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Europawahl

Die fernen Volksvertreter

26.05.2009 | 06:53 Uhr
Die fernen Volksvertreter

Essen. Die Werbespots sind bizarr, die Wahlkampagnen einfältig und schlicht. Deutschlands Parteien tun wenig, um einen neuen Negativrekord bei der Beteiligung an der kommenden Europawahl zu verhindern. Dabei wird das Parlament in Straßburg bald noch mehr Kompetenzen bekommen.

Ein Wahllokal, irgendwo. Eine Frau, blond, hysterisch kreischend, kommt hereingestürmt, füllt ihren Stimmzettel aus. Es folgt ein gruselig maskierter Axt-Killer. Auch er betritt die Wahlkabine, um sich danach wieder seiner mörderischen Blondinen-Jagd zu widmen. Die Botschaft dieses eigenwilligen Videoclips: Zeit zum Wählen sollte man sich immer nehmen.

So will das EU-Parlament junge Menschen anregen, im Juni an der Europawahl teilzunehmen. Geschmacklos, sicher. Aber vor allem Ausdruck des verzweifelten Bemühens, diese Wahl irgendwie interessant zu machen. Denn es zeichnet sich ab, dass in diesem Jahr ein neuer Negativrekord bei der Wahlbeteiligung und damit dem Europaparlament eine veritable Legitimationkrise ins Haus steht.

Die Wahlbeteiligung könnte auf unter 40 Prozent sinken

Wahlzettel-Verpacken, hier in Dresden. Foto: ap

Schlappe 38 Prozent der Bundesbürger sind sich laut dem jüngsten Eurobarometer sicher, dass sie am 7. Juni ihre Stimme abgeben werden. Vor fünf Jahren lag die Wahlbeteiligung noch bei 43 Prozent. Zum Vergleich: Bei den ersten Direktwahlen zum Europäischen Parlament vor dreißig Jahren beteiligten sich zwei Drittel der Bundesbürger.

Eine Entwicklung, die auf den ersten Blick paradox anmutet. 1979 hatte das Parlament in Straßburg weit weniger Kompetenzen als heute. Erst mit dem Maastrichter Vertrag von 1992 wurde es durch die Einführung des sogenannten Mitentscheidungsverfahrens dem Ministerrat nahezu gleichgestellt. Heute hat das Parlament Mitspracherecht bei drei Viertel aller EU-Gesetzgebungsverfahren, etwa beim Verbraucher- und Lebensmittelschutz, also Bereichen, die die Lebenswirklichkeit der Bürger direkt betreffen.

70 Prozent aller Gesetze, die in Deutschland verabschiedet werden, haben ihren Ursprung in Brüssel oder Straßburg. Sollte der Vertrag von Lissabon irgendwann in Kraft treten, dürften die EU-Parlamentarier nicht nur mit-entscheiden, sondern hätten in vielen Politikfeldern eigene gesetzgeberische Kompetenz.

Die öffentliche und veröffentlichte Wahrnehmung

Dass die Europawahl trotzdem so viele Bürger kaltlässt, hat viel mit der öffentlichen und veröffentlichten Wahrnehmung der EU zu tun. Das Parlament gilt als Verwahrungsort für abgehalfterte Politiker, seine Strukturen sind schwer durchschaubar. Deutlich profilierte Fraktionen wie in nationalen Parlamenten gibt es nicht, das breit gefächerte europäische Parteienspektrum wird in sieben in sich außerordentlich heterogenen Gruppen gebündelt.

Nicht zuletzt machen die Europaparlamentarier vor allem dann Schlagzeilen, wenn die Nachrichten aus Straßburg skandalisiert werden können. Zuletzt etwa, als eine Gruppe von Parlamentariern sich ihren durch Spekulationsverluste geleerten Pensionsfonds mit Steuergeldern wieder auffüllen lassen wollte.

Nun könnte man meinen, dass es Anliegen der politischen Parteien sein müsste, dem Bürger und Wähler diese schwer durchschaubare, vermeintlich so lebensferne und misstrauisch beäugte Organisation der EU zu erklären. Das Gegenteil ist der Fall.

Erschütternd schlichte Wahlbotschaften

Die derzeitige Wahlwerbung arbeitet mit erschütternd schlichten Botschaften, deren Sinngehalt zudem allzuoft rätselhaft ist. „Es ist erbärmlich, was die Parteien derzeit präsentieren”, sagt der Gießener Politikwissenschaftler Hubert Kleinert, der sich als Mitglied der NRW-Zukunftskommission mit dem Phänomen der grassierenden Wahlmüdigkeit auseinander gesetzt hat.

Sein grundsätzliches Fazit: Das politische Interesse und die gesellschaftliche Verankerung der Volksparteien nehmen rapide ab, mit der Gefahr, dass die Demokratie zunehmend ausgehöhlt wird. Dazu trägt laut Kleinert ein verhängnisvolles Wechselspiel zwischen Medien, Politik und Öffentlichkeit bei. „Die Maßstäbe verschieben sich immer mehr in Richtung des Spektakulären, was zählt, ist das Erlebnis, nicht mehr das Ergebnis.”

„Keine gewachsene europäische Kultur”

Wahlplakat der SPD für die Europawahl. Foto: ddp

Was für die nationale Ebene gilt, trifft umso mehr auf Europa zu. „Politik und Bürger orientieren sich noch immer sehr nationalstaatlich, eine gewachsene europäische Kultur und Öffentlichkeit gibt es nicht.” Deswegen werde die Europawahl noch immer als Testlauf für nationale Wahlen verkauft, die Bedeutung dieses Urnengangs also weiter heruntergespielt. Und selbst diejenigen Bürger, die ein reges politisches Interesse hätten, würden durch den „infantilen Unsinn” in manchen Wahlkampagnen abgestoßen, so Kleinert.

Inhaltliche Auseinandersetzung mit europäischen Themen, Erklärung der Funktionsweise des Parlaments, Aufstellung überzeugender Charaktere. Das wären Rezepte gegen Enthaltsamkeit bei den Europawahlen. Viel zu sehen ist davon nicht.

Schade, eigentlich, meint Kleinert. „Europa ist ja nicht die schlechteste Idee.”

Jan Jessen

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Kommentare
27.05.2009
09:39
Die fernen Volksvertreter
von Gegen Ausbeutung | #29

@26
Da gebe ich Ihnen Recht und empfehle zum nachdenken folgenden Link mit all seinen Postings :

http://www.derwesten.de/nachrichten/staedte/bochum/2009/5/26/news-120981375/detail.html

26.05.2009
17:53
Die fernen Volksvertreter
von rgb73 | #28

Fatih, hat dir einer was in deine Böreks getan?

26.05.2009
17:38
Blockierter Kommentar.
von miriam.lessmann | #27

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

26.05.2009
15:01
Die fernen Volksvertreter
von Fallari | #26

Wer glaubt, dass der Lissabon-Vertrag Demokratiedefizite abbaut, der liest zuviel Zeitung. Zentralisierung - und darum geht es im Kern - hat noch nie zu mehr Demokratie geführt, sondern immer zu weniger Demokratie. Genau dies lässt sich auch in Deutschland beobachten, wo der Föderalismus auch nur noch auf dem Papier existiert und ein Parteienkartell via Bundestag und Bundesrat Gesetze auskungelt. Lissabon muss gestoppt werden. Wir brauchen keinen europäischen Zentralstaat.

26.05.2009
14:50
Die fernen Volksvertreter
von Bobo | #25

#22 Ich kann da nur die Rede von Profeessor Schachtschneider empfehlen. Er ist Fachmann auf dem Gebiet EU. Er schildert sehr eindrücklich was der Lissabonner Vertrag für Deutschland bedeutet. Das Grundgesetzt wird faktisch ausgehebelt. Von den sonstigen Sauereien in dem Vertrag will ich erst garnicht sprechen. Mir bleibt nur die Hoffnung, dass die Iren stark bleiben und das BVG den Vertrag abschmettert.

26.05.2009
14:27
Die fernen Volksvertreter
von werkon | #24

Achja, Pit01, vielleicht solltest du einfach mal Zeitung lesen. Die Demokratie verlangt nach deinem persönlichen Einsatz.

26.05.2009
14:26
Die fernen Volksvertreter
von Bob | #23

...Aufstellung überzeugender Charaktere...

Die haben unsere Parteien ja noch nicht einmal in Deutschland - woher wollen die dann welche für Europa nehmen *lach*

26.05.2009
14:23
Die fernen Volksvertreter
von werkon | #22

Interessant ist, dass die größten Kritiker einerseits ein Demokratiedefizit der EU beklagen, aber andererseits gegen eine neue Verfassung sind, die genau das verbessern soll. Wollt ihr wirklich zurück zu 25 Kleinstaaten? Ich jedenfalls nicht.

26.05.2009
13:33
Die fernen Volksvertreter
von fatih | #21

In der Tat, fehlt es der EU, nicht nur dem Parlament der EU, ein Schwungkraft, Aktivitäten und Excelence.

Wie lässt sich dies ändern?

Ganz einfach: Durch neue EU-Mitglieder für die Europa noch eine Herzenssache ist.

Türkei - herzlich willkommen. Sie wird gebraucht.

26.05.2009
13:27
Die fernen Volksvertreter
von 1schnigges | #20

Ohne internet wüsste ich wahrscheinlich gar nicht, dass man auch noch was anderes wählen kann als CDU, SPD, FDP, Grüne, linke und rechte.

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