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Musik

Warum sich die Pet Shop Boys unsichtbar fühlen

03.09.2012 | 19:46 Uhr
Die Pet Shop Boys: Neil Tennant und Chris Lowe.Foto: dapd

Köln.   Im Interview berichten die Pet Shop Boys Neil Tennant (58) und Chris Lowe (52) über ihre überwundene Midlife-Crisis, die geheuchelte Bescheidenheit vieler Popstar-Kollegen - und natürlich über ihr neues Album, mit dem sie wieder sichtbarer werden.

Wie ein altes Ehepaar wirken Neil Tennant (58) und Chris Lowe (52) beim Gespräch im Kölner Hyatt-Hotel. Seit 31 Jahren firmieren sie schon als Pet Shop Boys. Mit „Elysium“ – der Name ist inspiriert vom Elysian Park in Los Angeles – veröffentlicht das Duo nun sein elftes Studioalbum. Aufgenommen wurde es in L.A., „um einen warmen, kalifornischen Elektrosound hinzubekommen“, wie Tennant erklärt. Im Interview reden die beiden über hohle Popstar-Phrasen und ihre Furcht vor einem Anti-Aging-Gesetz.

Meine Herren, seit Ihrem letzten Studioalbum „Yes“ im Jahr 2009 sind viele positive Dinge bei den Pet Shop Boys passiert: Sie haben den „Outstanding Contribution“-Preis bei den Brit Awards erhalten und Ihr Ballett „The Most Incredible Thing“ wurde mit einem Theaterpreis ausgezeichnet .

Neil Tennant: Ich denke, mit der Würdigung bei den Brit Awards kam alles ins Laufen. In Großbritannien brachte uns das in die Köpfe der Leute zurück. „Yes“ verkaufte sich speziell in Deutschland gut. Und auch die Tour danach war ein riesiger Erfolg.

Umso mehr verwundert es, dass die Texte des neuen Albums so deprimierend sind, wo sich die Pet Shop Boys doch quasi im zweiten Frühling befinden.

Tennant: Das sind wohl einfach wir – Männer in unserem Alter.

Da ist von gescheiterten Lieben die Rede, und Sie stellen sogar Ihre Karriere in Frage, wie es scheint. Ist das die Midlife-Crisis?

Chris Lowe: Haha, über die sind wir längst hinweg. Die hatten wir bei „Nightlife“ 1999. Und sicher auch bei „Release“ aus dem Jahre 2002.

Pet Shop Boys in Düsseldorf

Tennant: Meine beiden Eltern verstarben in den letzten Jahren. Der erste Song des neuen Albums handelt vom Tod, dem Verlassen. Aber er hat eine optimistische Botschaft. Es ist die alte kitschige Idee, dass Liebe niemals stirbt, weil da immer die Erinnerung ist und die Auswirkung davon. Schöne Idee, oder?

Aber im Song „Invisible“ lösen Sie sich in Nichts auf!

Tennant: Ja, da sind wir unsichtbar. Das Lied ist inspiriert von der Autorin einer Zeitung, die meinte: Wenn du eine Frau von 45 Jahren bist und du kommst bei einer Party durch die Tür, könntest du genauso gut unsichtbar sein! Und ich dachte: Es ist dasselbe, wenn du ein Mann bist! Es ist auch ein Statement über unsere Position in der Popkultur: Einige Radiostationen spielen uns nicht, selbst wenn sie finden, dass die Lieder fantastisch sind. Weil wir alt sind. Ich bin überrascht, dass noch keine Anti-Aging-Gesetze erlassen wurden!

Ihr Song „Ego Music“ klingt wie eine Aneinanderreihung von Popstar-Phrasen. Haben Sie Interviews anderer Künstler analysiert?

Album
Die Pet Shop Boys mal anders herum

Keine andere Band steht für perfekten und melodischen Elektropop wie die Pet Shop Boys. Seit 1985 setzt das Duo Maßstäbe und platziert Hit um Hit in den Charts. Jetzt widmen sie sich einer Rückschau auf ihre B-Seiten und zeigen tatsächlich eine andere Seite.

Tennant: Ja, natürlich! Es ist ein humorvolles Stück. Es sind tonnenweise Schnipsel von verschiedenen Interviews, die ich gelesen habe.

Nennen Sie Namen, bitte!

Tennant: Ich nenne keine. Es geht nicht um Lady Gaga, was man vielleicht vermuten könnte. Aber da gibt es so einige weibliche Sängerinnen, die eine folkige Art des Gesangs haben und auf kleines, unschuldiges Mädchen machen.

Wenn Sie in besagtem Lied singen, dass manche Sie für eine ängstliche Diva halten, ist das wohl nicht autobiografisch?

Tennant: Nein, ich tue da nur so, als wäre ich Popstar.

Aber Sie sind keiner?

Tennant: Wenn man heutige Maßstäbe ansetzt, vermutlich nicht. Die Achtziger-Popstars waren immer cool und reserviert. Ich denke an Prince oder The Human League. Wir waren oft gemeinsam bei TV-Shows in Deutschland. Bei den Proben durften wir dann fotografiert werden. Niemand von uns mochte das! Also absolvierten wir unsere Proben immer mit dem Rücken zu ihren Kameras. Heute hingegen sind alle in die Idee von Ruhm verliebt.

Da wollen Sie nicht mithalten!

Tennant: Nein. Aber was mich peinlich berührt, ist vorgetäuschte Bescheidenheit. Schauen Sie sich die Popstars und ihre Tweets an! Alle sind immer so bemüht demütig. Es ist so heuchlerisch. Denn die einzige Sache, um die es in der Popmusik geht, ist das eigene Ich. Warum würde man sie sonst machen?

Ist also jede Musik Egomusik?

Tennant: Um ein Star zu sein, musst du ein großes Ego haben.

Wie groß ist das Ego der Pet Shop Boys?

Tennant: Immer so groß wie unsere Plattenverkäufe.

Also schrumpfend?

Tennant: Haha, die Pet Shop Boys haben nie wirklich als Popstars gearbeitet. Wir waren immer die Typen, die ein Image hatten und es für sich stehen ließen. Wir waren nie eine Seifenoper.

Katja Schwemmers



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