Buddenbrooks: Ein Film von einiger Größe
17.12.2008 | 07:34 Uhr 2008-12-17T07:34:00+0100
Essen. Breloers „Buddenbrooks” bieten 151 gefühlsgesättigte Minuten Weihnachtskino mit den großen deutschen Mimen wie Armin Mueller-Stahl, Iris Berben, Jessica Schwarz, August Diehl.
Es gibt Bücher, die sich immer wieder anders lesen. Und so ist aus Thomas Manns Jahrhundertroman „Die Buddenbrooks” beinahe so etwas geworden wie die Vorstudie zur aktuellen Finanzkrise. Man kann das ausschlachten, muss es aber nicht. Deshalb ist „Buddenbrooks”-Regisseur Heinrich Breloer zu loben, wie er den Bogen vom Kaufmannsniedergang an der Schwelle zur Industrialisierung zur heutigen Weltwirtschaftskrise gezogen hat, ohne ihn zu überspannen. Nein, seine Lübecker Patrizier sind immer noch Menschen von holsteinischem Schrot und Korn, streng in ihrer Moral, eisern in ihrer Disziplin, rechtschaffen in ihren Geschäften, überlegen in ihrem Standesstolz, skeptisch gegenüber schwärmerischen Glücksansprüchen. Und trotzdem ist all das, was der Roulettetisch namens Leben an Gewinn bereithält, am Ende des Romans verspielt: Liebe und Wohlstand, Ansehen, Einfluss und Familienzusammenhalt.
Der Bundespräsident ist auch dabei
Kinostart: 25.12.2008
Regie: Heinrich Breloer
Darsteller: Armin Mueller-Stahl, Jessica Schwarz, August Diehl, Mark Waschke, Iris Berben, Léa Bosco, Raban Bieling, Justus von Dohnányi, Alexander Fehling u.a.
151 dichte, gefühlsgesättigte Minuten gibt Breloer dieser nobelpreisgekrönten Geschichte vom Fall einer Handelsdynastie, erzählt von den Rivalitäten der Reichen, ihrem Scheitern am Umbruch und auch an ihrer Unbeweglichkeit. Ein opulentes Projekt mit großen Kulissen und erlesenen Kostümen. Dazu die Garde deutscher Großschauspieler: Armin Mueller-Stahl, Iris Berben, Jessica Schwarz, August Diehl und der Theater-Mime Mark Waschke. Dass Breloers Film, der am 25. Dezember in die Kinos kommt, den deutschen Roman schlechthin bebildert, markiert nicht nur die Anwesenheit des Bundespräsidenten Horst Köhler, der zur Weltpremiere in der Essener Lichtburg anreist. Mit mehr als 16 Millionen Euro sind die „Buddenbrooks” nach dem „Boot” auch das aufwendigste Projekt der Bavaria. Ein Geschäft von einiger Größe, wie Konsul Jean Buddenbrook zu sagen pflegt.
Armin Mueller-Stahl hat für den Part des Patriarchen sogar Hollywood abgesagt. Er ist das erhabene Zentrum in einer überhitzten Handelswelt, in der Familie und Firma zugleich den Wachstums-Strategien unterworfen und „Geldhochzeiten” an der Tagesordnung sind.
Glück und Reichtum schließen sich aus
So konzentriert sich der Film rasch auf die großbürgerlichen Beziehungsanbahnungen. Die Kindheit der drei Buddenbrook-Sprösslinge ist mit einem Rutsch vorbei und die hofierte Tony (Jessica Schwarz) die erste, die lernen muss, dass Glück und Reichtum sich ausschließen können. Ihre Muss-Ehe mit dem Mitgiftjäger Bendix Grünlich wird ein Desaster, und es soll nicht die letzte Enttäuschung sein, die über die von Konsulin Bethsy (Iris Berben) mit Haltung geführte Familie kommt. Christian (August Diehl), der jüngere Bruder, fühlt sich zu Tingeltangel und Theatermädchen hingezogen als zu Schreibpult und Zahlen. Nur sein besonnener Bruder Thomas (Mark Waschke) versucht sich ins Korsett von Tradition und Pflicht zu fügen. Er heiratet eine schöne, reiche Frau, bekommt einen Sohn und atmet im Gossen-dreck seine letzten Atemzüge. Bewegend sind diese Schicksale, Tode, Niedergänge, aber für die tragische Tiefe bleibt trotz Überlänge kaum Zeit.
Elf Folgen umfasste die letzte TV-Verfilmung (1979). Die letzte Kinofassung liegt 50 Jahre zurück, 1959 mit Lieselotte Pulver und Hansjörg Felmy. Der erste Film erschien bereits zu Lebzeiten Manns und wurde von ihm als „strohdummes Kino-Drama” abgetan.
Untergang vor dem Neuanfang
Breloers Kinodebüt aber hätte wohl auch ihm gefallen; nah an der Vorlage und doch kein Museumsstück. Wie der Autor seine Seelenbilder in detailverliebte Raumskizzen überträgt, malt die Kamera von Gernot Roll Stimmungsbilder in Goldbraunpatina, fährt durch Ballsäle und Kontore, Flure und Salons. Lübeck rückt vor allem mit dem Holstentor ins Bild, was oft passiert und schon auf die spätere Ausstrahlung als TV-Zweiteiler einstimmt, in der ein Wiedererkennungszeichen die Zuschauer bei der Stange halten soll. Bis dahin sind „Die Buddenbrooks” erst einmal ein stimmungsvoller Weihnachtsfilm, der vom Untergang erzählt und uns trotzdem mit Zuversicht ins neue Jahr ziehen lässt. In jedem Scheitern steckt ein Neuanfang; zumindest im Kino. (NRZ)
11:40
Habe gerade das Theaterstück gesehen und war begeistert , nun freue ich mich auf den Film und hoffe auf eine Steigerung , da es im Film ja doch noch mehr Möglichkeiten gibt .