Das aktuelle Wetter NRW 7°C
Kino

Film-Legende Woody Allen kann „immer nur das eine“

29.08.2012 | 18:35 Uhr
Woody Allen und Judy Davis in „To Rome With Love"Foto: Tobis

Paris.   Woody Allen ist abhängig vom Filmen – und vom Ruhm, wie er im Gespräch gesteht: „Du bekommst die besten Plätze in einem Restaurant, die besten Plätze in der Oper. Sie behandeln dich, als seist du etwas ganz Besonderes.“ Und wie Penelope Cruz in seinen neuen Film „To Rome With Love“ kam, verrät er auch.

Ein Jahr ist seit „Midnight in Paris“ ins Land gegangen , Zeit also für einen neuen Film von Woody Allen (76). Und da „To Rome With Love“ gerade Premiere in Paris feiert, hat man das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden und zum Gespräch mit dem betagten Regisseur in die Seine-Metropole eingeladen. Es liegt schon ein Interview-Marathon hinter ihm, als wir ihn in seinem Hotel treffen. Trotzdem wirkt er frisch, konzentriert – und ironisch wie immer.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, in Ihrem Film einen Bestattungsunternehmer „Bajazzo“- Arien nur in der Dusche schmettern zu lassen? Und ihn dann sogar mit der Dusche auf die Bühne zu schieben, da anders seine Stimmkunst nicht funktionieren würde?

Woody Allen: Immer wenn ich Menschen frage, ob sie singen können, sagen sie zu mir, dass sie das nur unter der Dusche wagen. Jeder scheint dort besser zu klingen. Zuerst habe ich gedacht, die vielen Handtücher im Bad seien dafür verantwortlich. Ich glaube inzwischen jedoch, dass man dort in Wahrheit gar nicht besser klingt, sondern dass man sich durch das Rauschen des Wassers einfach nur schlechter hört. Wenn man das Wasser abschaltet, wird man erkennen, dass man genauso scheußlich klingt wie immer.

Ein Film über Rom und Prominente dort, das klingt ein wenig nach Fellini, oder?

Allen: Nein, ich wollte einfach einen Film über das Besondere an dieser Stadt machen. Es ist eine enorm lärmende Stadt, voll von Konfusion und Verkehr. Die Menschen hier sind sehr leidenschaftlich, sie lieben das Essen, ihre Musik, ihre Opern. Sie sitzen gern in Cafés, haben eine lange Kinokultur. Das alles wollte ich durch ein paar Geschichten und eine Handvoll Charaktere sichtbar machen. Ich hätte noch so viel mehr erzählen können, aber dann wäre der Film noch eine Stunde länger geworden.

Alessandro Tiberi als Antonio und Penelope Cruz als Anna in „To Rome With Love" von Woody Allen.Foto: Tobis Film

Wenn Sie nur die reine Wahrheit sagen wollten, was können wir dann von Ihrem neuen Film erwarten?

Allen: Dass ich mein Bestes getan habe. Dass ich daran glaube, dass es lustig wird. Dass ich sowieso immer enttäuscht von den Filmen bin, wenn ich sie fertig habe. Ich wünschte Sie könnten sehen, was ich mir ursprünglich vorgestellt habe. Und dass genug übrig geblieben ist, um Sie zu amüsieren. Garantieren kann ich es nicht.

Ein Thema in Ihrem neuen Film ist der plötzliche Ruhm. Gab es einen Moment in Ihrem Leben, in dem Sie selbst spürten, dass Sie abhängig geworden sind vom Ruhm?

Aus der Zeit gefallen

Von einem Regisseur wie Woody Allen, der Jahr für Jahr dem Publikum einen neuen Film schenkt, sollte man nicht fortwährend Höchstleistungen erwarten. Und doch: Nach dem magischen Filmpoem „Midnight in Paris“ vom letzten Jahr ist die Kluft zum neuen Europa-Hauptstadt-Film „To Rome With Love“ denn doch ein wenig groß. Fast hat es den Anschein, als finde der Regisseur aus einer selig verklärten Vergangenheit nun einfach nicht zurück in eine glaubhafte Gegenwart. Das Rom dieses Films jedenfalls unterscheidet sich nicht sehr von dem in Fellinis „Das süße Leben“. Bis auf die Farbe.

Allen erzählt uns vier Geschichten, die ohne Bezug untereinander bleiben und sich nicht zu einem Reigen runden wollen. Obwohl gerade die Liebe hier eine wichtige Rolle spielt. Der Student Jack (Jesse Eisenberg) etwa setzt seine dauerhafte Beziehung aufs Spiel und läuft mit wehenden Fahnen zur berechnenden Freundin seiner Lebensgefährtin über. Das jungvermählte Paar aus der Provinz wiederum wird in der Großstadt nach allen Regeln alter Klischees, also mit Hilfe einer Hure (Penélope Cruz), in erotische Verwirrung gestürzt.

Ein Glück nur, dass der Regisseur sich selbst nach sechs Jahren ausschließlich hinter der Kamera nun endlich wieder selbst ins Spiel bringt. Sein Produzent experimenteller Opern jedenfalls, der in einem häufig duschenden Leichenbestatter ein neues Sangestalent entdeckt, atmet noch den guten alten Woody-Humor. Und Judy Davis als griesgrämig-verkniffene Ehefrau passt hervorragend dazu. Da verzeiht man fast den Auftritt des notorischen Zappelphilips Roberto Benigni, der aus unerfindlichen Gründen von jetzt auf gleich zum Fernsehstar aufgebauscht wird. Das unterstreicht nicht mehr als die Binsenweisheit, dass im Medienbereich jede Woche eine neue Sau durchs Dorf getrieben wird.

Allen: Wie schon die Figur im Film sagt: Das Leben ist sehr schwierig und oft schmerzlich, ob du berühmt bist oder nicht. Natürlich ist es besser, prominent zu sein. Die Nachteile dieses Daseins, die Paparazzi beispielsweise, sind höchstens ärgerlich, nie aber lebensbedrohlich. Die gute Seite des Ruhms jedoch macht dich in hohem Maße privilegiert. Du bekommst die besten Plätze in einem Restaurant, die besten Plätze in der Oper. Sie behandeln dich, als seist du etwas ganz Besonderes. Mit den Jahren gewöhnt man sich daran. Ich muss das wissen, denn ich bin fast mein ganzes Erwachsenenleben über prominent gewesen. Wenn mir morgen am Telefon ein Restaurant-Angestellter sagen würde: Sorry, wir sind ausgebucht – das würde mich fertigmachen. Ja, man wird abhängig.

In Ihren Filmen geht es oft um so etwas wie Liebe auf den ersten Blick. Glauben Sie daran?

Allen: Viele Menschen verlieben sich von jetzt auf gleich. Es gibt Frauen, die mir erzählt haben, dass sie einen Mann auf einer Party getroffen haben, von dem sie vom ersten Augenblick an wussten, dass sie ihn heiraten würden. Mit der Liebe geht es manchmal sehr, sehr schnell, und ich glaube daran. Das passiert nicht nur in Dramen und Komödien, sondern auch im wirklichen Leben. Männer können eine Frau erblicken und sich vom Fleck weg verlieben, ohne sie überhaupt zu kennen. Wenn sie sie kennen würden, vielleicht würde es dann mit der Liebe nicht mehr klappen.

Sind Sie immer sofort sicher, welche Art von Musik Sie brauchen werden für eine neue Arbeit?

Allen: Die Musik ist die schönste Facette bei der Herstellung eines Films. Sie können einen Film schreiben, ihn drehen und schneiden. Aber wenn Sie ihn betrachten, sieht man etwas Nacktes, ohne Sound. Erst wenn ich Musik hineintupfe, von Mozart bis zu Louis Armstrong meinetwegen, fängt da etwas an zu leben. Ich mag es nicht, wenn jemand für meinen Film einen Score komponieren würde. Lieber nehme ich vorhandene Musik, die ich liebe.

Wie kam es, dass Penelope Cruz mitgespielt hat?

Allen: Penelope rief mich an und sagte: Du drehst deinen nächsten Film in Rom, ich spreche perfekt italienisch. Das war alles, was sie sagen musste. Sie war ein Geschenk.

Haben Sie eine jüngere Version von sich selbst in Jesse Eisenberg gefunden? Sein Spiel, seine Bewegungen erinnern an den jungen Woody.

Video
Alternde Action-Legenden trumpfen wieder auf, ein todkranker Junge ist auf der Suche nach der Liebe und Woody Allen war in der Ewigen Stadt – diese Woche starten "The Expendables 2", "Am Ende eines viel zu kurzen Tages" und "To Rome With Love".

Allen: Jesse ist mehr Schauspieler als ich es je war. Darum kann er auch meinen Charakter so gut herausbringen. Wenn es eine Rolle in diesem Film gibt, die ich gern gespielt hätte, dann ist es die von Jesse. Aber Jesse kann auch Tschechow spielen. Ich kann immer nur das eine.

Arnold Hohmann



Kommentare
03.09.2012
15:21
Film-Legende Woody Allen kann „immer nur das eine“
von bloss-keine-Katsche | #1

Er kann nur das eine,
die besten Komödien, die es im Kino gibt!

Aus dem Ressort
Essener Regisseur inszeniert „Wunder von Bern“ als Musical
Musical
Folkwang-Professor Gil Mehmert führt Regie – ein Gespräch vor der Premiere am Sonntag in Hamburg über Revier-Verbundenheit, einen neuen Schub für die deutsche Musical-Szene und die Wiederbelebung von Wir-Gefühlen“ und Teamgeist.
Buch erzählt die Geschichte der Popolskis und der Pop-Musik
Comedy
Nach der Auflösung der Familie Popolski wird ihr verrücktes Treiben auf den Bühnen und im Fernsehen in Buchform festgehalten. Pavel Popolski alias Achim Hagemann erzählt die frei erfundene „wahre Geschichte“ der Pop-Musik. Noch ein Medium, das die Popolskis mit ihrer schrägen Story besetzen.
Von Fan beleidigt - Morrissey bricht Konzert in Polen ab
Morrissey
Trotz seiner Krebserkrankung tourt der britische Künstler Morrissey weiter durch Europa. Ein Konzert in Polen brach der einstige "The Smiths"-Sänger in dieser Woche ab, nachdem er von Fans wohl beleidigt wurde. Am Montag spielt Morrissey ein Konzert in Essen.
Christmas-Song von „Band Aid 30“ - wohltätiges Fremdschämen
Ebola-Hilfe
30 Jahre nach Erscheinen von „Do They Know It's Christmas“ hat Bob Geldof eine Neuaufnahme des Songs in Auftrag gegeben, um Spenden im Kampf gegen Ebola zu sammeln. Campino (Toten Hosen) trommelte nationale Künstler für eine deutsche Version des Titels zusammen. Über den Text lässt sich streiten.
Lieberberg-Festival in Mönchengladbach doch nicht 2015
Festival
Nach der "Rock am Ring"-Absage an Mönchengladbach verschiebt Veranstalter Marek Lieberberg nun auch die für 2015 angekündigte Alternative. Lieberberg hält den Markt für überhitzt und will noch ein Jahr warten: "Es macht keinen Sinn, das im Hauruckverfahren durchzusetzen."
Umfrage
Viele Manager von städtischen Unternehmen verdienen mehr als eine halbe Million Euro im Jahr. Die Einkommen richten sich nach Branche, Unternehmensgröße und Umsatz. Finden Sie die hohen Gehälter angemessen?

Viele Manager von städtischen Unternehmen verdienen mehr als eine halbe Million Euro im Jahr. Die Einkommen richten sich nach Branche, Unternehmensgröße und Umsatz. Finden Sie die hohen Gehälter angemessen?