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Trends : Die Wirtschaftswunderfrisur

NRW, 23.03.2009, Pamela Broszat

Düsseldorf. Krise allerorten, aber bitte nicht auf dem Kopf: Schnitte aus den 50ern und 60ern sind wieder modern – unterwegs auf der Top Hair in Düsseldorf.

 Krise allerorten, aber bitte nicht auf dem Kopf: Schnitte aus den 50ern und 60ern sind wieder modern – unterwegs auf der Top Hair in Düsseldorf. Krise allerorten, aber bitte nicht auf dem Kopf: Schnitte aus den 50ern und 60ern sind wieder modern – unterwegs auf der Top Hair in Düsseldorf. Foto: NRZ

Sie sind die eigentlichen Dompteure der Nation: Die Friseure. Sie erheben den Merkelpony zur Hauptsache der Kanzlerin. Sie wissen vor allen andern, dass die Zeit reif ist für die Wirtschaftswunderfrisuren der 60er Jahre. Sie sorgen dafür, dass es der Demoskopie zum Trotz, kaum grauhaarige Personen gibt.

Seit Samstag treffen sich die Haarschneider auf der Top Hair in Düsseldorf. Auf der Fachmesse, die heute Abend zuende geht, zeigen Shows die Frühjahrs- und Sommerfrisuren, werden über 80 Fortbildungen angeboten und jede Menge Waren, die das Arbeitsleben leichter und den Salon schöner machen sollen.

Haarpflege für Kahlköpfe

Stefan Lupp ist einer der Besucher. Der 29-Jährige besitzt einen kleinen, prosperierenden Salon in Düsseldorf, der Stadt mit den meisten Friseurbetrieben der Republik. In Düsseldorf kommen auf einen Friseur 878 Einwohner, in Berlin sind es 1478. „Ich spüre nichts von der Krise” strahlt „Lupo”, dabei sind seine Preise fürs Waschen, Schneiden, Föhnen gediegen. Den offenbar krisenresistenten Schwerpunkt seiner Kundschaft bilden Männer und Frauen in den besten Jahren. Was auf sie kurz über lang zukommt? „Sixties, Fifties, reduzierte Formen”, sagt der Meister, der selbst Kahlköpfe verlockt, seinen Laden zur betreten. „Die können ja Hautpflege gebrauchen”, weiß der Teilnehmer des German Hairdressing Awards. Herren, die noch zu viel Haar für einen eleganten Trockenkranzhaarschnit haben und modebewusst daherkommen möchten, tragen ab sofort einen Pilzkopf. Korrespondierend zum Pilsbauch?

L'Oreal zeigt in seiner Show ebenfalls Bewährtes, der „Bob” zählt offenbar zu den Untoten, zu den Dauerfavoriten. Allein die Farben variieren. Das Platinblond der 60er ist wieder sehr schick, heißt jetzt aber „fairyblond”(Feenblond) und Rottöne sollen leuchten, so sagen es die Frisuren-Createure. Aufgepeppt und großstadttauglich wird der Schnitt durch gezieltes Aufföhnen am Hinterkopf. Dadurch stehen die Haare fedrig ab und lassen Assoziationen zu Hinterteilen von Truthähnen zu. Nur das die nicht nach Haarspray duften.

Dreiäugige Scheren

Nachgefragt

"Die Zehn-Euro-Betriebe bereiten uns Sorgen"

Drei Fragen zur Situation bei den Frisören.

NRZ: Viel verdienen kann man als angestellte Friseurin nicht gerade. Wie sind die Chancen, wenn man sich selbständig macht?

Wolfgang Bracht, Friseur-Innung Duisburg: Bei uns in Duisburg schlägt die Krise mittlerweile voll durch. Die Zahlen bei Neugründungen gehen zurück. Und das ist angesichts der Struktur in der Stadt auch kein Wunder: Wer als Kunde Hartz IV bezieht, sieht zu, dass er einen möglichst günstigen Friseur findet oder sich selbst die Haare schneidet. Richtig ist aber auch, dass es immer wieder junge Menschen gibt, die mit einem pfiffigen Konzept Erfolg haben. Dafür muss man natürlich hart arbeiten.

NRZ: Was muss man denn für Eigenschaften in dem Beruf mitbringen?

Bracht: Man sollte einen Sinn für Schönes haben, sich auf andere Menschen freuen, handwerkliches Geschickt mitbringen – und man sollte immer wieder am Ball bleiben, was neue Trends angeht.

NRZ: Was macht der Innung Sorgen?

Bracht: Die 10-Euro-Betriebe. Ich weiß nicht, wie die für dieses Geld vernünftige Arbeit abliefern können. Aber offensichtlich sind sie ein Spiegel der konjunkturellen Lage.

Interview: M. Lachniet

Neben der Halle, in der die Frisurenshows gezeigt werden, füllt sich eine zweite mit Ständen für Friseurbedarf. Der reicht vom violetten Kundenstuhl bis zu Regalen, in denen Sprays und Shampoos verkaufsfördernd aufgebaut werden. Feil geboten werden auch Doppeltunnelbürsten für 95 Cent, Glätteisen, Point Razor. Letztere sind Nasenhaarent-ferner, die wie lange Designer-Feuerzeuge aussehen. Prima sind die wiederverwendbaren schwarzen Silikonpads, die beim Wimpernfärben auf den Jochbeinen der Kundinnen plaziert werden, und ihr kurzfristig das Aussehen eines Footballspielers verleihen. Obwohl für die kommende Saison glatte Haare propagiert werden, bleiben Lockenwickler im Angebot: 12 Drahtwickler für vier Euro, 12 rosa Haftwickler für 1,95 Euro.

Zur Inverstition für die Gesundheit wandelt sich etwas scheinbar Simples wie der Kauf einer Schere. Für eine Dreiäugige gab es justament den Innovationspreis. Das Auge einer Schere ist das „Loch” durch das die Finger gesteckt werden. Das von Karen Schultz entwickelte Schneidegerät hat statt der üblichen zwei Augen drei. Dadurch ist eine andere, weniger anstrengende Armhaltung während des Schneidens möglich. „Die erforderliche Technik hat man nach zehn Haarschnitten drauf”, ist Schultz überzeugt.

Ein anderer Hersteller hat sich ebenfalls mit dem Problem der Schulterverspannung bei Friseuren beschäftigt und eine Schere mit drehbarem Daumenauge entwickelt. 500 Euro kostet das Modell „Rotation” mit Dolchblattklinge und individueller Einstellung der Scherenspannung. Sie sei „ideal zum 'Slicen'”, heißt es am Stand. Slicen ist das Ausdünnen des Haars.

Fremde Federn

Mancher möchte aber lieber mehr statt weniger Haarpracht vorweisen. Da kann frau sich nur mit fremden Federn schmücken, in Form von Haarverlängerung. „Guilia Siegel benutzt auch unsere Extentions”, verrät Claudia Kirschbaum. Die würden sehr fein mittels Wärmebehandlung befestigt und könnten auch nach sechs Wochen gewechselt werden, falls der Kundin die Farben nicht mehr zusagten, sagt Kirschbaum. Fühlbar ist die Korrektur nur beim Haareraufen - die Nahtstellen erinnern an Strähnchen, die mit Tesafilm umwickelt sind.

Was die Messe zeigt: Sicher vor dem Schaffensdrang der Friseure sind nur die Haare auf den Zähnen - bislang.

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