Verkehrslärm : Wenn ewig die Güterzüge rattern

Hamminkeln. Schon jetzt raubt ihnen der permanente Güterverkehr den Schlaf. Doch wenn die Strecke Oberhausen-Emmerich ausgebaut wird, werden hier noch mehr Züge fahren. Ein Besuch bei lärmgeplagten Anwohnern in Hamminkeln.
Zu den Beutings zu gelangen kann dauern. Wenn, wie oft, die Schranken unten sind, der Verkehr sich staut und man nicht abbiegen kann. Sie wohnen an der Bahn, genau dort, wo sie Mehrhoog zweiteilt. Den 6600-Einwohner-Ort zwischen Hamminkeln und Rees am Niederrhein, der als Eisenbahner-Siedlung entstand und der heute ein Sinnbild ist für gnadenlosen Fortschritt: den fortschreitenden grenzenlosen Gütertransport mit schier endlosen Zügen rund um die Uhr, mitten durch Ortschaften, Worte abschneidend, Schlaf raubend. Wenn die Strecke Oberhausen-Emmerich ausgebaut wird, wenn die Betuwe-Linie kommt, werden hier noch mehr Züge fahren, einbetoniert zwischen Lärmschutzwänden.
„Wir waren jung und hatten wenig Geld”
Die Bahn ist unser liebster Nachbar, hat Susanne Beutings Vater immer gesagt. Ihr Großvater war Bahnhofsvorsteher im Ort. Es gab Zeiten, in denen die Bahn ihre Mitarbeiter mit Grund und Boden samt Häuschen versorgte, wo sie Vieh und Garten zur Selbstversorgung hatten. „Wir waren jung und hatten wenig Geld”, sagt sie zu der Entscheidung, Ende der 80er Jahre auf dem Gartengelände ihres Elternhauses ihr eigenes Haus zu bauen. Dort, wo die heute 43-Jährige mit der Bahn groß geworden war. Mit den Zügen sei es, 20 Meter vom Gleis entfernt, erträglich gewesen. Und damals habe man sich im Dorf erzählt, die Bahnlinie sei nicht rentabel und solle reduziert oder gar geschlossen werden.
Die Unsicherheit ist groß
Genaues zur Betuwe-Zukunft weiß man nicht, und das verunsichert. Neben den Personenzügen führen derzeit täglich etwa 30 Güterzüge, sagt Gert Borg für die Weseler Bürgerinitiative „Betuwe - so nicht!”
Realistisch möglich seien auf deutscher Seite 150, die Holländer hätten für dieses Jahr 300 pro Woche angekündigt. Nach dem Ausbau seien mit moderner Signaltechnik 300 Güterzüge am Tag möglich. Die vom Betuwe-Betreiber genannte Zahl von 480 funktioniere nur ohne Personenverkehr.Die Bahn AG kalkuliere mit 180 Zügen täglich; sogar nur mit 150 Zügen, sagt Axel Pansegrau, Sprecher der Mehrhooger Initiative gegen die Betuwe-Pläne, wodurch auch der Lärmschutz tiefgerechnet werde. Zudem könnte es doppelstöckige Container-Ladungen geben. Vor 2015, schätzt Bork, kann die erweiterte Strecke nicht fertig sein. (jo/NRZ)
Später haben die Beutings ausgebaut und 20 000 Euro in neue Fenster investiert, mit drei Scheiben, vier Millimeter-Glas und Gasfüllung - zweithöchste Schallschutzstufe, wie Ehemann Jürgen sagt. Den Tagesschausprecher hatten sie nicht mehr gehört, wenn ein Zug vorbeifuhr. Und das war immer häufiger und dauerte immer länger, weil auch die Züge länger wurden, 700 Meter und testweise auch schon einen Kilometer lang. Es kamen mehr Güterzüge, und sie wurden schwerer und lauter. „In den letzten drei Jahren ist es viel extremer geworden”, sagt Susanne Beuting. „Das geht rund um die Uhr, auch nachts.” Manchmal klappern die Tassen auf dem Tisch.
Jürgen Beuting fährt nach Wesel zur Arbeit. Der kürzeste Weg führt über die B8. Er führt auch über den Bahnübergang fast vor der Tür. Grund genug, vorher links abzubiegen und den Umweg über Hamminkeln zu nehmen. „Mein Rekord sind 18 Minuten”, sagt seine Frau zu den ständigen Wartezeiten der Autofahrer an der Schranke, hinter der oft mehr als ein Zug nacheinander passiert. Ihre Kinder haben deswegen des öfteren den Schulbus verpasst.
Wenn die Bahnstrecke ausgebaut wird, fällt das Problem mit dem Bahnübergang weg.
Nicht selbst für Lärmschutz sorgen
Dann verläuft die Straße durch eine Unterführung. Zugleich sollen hier Lärmschutzwände errichtet werden, die bis zu sechs Meter hoch sind. Selbst für Lärmschutz zu sorgen hat die Bahn den Beutings verwehrt, weil sie generell keine Baulasten eintragen lasse.
Im nahen Holland haben sie gesehen, wie die Nachban mit der Betuwe-Linie umgegangen sind. Vorausschauender und vor allem: humaner. Früher, sagt RWE-Techniker Beuting, habe er geglaubt, der technische Fortschritt werde die Probleme mit der Bahn schon mindern. Aber die setze noch „Primitivtechnik” ein, verzichte auf intelligente Schranken-Steuerung, tausche Waggons mit abgeplatteten, schlagenden Rädern kaum noch aus, könnte beim zukünftigen Neubau des Gleiskörpers für Lärmschutz direkt am Gleis sorgen und die Weiche hinter ihrem Haus verlegen, so dass sie wenigstens das ständige Kla-Klong, Kla-Klong nicht mehr hören müssten. Aber sie tue es nicht. Sie habe keine Moral.
"Was, wenn ein Zug entgleist?"
Die immer mehr werdenden Güterzüge, die sie durchs Fenster sehen, transportieren auch Gefahrgut - „ätzende, toxische Stoffe in allen Klassen”, wie er festgestellt hat. „Was passiert, wenn hier ein Zug entgleist?”
Das, was schon ist, und das, was kommen soll, müsste für einen Aufschrei sorgen. Nicht allein weil die Bahn mit den Menschen rigide verfährt, sondern auch, weil das, was sie darf, unzumutbar ist. Nach etlichen Diskussionen, Resolutionen, Aktionen spürt Susanne Beuting eher das Gegenteil. Das langwierige Verfahren, das Hin und Her lasse die Leute abstumpfen. „Die haben bei der letzten Versammlung geschimpft und können es jetzt einfach nicht mehr hören.” Vielleicht würden die Geschäftsleute mobil, die durch die Bahn endgültig vom Ortskern abgeschnitten würden.
Ziviler Ungehorsam ist nicht ihr Ding
Auf die Straße zu gehen, „zivilen Ungehorsam” zu leisten, spektakuläre Protestaktionen - das sei nicht ihr Ding. „Wir kriegen den Hintern nicht hoch.” Vielleicht werde die Lärmschutzwand ja doch was bringen, und wenn sie die Sicht nehme, bleibe ja noch der große Garten nach hinten raus. Ruhe suchen und finden die Beutings im Urlaub: beim fast lautlosen Segeln in Holland. Dort, von wo die Betuwe-Linie kommt. (NRZ)
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