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Nordafrika

Kurzsichtige Strategie im Antiterror-Kampf

17.01.2013 | 18:39 Uhr
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Kurzsichtige Strategie im Antiterror-Kampf
Das Drama auf dem Erdgasfeld bei In Amenas gibt dem militärischen Eingreifen Frankreichs im benachbarten Mali eine zusätzliche Legitimation.Foto: BP/dapd

Wenn es eines Beweises bedurft hätte, wie vital und bedrohlich der islamistische Terror in Nordafrika ist, haben ihn die Fundamentalisten in Algerien auf blutige Weise geliefert. Das Drama auf dem Erdgasfeld bei In Amenas gibt dem militärischen Eingreifen Frankreichs im benachbarten Mali eine zusätzliche Legitimation. Selbstverständlich verfolgen die Franzosen in ihrer ehemaligen Kolonie wirtschaftliche Ziele; um Rohstoffe wie Uran auszubeuten, braucht es ein einigermaßen stabiles politisches Umfeld. Aber der Krieg, den Paris gegen die diversen militanten Gruppen begonnen hat, die sich im Norden Malis breit gemacht haben, dient eben auch und vor allem der Sicherheit Europas. Es wäre fahrlässig, El Kaida und ähnlichen Gruppierungen so nahe am Mittelmeer einen sicheren Rückzugsraum zu gewähren; es wäre grausam, die einheimische Bevölkerung dem Regime der Islamisten auszuliefern. Der deutsche Beitrag ist angesichts der akuten Gefahrensituation bestürzend bescheiden.

Aber: Die Entwicklung in Nordafrika zeigt einmal mehr, wie fatal es ist, allein auf die militärische Karte zu setzen und für die Zeit nach Militäreinsätzen keinen Plan zu haben. Der Terror in Nordafrika, aber auch im Nahen und Mittleren Osten, wuchert nicht trotz, sondern auch wegen des militärischen Engagements des Westens in diesen Regionen. Durch den Sturz des libyschen Machthabers Gaddafi ist die Sahelzone mit Waffen überschwemmt und destabilisiert worden. In den Wüsten des Irak unterhält El Kaida Trainingscamps; immer wieder führt die Terrororganisation im Zweistromland verheerende Anschläge durch. In Syrien hat sich der Aufstand gegen Assad zu einem Religionskrieg entwickelt. Auch, weil fundamentalische Rebellen mit Waffen aus dem Ausland ausgestattet wurden.

In Kriegseinsätze investiert der Westen Milliarden, wenn nicht Billionen. Für den Aufbau rechtsstaatlicher und demokratischer Strukturen, für Investitionen in Bildung und Infrastruktur, kurzum: in das, was Frieden dauerhaft sichert, bleiben allenfalls Kleckerbeträge übrig. Ein fundamentalistisches Land wie Saudi-Arabien, aus dem Millionen zur Unterstützung sunnitischer Terrorbanden fließen, wird als Partner gehätschelt und hochgerüstet. Bleibt der Westen bei dieser kurzsichtigen und heuchlerischen Strategie, wird der Kampf gegen den Terror niemals enden.

Jan Jessen

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