Tanz, Daisy, tanz!
KARNEVAL I. In der letzten Klever Schuhfabrik stellt Norbert Leenders noch die klassischen rheinischen Gardestiefel her.
KLEVE. Anja erkennt man am Reißverschluss, Tanja kommt ohne Herz daher. Daisy lässt sich schnüren und Doris ist genau genommen Daisy in lang. Die Vier in Leder würden Sie gerne sehen? Auf zum Rosenmontagszug. Heute marschieren hunderte von Tanjas und Daisys durch die Straßen in Duisburg, Wesel oder Goch. Auf roten oder schwarzen Sohlen, mit viel oder wenig Absatz tanzen sie über den Asphalt. Alle kommen sie aus Kleve, aus der Schuhfabrik von Norbert Leenders. In dessen Karnevalsstiefeln - Modell Anja bis Doris - steckt so manche Tanzmariechenwade zwischen Köln und Düsseldorf. Weil sich der 59-jährige Schuhtechniker auf die Fertigung der klassischen rheinischen Gardestiefel spezialisiert hat und Karneval nicht nur ein Saison-, sondern bisweilen auch ein Traditionsgeschäft ist.
Engelflügel und Bienenpelz
Es riecht nach Leder in der kleinen Schuhfabrik auf der Mittelstraße in Kleve. Seit 1957 werden hier bei "Otten&Leenders" Schuhe hergestellt und verkauft. Damals verdienten allein in Kleve noch rund 4000 Menschen mit der Fabrikation von Schuhen ihr Brot. Heute ist Norbert Leenders, der das Geschäft von seinem Vater Theodor übernahm, der einzige Schuhhersteller vor Ort.
Karneval war lange Jahre eigentlich nur Randgeschäft, entpuppte sich aber in Krisenzeiten als Marktlücke und damit als Überlebenschance für den Betrieb. "Da bin ich konkurrenzlos", sagt Leenders. Längst verkauft er nicht nur Schuhe und Karnevalsstiefel, sondern auch das bunte Drumherum. "Haben wir noch schwarze Engelsflügel?" Leenders hat. Nicht nur die. Piratenkostüm, Milva-Perücke, Luftschlangen aus der Sprühdose - hier quillt der geballte Frohsinn aus den Regalen. Und wer noch einen wärmenden Bienenpelz ("einer der absoluten Renner in diesem Jahr") sucht - zwei Stunden öffnet Leenders heute morgen für Kurzentschlossene seinen Laden. Danach stürzt sich der Schuhtechniker selbst mitten ins Getümmel - mit seinen Kollegen vom Männerballett Humus der Karnevalsgesellschaft Klever Schildbürger zieht er im Klever Rosenmontagszug mit.
Nur auf Bestellung
Die traditionellen Leenderschen Gardestiefel werden das ganze Jahr über produziert - allerdings nur auf Bestellung. Um die 1000, so Leenders, seien es pro Jahr. "70 bis 80 Prozent der Produktion geht direkt an die Vereine." Auf dem Arbeitstisch warten die Kürassierstiefel auf den eigens georderten bequemen Reißverschluss, selbst Husarenstiefel in Größe 48 sind hier kein Ding der Unmöglichkeit. Hauptsache, man klebt später beim Kamellesammeln nicht mit der Hand darunter...
Brandsohle, Fußbett, Hinterkappen
Gearbeitet werden die Stiefel mit einer speziellen Brandsohle aus Lederfasern, innen haben sie Fußbett, Hinterkappen wie bei Schlittschuhen und sind ohne Fersennaht, damit der gesprungene Spagat bei der Landung wenigstens an den Fersen weniger schmerzt. Wadenumfang - das durchschnittliche Mariechenbein misst hier so um die 28 bis 32 Zentimeter rundherum - wird selbstverständlich berücksichtigt, ebenso die Fußgröße. Farben, Zierstreifen, Absatzhöhen lassen sich je nach Bedarf variieren - Stiefel in Sondermaßen heißt das im Fachjargon, übrigens nicht zu verwechseln mit Maßstiefeln - die wären um ein Vielfaches teurer.
Die Modelle Anja, Tanja und Co. und ihre - leider - namenlosen männlichen Pendants kosten im Schnitt zwischen 70 und 120 Euro. Auch so mancher Prinz an Rhein und Ruhr trägt heute hoch auf dem Wagen übrigens Schuhwerk made in Kleve. Dann aber in der Barockversion - rot á la Louis XIV mit dickem Absatz und Schmuckschnalle.
"Karneval muss man mögen. Das ist eine Art Hobby, wie Golfspielen. Eben eine innere Einstellung", sagt Norbert Leenders, übrigens der Bruder des Klever Krimiautoren Artur Leenders. Er selbst steige auch ab und an in Karnevalsstiefel, erzählt der 59-Jährige: "Rote Lackstiefel - für die Playbacknummern im Männerballett." Das, was vom Karneval übriggeblieben ist, verschwindet hier nach Aschermittwoch mitnichten im Lager. Nicht nur Schuhe, auch jeckes Zubehör und Kostüme gibt es hier das ganze Jahr über.
Die alten Maschinen in der kleinen Fabrik erzählen ein Stück Historie der Stadt Kleve. Als er damals in der Schuhfabrik von Elefanten seinen Beruf lernte, habe er nie daran gedacht, dass ausgerechnet er selbst einmal der letzte Schuhhersteller in der Schwanenstadt werden könnte. Ein Schuhmuseum wünscht sich Leenders in Kleve. Um ein Kapitel Stadtgeschichte für die Zukunft zu bewahren.











