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Von Tänzern und Arbeitern - Wie Klischees im Fußball funktionieren

18.06.2012 | 06:15 Uhr
Von Tänzern und Arbeitern - Wie Klischees im Fußball funktionieren

Essen  Die Deutschen spielen Rumpelfußball, die Brasilianer tanzen Samba. Nationale Stereotypen lasten schwer auf dem Sport. Doch langsam verschwimmen die Grenzen von Rumpel- und Sambafußball. Stimmen die üblichen Länder-Klischees, oder sind es nur Plattitüden?

Es ist so wunderbar griffig: Die Franzosen sind ballverliebt, die Brasilianer tanzen Samba auf dem Platz, die Deutschen sind ehrliche Arbeiter, die Spanier Zauberer und so weiter. Am Sonntag geht es gegen die Dänen, da stehen die Kontrahenten metaphorisch schon fest: Deutsche Wertarbeit gegen Danish Dynamite. Das sind Fußballstereotype, die zur Berichterstattung gehören wie das Vater Unser zum Gottesdienst.

Seit der WM 2002 analysiert Rolf Parr, Professor für Literatur- und Medienwissenschaften an der Universität Duisburg-Essen, bei allen großen Turnieren solche nationalen Zuschreibungen. „Das geht jetzt schon wieder so los wie bei der WM in Südafrika“, erzählt Parr. „Da hieß es plötzlich zur Mitte der WM, Deutschland spiele schön wie Brasilien. Am Ende aber war es doch wieder der übliche Rumpelfußball.“

Deutsch heißt: Disziplin

Seit jeher bekommen Nationalmannschaften Eigenschaften zugesprochen, die nicht unbedingt ihre wahren sind, sondern konstruierte Attribute. Der deutsche Fußball steht für die berühmten Tugenden wie Arbeit, Ordnung, Disziplin und Kampf. Die Briten sind die aggressiven und harten Klopper und die Franzosen spielen den leicht dekadenten Champagnerfußball. „Diese Stereotype stammen aus dem 19. Jahrhundert“, erklärt Parr, „aus der Zeit, als sich die Nationalstaaten bildeten.“

Damals galten die Briten wegen ihrer erfolgreichen Industrialisierung als materialistisch, zielstrebig und rational. Wenn indes von Frankreich die Rede war, wurde das Verspielte, Unernste betont, die leichte Seite des Lebens. Und die Deutschen lagen mit ihrer romantisch-idealistischen Tradition und ihrem Realitätssinn irgendwo dazwischen. „Man sagte: Die Luft gehört den Franzosen, die Weite des Meeres den Engländern – der Deutsche aber steht auf festem Boden und ist zugleich so tief grüblerisch wie der dunkle deutsche Wald“, erklärt Parr. Diese Zuschreibungen übertrugen sich auf den Fußball und wirken bis heute nach.

Stereotype funktionieren in zwei Richtungen

Stereotype funktionieren in zwei Richtungen, positiv und negativ. Gewinnt die deutsche Elf, ist es ein ehrlicher Arbeitssieg, verliert sie, ist es Rumpelfußball. Das geht auch mit anderen Nationen: Entweder handelt es sich um Danish Dynamite, oder die Mannschaft hat Fehlzündungen. Brasilianer sind im Erfolgsfall filigrane Balltänzer, oder aber Individualisten, die den Sieg vertändeln. „Die USA spielten in der Berichterstattung einmal wie Weltmeister, dann wie Hausmeister.“ Dieser Stereotypenschalter sei prima für die Sportjournalisten, sagt Parr, „sie brauchen einfach nur umschalten“.

Doch seit der WM 2010 bemerkt er eine erstaunliche Entwicklung. Die von den Medien verwendeten Stereotype beginnen, die nationalen Grenzen zu überspringen, der Umgang damit werde kreativer. „Plötzlich spielten die Deutschen schön wie die Niederländer, während diese Rumpelfußball ablieferten.“ Die Stereotype blieben zwar die gleichen, nur wurden sie nun auf andere Mannschaften gemünzt: sie globalisierten sich.

„Vorher wurden sie benutzt, ganz egal was auf dem Platz passierte. Jetzt sind sie gekoppelt an den tatsächlichen Spielverlauf. Das ist neu“, sagt Parr. Langsam komme man ja auch durcheinander, wenn etwa Polen oder Spieler mit türkischen Wurzeln in einer Mannschaft spielen. „Auch wenn Podolski ein Tor für Deutschland schießt – für die Polen ist es immer ein Tor für Polen.“

Ein Sonderfall sei die britische Presse, beobachtete der Wissenschaftler. Die verwende immer noch gerne Begriffe mit militärischem Rumms. Da werde von Panzern geredet, von Angriffswellen, Kanonenschüssen, Bollwerken und Bomben – Ballspiel als Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. „Aber das gibt es so nur auf der Insel.“

Sind die Journalisten zu phantasielos, um sich einmal etwas Neues einfallen zu lassen? Das findet Parr nicht, zwar sind Stereotype zuweilen brisante, historisch grundierte Zuschreibungen, doch in der Regel sind sie nützliche Abkürzungen. „Darüber kann man sich schnell verständigen. Jeder weiß, was mit Samba-Fußball gemeint ist. Das sind bekannte Vokabeln, die man nur aufrufen muss.“

„Alles Erdbeerpflückerinnen“

Dass sich der Professor so intensiv mit dem Thema nationaler Stereotype in der Sportberichterstattung befasst, ist übrigens einem echten Ausrutscher zu verdanken: Es passierte beim Eiskunstlauf der Damen bei irgendeiner Winterolympiade. Die Rumänin fiel hin und der Reporter sagte: Da liegt sie auf dem Eis, aber das ist ja klar, die sind alle Erdbeerpflückerinnen. Die kennen das so. „Darüber habe ich mich schwer geärgert.“



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