Porträt
Der Brückenbauer
09.10.2009 | 19:55 Uhr 2009-10-09T19:55:00+0200
Washington. Die frühe Auszeichnung Barack Obamas mit dem Friedensnobelpreis mag die Welt überraschen. Sie passt aber perfekt zu der Biografie eines Mannes, der die konventionellen Erwartungen immer wieder überraschte.
Die erste Reaktion war Sprachlosigkeit. Der Sprecher des Weißen Hauses, Robert Gibbs, wandte sich mit einem einzigen Wort per E-Mail an den Fernsehsender CBS: „Wow”. Als Gibbs später gegen sechs Uhr in der Früh Barack Obama die Nachricht aus Oslo überbrachte, verschlug es selbst dem sonst nicht um Worte verlegenen US-Präsidenten die Sprache. Er fühle sich durch die Ehre beschämt, heißt es in einer ersten Reaktion. Zog der 48-Jährige doch gerade erst vor neun Monaten ins Weiße Haus und erhält nun bereits eine Ehre, die vor ihm nur zwei anderen US-Präsidenten im Amt zuteil geworden war: Theodore Roosevelt 1906 und Woodrow Wilson 1919. Jimmy Carter erhielt die Auszeichnung erst 20 Jahre, nachdem er aus dem Präsidentenamt schied.
Als Schüler ringt er mit seiner Identität
Die frühe Auszeichnung überrascht weltweit, passt aber in die Biografie eines Mannes, der konventionelle Erwartungen immer wieder enttäuschte. Hätten sich die damaligen Prognosen vieler Kommentatoren bewahrheitet, wäre der erste schwarze Präsident niemals im Weißen Haus angekommen.
Sein republikanischer Herausforderer John McCain versuchte, den „schwarzen Kennedy” als unerfahren abzukanzeln und ihn als politisches Leichtgewicht zu porträtieren. Die Begeisterung in Europa, die Obama nach seiner Rede in Berlin entgegenschlug, werteten seine Kritiker mehr als Ausdruck der Blauäugigkeit des alten Kontinents denn als Qualitätsnachweis. Ein Muster, das sich nach der Entscheidung des Nobelpreiskomitees nun wiederholen könnte. Geändert hat es freilich nichts an dem grandiosen Erfolg des Hoffnungsträgers.
Obamas Appeal gründet auf einem Image, das er in seiner packenden Biografie „Dreams from my Father” selber kunstvoll entwickelt und seitdem Menschen überall in der Welt fasziniert hat. Darin stellt sich Obama als amerikanischer Weltbürger vor - Sohn einer weißen Mutter aus Kansas und eines schwarzen Vaters aus Kenia. Geboren am 4. August 1961 auf Hawaii, dem multi-kulturellen Schmelztiegel mitten im Pazifik.
Das Ringen mit der Identität
Nach einer Zwischenstation in Indonesien, wohin Mutter Ann ihrem zweiten Ehemann Lolo Soreto gefolgt war, kehrt er nach Honolulu zurück. Dank eines Stipendiums kann „Barry”, wie ihn hier alle nennen, zur Elite-Schule von Punahou gehen. Dort ringt er mit seiner Identität. Vater Barack Obama Senior liefert kein Rollenvorbild, weil er sich nach Kenia abgesetzt hat. Seine weißen Großeltern, in deren bescheidener Wohnung er aufwächst, sind mit dieser Aufgabe überfordert.
Auf der Suche nach seinen Wurzeln kehrt Obama als junger Mann in die Welt zurück, die seine Familie verlassen hatte: Er zieht gen Osten auf das Festland, zuerst zwei Jahre nach Kalifornien ins College, dann zur Columbia Universität nach New York. Bevor er im Mittleren Westen ankommt, der Heimat seiner Familie. Obama arbeitet drei Jahre in den Ghettos der South Side von Chicago, bevor er an der Harvard Law School promoviert.
Zurück in Chicago, trifft er Michelle Robinson, die aus einer armen, sehr religiösen Familie der South Side stammt. Mit ihr sucht er eine gemeinsame Kirche. Die Trinity United Church of Christ gilt keineswegs als radikal, sondern als Umfeld, in dem sich gut Kontakte zu wichtigen Leuten knüpfen lassen. Was dafür spricht, dass bei dem aufstrebenden Politiker ein gehöriger Schuss Opportunismus mit im Spiel war.
Das spielt gewiss auch bei der Entscheidung eine Rolle, in die Hyde-Park-Nachbarschaft zu ziehen, dem einzigen Viertel, wo Schwarz und Weiß zusammenleben. Brutstätte für liberale Reformpolitik und Gegenpol zu dem Sumpf aus Korruption, für den Chicago berühmt ist. In diesem unkonventionellen Umfeld begann Obama seinen politischen Aufstieg. Zunächst im Senat von Illinois, dann als Senator in Washington.
Im nationalen Bewusstsein verankert sich „das dürre Kerlchen mit dem komischen Namen” mit seiner Rede beim Parteitag der Demokraten 2004. Obama verspricht als Kandidat für das Weiße Haus, die Grabenkriege zu beenden, die durch zwei polarisierende Präsidenten der Vietnamkriegs-Generation geprägt waren.
Statt mit ätzender Kritik, profiliert er sich als Brückenbauer. Der Cowboy-Rhetorik des Amtsinhabers setzt er den Zauber seiner politischen Poesie entgegen.
Skeptiker auf den Plan gerufen
Sein Sloagan „Yes, we can" strotzt vor Optimismus, muss sich nun aber in der Praxis beweisen. Was wiederum die Skeptiker auf den Plan ruft, die sich fragen, ob er angesichts der gewaltigen Probleme den Mund nicht zu voll genommen hat. Niemandem sei es möglich, eine Jahrhundertreform in der Gesundheitspolitik, zwei Kriege in Afghanistan und Irak, eine Atomkrise mit Iran, Frieden im Nahen Osten und die Klimakrise gleichzeitig anzugehen.
Das Nobelpreiskomitee zweifelt nicht. Es vertraut in die Fähigkeit des amerikanischen Weltbürgers und globalen Hoffnungsträgers, auch in Zukunft das Unwahrscheinliche zu schaffen.

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