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Der Commissario bittet zu Tisch

06.09.2007 | 05:26 Uhr

BÜCHER. Italienische Krimis schlagen sich mit der Mafia, der Politik und der Geschichte herum - aber am liebsten mit Rezepten.

Mafia? Es ist nicht alles Mafia in italienischen Krimis, noch immer spielen Ermittler die Hauptrolle, nicht die Verbrecher. Und der italienische Kriminalkommissar als solcher ist ein Mann zwischen vierzig und fünfzig Jahren. Oft ist er geschieden und ein klein wenig verschroben. Statt technischen Apparaten wie Computern und Mobiltelefonen vertraut er seiner Intuition. Nein, ein Superhirn ist er wahrlich nicht. Vor allem aber - das unterscheidet ihn von seinen internationalen Berufskollegen - ist der italienische Kommissar ein ausgewiesener Feinschmecker. In Italien boomt der Kriminalroman seit Anfang der 90er Jahre. Es war die Zeit, als das alte Parteiensystem mit der Democrazia Cristiana in die Brüche ging, Antikorruptionsermittlungen in Gang kamen und Silvio Berlusconi die politische Bühne betrat. Der Zusammenhang zwischen gesellschaftlicher Krise und florierendem Krimi-Genre lässt sich schwer übersehen. Italien ist ein Land, das Krimis braucht. Denn in denen geht es um Aufklärung.

Berlusconismo und die "Misteria d'Italia"

Ganz oben auf der Liste düsterer Vorgänge steht die Verschränkung von legaler und illegaler Ökonomie. "Berlusconismo" nennt man das. Die neue Rechte und ihr Hang zu rigoroser Ordnungspolitik sind ebenso ein Thema wie der Wandel Italiens vom Auswanderungs- zum Einwanderungsland. Und die "Misteri d'?Italia", jene politischen Skandale, die nie ganz aufgeklärt wurden: die Ermordung von Aldo Moro durch die "Roten Brigaden", Bombenattentate in Mailand und Bologna, der Absturz eines Passagierflugzeugs über der Insel Ustica#1#20 Soweit das Potenzial, das im italienischen Krimi schlummert. Dazu gesellt sich die kulturell günstige Ausgangslage in Gestalt der vielseitigen Regionen. Die Verbrechen in Bologna, wo sich Loriano Macchiavelli, Marcello Fois und Carlo Lucarelli zum "Gruppo 13" zusammengeschlossen haben, sind anderer Art als in Turin, Palermo oder Parma, wo Piero Soria, Santo Piazzese oder Valerio Varesi ermitteln lassen. Hier, in seinen besten Momenten, ist der Kriminalroman weit mehr als serielle Spannungsliteratur. Hier ist er ein Gesellschaftsroman, der die politischen Verhältnisse seziert, dem investigativen Journalismus den Rang abläuft und Mentalitäts- wie Sozialgeschichte schreibt.

Mit Gianrico Carofiglio, dem neuen Shooting Star, ist Bari in Apulien als Schauplatz hinzugekommen. Der Protagonist aus Carofiglios Justizkrimis heißt Guido Guerrieri und ist Anwalt wie sein Autor. Bei seinem zweiten Auftritt, "In freiem Fall", vertritt er die Nebenklage eines Stalking-Opfers gegen einen stadtbekannten, aber von höchster Instanz protegierten Tunichtgut. Was die Winkelzüge der Prozessführung anbelangt, macht Carofiglio so leicht keiner was vor. Allerdings sollte man stets gefasst sein auf Guerrieris obercoole Schnodderigkeit an der Grenze zur Manie und auf etliche Pop-Ingredienzien. Warum er aber Spaghetti mit weißen Bohnen und Bottarga detailliert zum Nachkochen empfiehlt, bleibt sein Geheimnis.

Mit hohem Gastronomie-Index wartet auch Roberto Mistrettas zweiter Saverio-Bonanno-Roman "Die dunkle Botschaft des Verführers" auf. Mistrettas Dorfpolizist aus dem fiktiven sizilianischen Montanvalle ermittelt gegen eine im Internet operierende Bande von Kinderschändern. Das ist, keine Frage, ein Stück grauenvoller Wirklichkeit. Doch Mistrettas Hang zum sprachlichen Klischee und zum didaktischen Fazit ist auch ein wenig schauerlich. Zudem erfährt man, wie fabelhaft doch Hörnchen mit Schokoladenfüllung schmecken.

Keine Rezepte gibt es bei Liaty Pisani, aber das macht die Sache nicht besser. Im "Tagebuch der Signora" geht es um die Ermordung von Juden im September 1943 am Lago Maggiore. Ins Spiel kommen Kollaborateure, Neofaschisten, ein Schriftsteller, der Auschwitz überlebt hat, und ein linker New Yorker Künstler - all das vor dem Hintergrund amerikanischer Spionageaktivitäten in Zusammenhang mit 9/11. Doch - Thema verschenkt: Kaum eine Seite ohne Klischee und dröhnende Bedeutung.

Sciascia ist immer noch der Gottvater

Der traditionelle Rätselkrimi nach angelsächsischem Muster hatte in Italien allerdings selten eine Heimstatt. Und eine nennenswerte Krimi-Produktion gibt es erst seit den 60er Jahren. Natürlich ist dabei an Leonardo Sciascia zu denken, den Gottvater fast aller, die es auf dem Apennin mit dem Kriminalroman ernst meinen. Sciascia hat nicht nur die Mafia zum Thema gemacht und die strukturellen Möglichkeiten des Genres erweitert. Seine soziale Schärfe ist ebenso schwer zu übertreffen wie seine politische Desillusionierung.

Hierzulande weniger bekannt ist Giorgio Scerbanenco, der mit seinem Mailänder Privatermittler Duca Lamberti in den 60ern die Wandlung Italiens zur modernen Industriegesellschaft skeptisch begleitete. In den 70er Jahren wurden die Turin-Romane von Fruttero und Lucentini wichtig, in den 80ern kam mit Umberto Ecos "Name der Rose" der historische Krimi in Mode. Die märchenhafte Erfolgsgeschichte des Andrea Camilleri schließlich, die 1994 mit "Die Form des Wassers" begann und den gegenwärtigen Krimi-Boom ins Rollen brachte, ist bekannt. (NRZ)

STEFFEN RICHTER



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