, stürmt voran, lässt alle alt aussehen. Lipperheide nimmt's mit leichter Verwunderung: „Vor einer Woche sah das bei Edmund noch so aus, als wenn er bei jedem Schritt nach vorne fallen würde.” Die Natur als gottgegebener Therapieraum. Das funktioniert nicht immer und bei jedem. Aber bei den meisten stärkt das Erreichen eines Gipfels das Gefühl für den eigenen Wert. Eine Muckibude fürs Ego.

 Pause am Wegesrand. Alle kramen eine Semmel hervor, dazu gibt's Käse und Wurst. Dirk bläst auf einem Halm, Thorsten meckert kurz: „Das Gras kribbelt mir an den Knochen.” Hallo, ich dachte du bist Fußballer... „Ja schon, aber ich spiel' nur auf Asche.” Willi hat Angst vor einer Wespe, die ihn aber auch gezielt ins Visier genommen hat. Leichte Panik, Annika, eine der Betreuerinnen, beruhigt ihn. Dann bekommt Willi einen Schmetterling auf die Hand gesetzt. „Beißt der?” Nein, ganz sicher nicht. Er betrachtet das Insekt ganz aus der Nähe. Willi bewundert die Schönheit des Wesens und auch seinen eigenen Mut. Weiter geht's.

Spitzwegerich und ein Lachkrampf

 Klaus wird jetzt wirklich von einer Bremse gestochen. Er bleibt aber cool, lässt sich von Christa behandeln mit... Was? Richtig, Spitzwegerich, gut aufgepasst. „Muscht später nochmal etwas drauftun.” mahnt Christa und löst bei Dirk und Thorsten den nächsten kleinen Lachkrampf aus. „Muscht... wie geil.”

  Drei Kilometer weiter stehen alle im Kreis auf der Wiese vor dem Waldrand, haben die Handflächen wie Inder flach aneinander gelegt, einige gucken verschmitzt, andere erwartungsfroh oder neugierig, dann dringt erst leise, schnell immer lauter ein Gebrumm ans Ohr: Ommmm. Yoga im Allgäu. Dumpf dröhnt es in Richtung Alpen, fliegt über die Bäume, fängt sich im Tobel, und die Welt ist nur ein Geräusch und trotz der Berge eben und gleich.

 Nicht gegen alles auf der Welt ist ein Kraut gewachsen.Aber so eine volle Dosis Natur hat schon eine erstaunliche Wirkung. Auf uns alle.

Matthias Maruhn



Kommentare
24.07.2009
04:41
„Beißt der...?”
von etsantesse | #1

Beisst der ?

Bei uns innet Santesse heisst das

Bitthe

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