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Himmel und Hölle

21.08.2009 | 20:05 Uhr

Das Friedensdorf International hat 92 kranke und verletzte Kinder aus Afghanistan nach Deutschland geflogen

Oberhausen liegt nicht im Himmel, und Kabul ist kein Ort der Hölle. Aber beide Städte stehen am Wegesrand dorthin. Für die Kinder, um die es hier geht, ist Afghanistan die Heimat, Deutschland die Rettung. Dazwischen liegen 5124 Kilometer Luftlinie, noch 250 Kilometer über die A 3 und ungezählte Tränen. Denn es ist eine anstrengende Tour, vor allem wenn man so schwer krank, so übel verletzt oder verkrüppelt ist oder war wie die 178 Kinder, die jetzt über diese Luftbrücke reisten, die vom Friedensdorf International seit 22 Jahren zwischen den beiden Ländern gespannt wird. Ein Flug nach Kabul.

Im Hof des Roten Halbmonds lagern einige Familien schon seit einer Woche, um nicht Untersuchung und Abflug zu verpassen. Sie schlafen auf Matten unter freiem Himmel, Wasser gibt's aus dem großen Brunnen, einer der Männer zerschneidet eine medizinballgroße Melone und verteilt die Stücke an die Nachbarn. Mohammad Alam (47) sitzt mit seiner Tochter Adila dabei. Zwei Tage und zwei Nächte ist er mit dem Bus gereist, Adila im Arm. Die Familie lebt in der Provinz Faryab an der Grenze zu Turkmenistan. Warum ist er hier? Mohammad zieht die Hose seiner Tochter hoch, beide Unterschenkel sind amputiert, der Vater zeigt Rücken und Po der Dreijährigen, feuerrot, entzündet, Verbrennungen. Ein Unfall im Januar.

Mohammad nimmt die Kleine wieder auf den Arm: „Die Mutter ist vor einem Jahr gestorben, ich weiß nicht genau woran, das Herz versagte. Jetzt stand ich alleine da mit vier Söhnen und zwei Töchtern. das war viel Arbeit. ” Er sucht eine Erklärung für das, was er sich nicht verzeihen kann. „Es war kalt in jener Nacht, wir haben im Haus ein offenes Feuer gemacht. Ich bin eingeschlafen, Alina rollt in die Feuergrube.”

Die Not als Schatten des Krieges

Die Ärzte im Norden Afghanistans können das Leben des Kindes retten, die Unterschenkel aber müssen sie amputieren, die Entzündungen bekommen sie nicht in den Griff. Im Fernsehen sieht Mohammad einen Bericht über die Organisation aus Deutschland, die seit Jahren gerade bei solchen Fällen hilft. Kriegsverletzungen, Knochenentzündungen, Brandwunden. Er nimmt seinen Mut, sein letztes Geld, sein Kind und fährt nach Kabul. Dr. Marouf, der afghanische Arzt des Friedensdorfes, ist sich sicher, dass Alina geholfen werden kann. In einem jener Krankenhäuser in Deutschland, die Friedensdorf-Kinder für Gottes Lohn behandeln, werden die Wunden geheilt, die Schmerzen gestillt werden. Und später, viel später, wird Alina vielleicht das Laufen erlernen.

Der Krieg hat Afghanistan noch im Griff, aber sein langer Schatten, die Not, fordert längst mehr Opfer unter den Kindern. Dr. Marouf erklärt das: Die Leute kochen mit Gas. Da hier keine Geräte mehr hergestellt werden, kommen die Flaschen aus dem Iran, der Brenner aus Pakistan. Billigware. Die Anschlüsse passen nicht richtig, also wird geschraubt und gewerkelt. Und dann fliegt alles in die Luft. Wie bei den Petroleum-Lampen, die mit billigem Brennstoff gefüllt werden. Und explodieren. Bomben der Armut. Kinder sind neugierig. Sie stehen immer in der ersten Reihe.

Mit dem Stein auf die Rakete geschlagen

Abdul jedoch ist ein klassisches Opfer militärischen Tuns. Elf ist er, ein halbes Jahr war er in Deutschland, jetzt ist er zurück. Die Ärzte haben ihm das rechte Bein gerettet, in dem eine heftige Entzündung nagte, Knochenfraß nannte man das früher. Das andere Bein war schon zuvor in Kabul amputiert worden. Jetzt sitzt er hier mit seinem Vater, der sich freut, den Sohn wieder daheim zu haben. Der Mann erzählt: „Abdul hat mit vier Freunden gespielt und eine Rakete gefunden. Einer der Jungs hat dann mit einem Stein auf die Rakete geschlagen. Da ist sie explodiert.” Abdul hat noch ein Stück Metall davon im Bein. Keine Gefahr mehr, sagen die Ärzte. Aber es wird Abdul sein Leben lang an das Unglück erinnern. Und an seine vier toten Freunde.

Über 21 000 Kindern aus Afghanistan hat das Friedensdorf medizinisch geholfen, die Hälfte davon wurde in Deutschland in Krankenhäusern behandelt, oft konnten die Jungen und Mädchen geheilt werden, gelindert wurde ihre Pein in jedem Fall.

Der 59. Einsatz: 92 Kinder stehen auf der Liste für den Rückflug nach Frankfurt. Die Botschaft hat Visa erteilt, die Eltern stehen schon um vier Uhr morgens um die drei Busse, die zum Flughafen fahren werden. Nur wer selbst Kinder hat, mag erahnen, wie es in den Herzen der Eltern brennt, die ihre Kinder - die Kleinsten sind noch Babys - fast völlig Fremden für eine Ewigkeit anvertrauen müssen. Die kleineren Kinder werden von Arm zu Arm gereicht, in den Bus getragen, abgesetzt, meist tröstet gleich ein größeres Kind auf dem Nachbarsitz. Draußen stehen die Eltern. Ein Vater wischt die Tränen fort mit seinem Gewand, eine Frau in der blauen Burkha schluchzt laut auf. Unter dem Sichtfenster, das doch alles verschleiern soll, ist die Burkha von den Tränen dunkler gefärbt.

Mohammad bringt Alina zum Bus. Allein auf dem Sitz beginnt sie zu weinen, ganz aufgelöst. Drei Jahre ist sie alt. Mohammad gibt ihr durchs Fenster einen Kuss. Dann fährt der Bus, dann fliegt der Flieger. 5124 Kilometer in die Fremde, in die Ferne, aber auch der Hoffnung und Heilung entgegen.

Matthias Maruhn

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