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Große Gefühle vergehen nicht, sagt Dirigent Herbert Blomstedt

10.07.2012 | 18:47 Uhr
Große Gefühle vergehen nicht, sagt Dirigent Herbert Blomstedt
Dirigent Herbert Blomstedt zeigt auch mit 85 Jahren keine Ermüdungserscheinungen.Foto: Gert Mothes/PR2 classic/dapd

Istanbul.   Herbert Blomstedt wird am Mittwoch 85 Jahre alt. Der scheue Pultstar mit schwedisch-amerikanischen Wurzeln, der schon Chef der Dresdener Staatskapelle und des Leipziger Gewandhausorchesters war, spricht über den Fortschritt durch Neinsagen, den Teufel und das Geschenk der Musik.

Er gilt als stiller Star unter den großen alten Dirigenten. Herbert Blomstedt, Amerikaner mit schwedischen Wurzeln, war Chef der legendären Staatskapelle Dresden, folgte Kurt Masur am Leipziger Gewandhaus, dirigierte die großen Orchester von Chicago bis Amsterdam. Im hohen Alter luden ihn die Wiener Philharmoniker 2011 zum Debüt. Mit ihnen ist der Maestro derzeit am Mittelmeer auf Tournee. Lars von der Gönna traf Herbert Blomstedt am Vorabend seines 85. Geburtstags am Mittwoch.

Fragen Sie sich nach einem so langen Leben für die Musik, was davon Arbeit war und was ein Geschenk?

Es steckte jede Menge Arbeit dahinter, wirklich. Aber das ist trotzdem ein Geschenk. Diese Mischung ist nicht leicht zu erklären: Man muss auch zum Geschenk einer Begabung seinen Teil leisten, sonst kommt es selten zum Großen.

Sie sind ein bedeutender Dirigent, aber vom schillernden Pultstar weit entfernt. Haben Sie das so gewollt?

Ich bin eine sehr scheue Person. Sie glauben nicht, was es mich früher für eine Überwindung kostete, Menschen nahe zu sein. Inzwischen geht es. Im höheren Alter ist es mir gelungen, die Scheu etwas abzulegen.

Hier auf dem Schiff können Sie den Fans gar nicht entgehen…

Ja, mich grüßen lauter Menschen, die ich nicht kenne, Japaner vor allem. Jedes Konzert, das ich in Japan dirigiere, wird im Fernsehen übertragen. Was mir an der Nähe gefällt, ist die Erwartung, die ich spüre. Das spornt jeden Musiker an: wir strengen uns noch mehr an.

Religion spielt in Ihrem Leben ebenfalls eine große Rolle.

Der Glaube ist zentral in meinem Leben, auch wenn ich dirigiere. Aber ich glaube, es gibt gute Musik auch von Atheisten (lacht). Im Ernst: Das Wesentliche ist nicht, an den einen Gott zu glauben, den die Christen Gott nennen. Oder die Muslime. Oder die Juden. Das ist derselbe Gott. Aber sie suchen alle etwas Absolutes. Etwas, was außerhalb des Menschen wirkt. Auch die Kunst tut das: Sie sucht das Absolute, auch wenn wir Menschen wissen, dass es das nicht gibt. Aber wenn wir die Suche aufgeben, dann ist alles verloren.

Leiden Sie als bekennender Christ, zu sehen, wie die Religion überall auf der Welt so oft scheitert?

Ich schäme mich, dass so viel Grausames, Furchtbares im Namen der Religion passiert. Genauso schlimm sind die Feindschaften unter den Religionen. All das bringt den Glauben in Verruf. Ich glaube leider, das ist den Fanatikern, die es in jeder Religion gibt, nicht egal, sondern gar nicht mehr bewusst. Sie haben jeden Verstand, jede Vernunft verloren.

Ist der Mensch ein zu schwaches Wesen?

Wenn man an den Teufel glaubt – und an den muss man ja glauben, wenn man an Gott glaubt – dann hat der schlimme Vorteile. (lacht)

Sie werden jetzt 85. Um Sie herum wuchert eine volldigitalisierte Welt. Fühlen Sie sich im Zeitalter der elektronischen Fetische als einer von gestern?

Wir haben unsere Zivilisation ja immer definiert über Fortschritt, technischen besonders. Jede Neuerung war ein Plus. Ich glaube, heute sind wir an einem Punkt angekommen, wo Fortschritt - geistiger vor allem - darin besteht, dass man „Nein“ sagt. Ich mache der Technik keinen Vorwurf, sondern uns! Viele von uns haben die Anwendung verlernt. Reduktion ist die Leistung, die wir bringen müssen: Abschalten!

Sie dirigieren über sechzig Jahre, das sind tausende Konzerte. Fragen Sie sich manchmal, wo die Musik all dieser Abende geblieben ist?

Tja, die Musik ist weg: Luft, Schwingungen. Aber ihre Wirkung ist es nicht. Ich für mich kann das sagen, es gibt kein Konzert, auch keine Probe, die mich nicht wenigstens ein bisschen verändert. Aus mir macht sie einen anderen Menschen. Ich glaube, dass das auch dem Publikum so geht. Gute Musik wirkt nach: Hier (er zeigt aufs Herz) und hier (er zeigt auf seinen Kopf). Wenn wir mit unserem Spiel, Menschen mitten ins Herz treffen, das ist unsere Belohnung.

Reden wir bei großer Musik immer über große Gefühle?

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich vergesse starke Gefühle nicht, anders als Ereignisse, Worte, Nachrichten. Aber die Gefühle, die ich erlebt habe bei einer bestimmten Musik, einer Aussicht während einer Wanderung oder in einem Moment der Liebe, die vergesse ich nicht. Ich sag’ Ihnen was: Als Student in Stockholm bin ich oft am Bahnhof gewesen. Es gab einen Zug mit Schlafwagen, auf denen stand „Stockholm-Kopenhagen-Luzern“. Luzern! Ich hatte bloß eine Idee, wie diese Stadt aussehen könnte, die Berge und all das. Das war ein fantastisches Gefühl, es ging um Weite, um eine fremde Welt, die wunderbar sein musste. Jetzt bin ich 84. Aber wenn ich das Wort Luzern höre, ist das Gefühl da: das Gefühl von damals, am Stockholmer Bahnhof. So ist das mit den großen Gefühlen.



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