Angeklagte schweigen im Gülsüm-Prozess
06.11.2009 | 17:56 Uhr 2009-11-06T17:56:00+0100
Kleve. Grausam wurde Gülsüm S. aus dem niederrheinischen Rees im März dieses Jahres umgebracht - von wem, muss seit Freitag das Klever Landgericht klären. Doch alle drei Angeklagten, Gülsüms Vater Yussuf, ihr Bruder Davut sowie ein junger Russe, schweigen zum Prozessauftakt.
Allein in diesem Jahr wurden in Deutschland mindestens sechs junge Frauen ermordet, weil ihre Lebenspläne nicht zu denen ihrer muslimischen Familien passten. Seit dem Jahr 2000 hat die Website www.ehrenmord.de etwa 90 „Ehrenmorde” dokumentiert, die den Namen nicht verdienen, weil Mord immer niederträchtig ist und nie ehrenhaft. Auch Gülsüm S. aus Rees, deren Tod vor dem Landgericht Kleve gesühnt werden soll, starb durch die Hand grausamer Mörder.
Doch wer hat die Tat am 2. März 2009 begangen? War es ihr Bruder Davut S. (20), der sie erdrosselte und erschlug, gemeinschaftlich mit seinem russischen Kumpel Miro M. (32)? Geschah die Tat auf Befehl des Vaters, Yussuf S. (51)? Alle drei Angeklagten zogen es gestern beim ersten Verhandlungstag vor, zu schweigen.
Platzkarten - weil der Andrang so groß ist
Der Prozess erregt die Öffentlichkeit. Zum ersten Mal überhaupt gibt es in der Schwanenburg Platzkarten, weil sich mehr Besucher angesagt haben, als es Plätze gibt. Eine Hauptschulklasse aus Kalkar ist darunter. Viele betroffen schauende türkische Mädchen, aber auch Bürger aus der Umgebung, so manch einer mag die Familie mit den vielen Kindern gekannt haben.
Als Yussuf S. mit Handschellen hereingeführt wird, beginnt er laut zu weinen, muss von seiner türkischen Dolmetscherin getröstet werden. Sein Sohn Davut verbirgt sich unter der Kapuze, die Schultern so hochgezogen, als wolle er sein Gesicht dazwischen vergraben.
Richter will Prozess "unaufgeregt" führen
Richter Christian Henckel ist nicht entgangen, wie viel Wirbel der Fall Gülsüm verursacht hat. Es gab eine Dokumentation auf Sat.1, viele Zeitungsartikel. Gleichwohl sei es selbstverständlich, sagt er, dass der Prozess „vollkommen unaufgeregt, mit großer Sorgfalt und Ruhe” geführt werde.
Doch Gülsüms Tod wühlt auf - auch, weil ein Schema erkennbar wird, das fassungslos und wütend macht. Die mutmaßlichen Täter schweigen oder schieben sich die Schuld gegenseitig zu, meist ist einer minderjährig oder, wie Davut S., Heranwachsender, für den ein minderes Strafmaß in Betracht käme. In Hagen steht zurzeit ein junger Syrer vor Gericht, der seine abtrünnige Cousine auf einer Raststätte an der A 45 erschossen haben soll. Auch er bestreitet, schiebt die Schuld auf seinen flüchtigen Onkel.
Das mühsame Ringen um Wahrheit
Mühsam ringt das Gericht um Wahrheit. Am 4. März dieses Jahres wurde Gülsüm S. auf einem Wirtschaftsweg bei Rees tot aufgefunden, das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit zerschlagen. Mit Holzprügeln. Laut Anklage soll die junge Kurdin unter einem Vorwand aus der geschwisterlichen Wohnung gelockt worden sein. Der Vater soll zuvor die Schwester des Mädchens mit einem Einkauf beschäftigt haben, damit diese aus dem Weg war. Gemeinsam mit dem Opfer soll Davut S. dann in den Wald gefahren sein, wo Miro M. zustieg.
Gülsüm S. wurde gewürgt, dann schlugen beide Männer auf sie ein, heißt es. Motiv: Gülsüm hatte einen albanischen Freund, nahm eine Abtreibung in Holland vor.
Am Niederrhein gestrandet
Kurz skizzieren die drei Angeklagten ihren Lebenslauf. Drei am Niederrhein gestrandete Menschen, deren Migrationshintergrund sich wie ein Wall des Nichtverstehens auftürmt. Yussuf, der Vater. Ein ostanatolischer Bauer. Drei Jahre hat er die Schule besucht, kann kaum lesen und schreiben.
Vor 15, 16 Jahren zieht der türkische Kurde mit Familie nach Rees. Er „arbeite” beim Sozialamt, übersetzt die Dolmetscherin. Soll heißen, er lebt von Sozialhilfe. 1999 stirbt seine erste Frau, Selbstmord unter mysteriösen Umständen, wie sich im Zuge der Gülsüm-Ermittlungen herausstellt. Mit seiner zweiten Frau zeugt er wieder fünf Kinder, macht zusammen zehn.
Im Stich gelassen
Auch Miro M., der Russe, spricht kein Deutsch. Seit 2007 ist er als Asylbewerber in Rees, auch in Russland ist er gescheitert. Er wächst vaterlos auf, die Mutter lässt ihn als Kind im Stich. Er schlägt sich später nach St. Petersburg durch, ist obdachlos. Wegen seines dunklen Teints und der schwarzen Haare wird er von russischen Skins misshandelt.
Davut S. spricht gut Deutsch, war in der Schule mittelmäßig, hatte eine Freundin, bei der er oft übernachtete. Davut will lieber Geld verdienen als Schule machen, jobbt bei einer Zeitarbeitsfirma in Bocholt. Seit Längerem jedoch ist er arbeitslos.
Ende nach einer Stunde
Das ist alles, was sie preisgeben. Mehr noch - Davuts Anwalt Siegmund Benecken übergibt dem Gericht eine Liste, auf der die Schwestern S. kollektiv ankündigen, ihre Aussage vor Gericht verweigern und auch nicht erscheinen zu wollen. Richter Henckel: „Ich bin nicht bereit, es so zu akzeptieren.” Und wieder wird ein Gericht versuchen, die Wahrheit zu finden, anhand von Indizien, Handyaufzeichnungen, Aussagen.
Nach einer Stunde ist zunächst alles vorbei. Der Lehrer aus Kalkar diskutiert mit seinen Schülern auf dem Flur. Er gibt sich verhalten: „Die Beweislage ist ziemlich dünn.” Und doch hoffe er, das Gericht werde in der Lage sein, ein Zeichen zu setzen, dass man „hier so mit seinem Kind nicht umgehen kann”.
13:16
Die Ehre ist in die Hose gerutscht,....die war nur da,als es hieß eine wehrlose junge Frau tot zuprügeln,.....was für eine Schande!!
19:29
Ehrenmord???
Wo ist die Ehre der Mörder geblieben, wenn es darum geht, die Wahrheit zu sagen, nicht zu lügen und zu ihrer Tat zu stehen???