Das aktuelle Wetter NRW 17°C
Italien

Auf einen Schlag totenstill

23.06.2008 | 18:36 Uhr
Auf einen Schlag totenstill

Trainer Donadoni ist glücklich, das Land dagegen sprachlos – das frühe Aus der Azzurri bei der Europameisterschaft.

ROM. Mehr als 30 Grad Hitze liegen über Rom. Bleischwer. Kein Lüftchen regt sich. Kein Auto fährt. Alle Fenster stehen auf; überall sieht man Fernsehschirme bläulich flimmern. Und die Schreie hört man, die im Viertel aufbranden fast so laut wie im Stadion, die nervösen Anfeuerungsrufe – „vai, vai, vai!” –, das Kreischen der Frauen, immer wenn die Spanier dem Gianluigi Buffon allzu nahe auf Tor und Leib rücken, das kollektiv entnervte „Oooooo!”, wenn Luca Toni wieder einmal danebenschießt.

120 Minuten geht das an diesem Sonntagabend so. Zum Elfmeterschießen dann steigern sich die Schreie in fiebrigem, wahnwitzigem Crescendo – und dann ist's auf einen Schlag to-ten-still.

Aus „Alles wahr” wird „Alles aus”

Ihren Jubel wenden die Italiener nach außen; zum Wehklagen ziehen sie sich bedrückt ins Schweigen zurück. Wie lange dauern diese Schockminuten? Irgendwann, einen der verschossenen Elfmeter kommentierend, brüllt eine Frauenstimme mit aller Kraft quer übers Quartier: „De Rossi deficiente! De Rossi, du Blödmann!” Dann gehen Fensterläden zu und die Lichter aus.

„Alles wahr!” hatte die rosarote Gazzetta dello Sport vor zwei Jahren getitelt, als die Azzurri den Weltmeistertitel holten. „Alles aus!” jammert sie an diesem Montag in gleich großen Lettern. Und wieder einmal kommt Italiens auflagenstärkste Sport- und Tageszeitung der Stimmung im Land offenbar recht nahe.

Wegwerfende Handbewegungen

Ein Montagmorgen ist hier nie sehr aufgeweckt, aber diesmal kommen beim Frühstück in der Bar nicht mal Diskussionen über diesen Fußballsonntag auf. Nur wegwerfende Handbewegungen. Schulterzucken. „Ach, Donadoni! Ach, Toni! Lascia perdere! Vergiss es!” Zeitungen verfluchen „diesen unglücklichen 22. Juni”, an welchem das furchtbar abergläubische Italien nun schon zum dritten Mal aus einer Europameisterschaft geflogen ist: 1988 in Deutschland, 2004 in Portugal, 2008 in Wien. „Eigentlich ist der Prater ein schöner Vergnügungspark”, räsoniert ein ortskundiger Reporter, „jetzt aber hat er uns eine traurige Nacht beschert.”

Besonders lustig sei der Abend schon vorher nicht gewesen, räumen andere Journalisten ein. Ein „eher langweiliges” Spiel beklagt der angesehene Gianni Mura von La Repubblica: „Die Spanier haben mehr getan, um zu gewinnen, und das Verdienst Italiens war es – ganz ohne Ironie –, sie 120 Minuten lang zu zwingen, unter ihrem Niveau zu spielen.”

In brutalem Sarkasmus räumt Muras Kollege Maurizio Crosetti mit dem Mythos auf, beim WM-Finale gegen Frankreich in Berlin seien die Azzurri so viel stärker gewesen als jetzt in Wien. „Wir konnten es diesmal gar nicht schaffen. Uns fehlten Materazzi und Zidane. Und die Schwester von Zidane.” Ohne Materazzis Provokation damals, gerichtet gegen Zidanes Schwester, ohne dessen Kopfstoß und den anschließenden Platzverweis „hätten wir auch die WM nie gewonnen. Niemals.”

„Alles war Zufall, alles war konfus”

Zu lediglich vier Spielen haben es die Azzurri in dieser EM gebracht. Vor den Spaniern „hatten wir einfach zu viel Angst”, meint die Turiner Zeitung La Stampa: „Kaum Ideen, dafür viel Unsicherheit, richtiger Anti-Fußball.” Italien sei „gar nicht da gewesen”, sekundiert der Mailänder Corriere della Sera: „Sie haben gar nicht angefangen zu spielen. Alles war Zufall, alles sehr konfus.”

Für Italiens Kommentatoren war Luca Toni die größte Enttäuschung: In der Bundesliga Torschützenkönig – bei der EM komplette Fehlanzeige. „Eine herzzerreißende Kondition”, lamentieren Zeitungen; „Toni schleppt sich übers Spielfeld, als trüge er Sandsäcke auf den Schultern.” Schuld sind die Bayern: „Die haben ihn ausgequetscht wie eine Zitrone”, so der Corriere della Sera.

Den Hauptschuldigen an diesem EM-Desaster haben die Kommentatoren natürlich auch gefunden: Trainer Roberto Donadoni. Die Haltung ihm gegenüber schwankt zwischen Ablehnung und Mitleid. Seit Wochen schon schreiben die Zeitungen herbei, dass die Azzurri mit Donadoni nie etwas werden könnten, dass dessen Zeit abgelaufen sei und dass Marcello Lippi zurückkehre. Donadoni selbst meint, seine Azzurri könnten die EM „mit Stolz und erhobenem Haupt” verlassen; sie hätten „alles gegeben, was sie geben konnten.” Und schließlich hätten ihm selbst, als Nationalspieler früher, „Elfmeter noch nie Glück gebracht”.

Donadoni denkt nicht an seinen Rücktritt

Vor ein paar Wochen noch, als es recht zäh um seine Vertragsverlängerung ging, hatte Donadoni gesagt, der Italienische Fußballbund brauche sich keine Sorgen zu machen: „Ich weiß schon, wann ich gehen muss. Und ich tu's dann auch.” Gestern indes, nach dem schmählichen Ausscheiden in Wien, erklärte der 44-Jährige, er denke nicht an Rücktritt. „Man kann doch eine Europameisterschaft nicht nach einem verschossenen Elfmeter beurteilen!” Für alle Fälle zog Donadoni schon mal Bilanz. Über die zwei Jahre mit der Nationalmannschaft sei er „glücklich”: „Ich gehe bereichert, reifer und verbessert daraus hervor. Es war ein begeisterndes Experiment.” (NRZ)

PAUL KREINER

Kommentare
Umfrage

Hat Schweden zurecht den ESC gewonnen?

 
Aktuelle Fotos und Videos
Wohngemeinschaft
Bildgalerie
Tag der Begegnung
Ornette Coleman beim Moers Festival
Bildgalerie
Fotostrecke
Moersfestival am Sonntag
Bildgalerie
Festival
39. Moers Festival
Bildgalerie
Musik
Aus dem Ressort
Präses Schneider: Gott will keinen Krieg
Video
Afghanistan-Debatte
Der Präses der Evangelischen Kirche im Video
Diether Posser - ein Anwalt der Humanität ist tot
Nachruf
Essen. 24 Jahre war er Landtagsabgeordneter, drei NRW-Landesregierungen gehörte er als Minister an. Ende der siebziger Jahre wäre er beinahe Ministerpräsident geworden. Am Samstag ist der Essener SPD-Politiker Diether Posser mit 87 Jahren in einem Pflegeheim gestorben.