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Attentat in den USA

Der Tod im Kino

20.07.2012 | 19:44 Uhr
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Schon wieder eine kranke Seele, die sich in der Rolle des einsamen Rächers gefällt; verkleidet wie ein Bösewicht aus der Illusionsfabrik Hollywood. Nur 20 Meilen entfernt von Littleton, einem anderen Schauplatz der nicht enden wollenden amerikanischen Tragödien, hat ein 24-Jähriger den Schauplatz der Fiktion zum Ort der realen Katastrophe gemacht. James Holmes suchte sich den amerikanischsten Ort für Zerstreuung und Kurzweil aus, um der Welt seinen Namen einzustanzen: das Kino. „Bad Man“ statt „Batman“.

Es wird jetzt wieder die Debatte losgehen. Über charakterlich ungefestigte, vorzugsweise junge Männer, die ihre übermächtig gewordenen inneren Energien in den cineastischen Reflexionen über Gewalt wiedererkennen. Und schleichend in ihre eigene verbogene Lebenserzählung einfügen. Bis der Selbsthass so groß wird, dass diesen Zeitgenossen der blutige Ausbruch in die Wirklichkeit als einzige Lösung erscheint. Auch werden die bekannten Stichworte fallen: Soziale Ausgrenzung, psychische Krankhaftigkeit, Verführung durch Computerspiele. Aber: Einfache Erklärungen funktionieren nicht.

Welche Lektionen wird Amerika nun ziehen? Wird es seine menschenfeindlich laxen Waffengesetze  ändern? Leider nein. Es ist Wahlkampf in Amerika. Und die zwar einfühlsame, gleichwohl politische inhaltsleere Trauerrede, die Präsident Obama gestern spontan hielt, zeigt, was das bedeutet. Niemand von Rang und Namen bei Demokraten wie Republikanern wird sich ernsthaft trauen, das in der Verfassung verbriefte Recht auf Waffenbesitz wirklich nachhaltig einzuschränken.

Der von Mythen umrankte Schusswaffenkult und die Lobbymacht der „National Rifle Association“ machen eine Reform unmöglich. Und das in einem Land, in dem jährlich 12 000 Menschen mit Schusswaffen getötet und 45 000 verletzt werden. Die Logik vieler Amerikaner nach Katastrophen wie der in Colorado mutet schizophren an: Sie sprechen sich für (noch) mehr Waffenfreiheit aus. Als die Kongressabgeordnete Gifford Anfang 2011 von einem Amokläufer fast erschossen worden wäre, gingen am Tag darauf in Arizona die Waffenkäufe um 60 Prozent nach oben; aus Angst vor denen, die in Washington die Gesetze machen. So wird es wohl auch diesmal sein. Dabei wäre das Blutbad im Kino Anlass genug für eine tiefe Selbstprüfung. Nie war ein heilsamer Schock für Amerika wichtiger als heute.

Dirk Hautkapp

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