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"Denk an dein Herz, Braulio!"

29.06.2008 | 23:01 Uhr

Das Endspiel aus verschiedenen Perspektiven: Wie spanische Fans in Deutschland mitfieberten - und deutsche in Spanien.

Mitfiebern aus verschiedenen Perspektiven: Wie erleben Deutsche in Spanien das Finale um die Fußballeuropameisterschaft, wie die Spanier in Deutschland? Dirk Hautkapp beobachtete im Essener Restaurant „Andalucia” spanische Fans beim Anfeuern ihres Teams. Manfred Lachniet war am „Ballermann” auf Mallorca, um deutschen Urlauber-Fans in Spanien beim Daumendrücken zuzusehen. Erste Station der NRZ-Schaltkonferenz ist das „Andalucia”,...

...tief unten im Essener Süden, wo sich das Wehr in Werden gegen den Baldeneysee stemmt, herrscht seit 25 Jahren Pedro Nieves über ein selten schönes Gastro-Reich - und schon seit 19 Uhr herrlich iberische Hektik. Der 46-jährige Real-Madrid-Fan, den es mit zwei Jahren aus Caceres in der Extremadura nach Essen verschlug, ist noch zappeliger als sonst. Er hat zur geschlossenen Veranstaltung geladen. Seine Söhne - Damian, Ruben, Enrique und Elias - spielen noch draußen auf der Straße Fußball, Gattin Isabel bringt die Theke in Ordnung, als die ers-ten Gäste eintrudeln. Allesamt Spanier, viele im stolzen „Roja”, dem roten Nationaltrikot. „Podemos, si!”, skandieren sie den Schlachtruf der spanischen EM-Fans, der ein bisschen bei Barack Obama entliehen sein könnte und so viel heißt wie: Klar können wir den Pokal holen, und ob! Die ersten San-Miguel-Flaschen, sehr handlich, sehr obergärig und süffig, gehen über die Theke. Irgendwer möchte einen roten Tinto zum großartigen Schinken. „Für uns Spanier wäre das eine wunderschöne Sache mit dem Titel”, sagt Pedro mit einer Gottesdienststimme. Alle nicken. Und lachen. Vorspiel-Hoffnung - ole´! Auch am „Ballermann”...?

...und ob. Bei 30 Grad haben wir beste äußere Bedingungen. Die Schulabgänger Jörg, Frank und David aus Köln haben gerade die zehnte Klasse geschafft, jetzt wollen sie hier feiern - und dann noch das EM-Finale. „Eine Sensationsbegegnung”, findet Jörg, „wir Touristen gegen die Einheimischen.” Trotz Sangria und leicht glasiger Augen: Es geht fast gesittet zu. Die Sonnenliegen sind sauber am Strand gestapelt, auf der Straße grölt niemand. Die Polizei zeigt allerdings auch Präsenz. Man trifft sich in Bars wie dem „Siena”, wo zwei Fernseher den Anpfiff übertragen. Auf dem kleineren ist die ARD eingestellt, auf dem größeren das spanische Fernsehen. Allerdings gibt's einen kleinen Vorteil: Das deutsche TV-Signal ist eine Sekunde schneller. „Wir können früher jubeln”, unkt Jörg. Wie läuft's in Essen...?

Spätestens ab Minute 14 ist die Stimmung muy caliente - sehr warm. Wie in der Bierbar von Sevilla. Die Fußball-Veteranos vorn am Bildschirm und die Gran Reserva hinten auf der Bank sind voller Freude, als Metzelder fast das 1:0 macht - für Spanien. „Denk an dein Herz, Braulio”, ruft Leonor. Und Juan, der vor 42 Jahren aus Malaga nach Essen-Borbeck auswanderte, stimmt einmal mehr den Schlachtruf „A por ellos” an: Auf sie mit Gebrüll! Winnie und die (außer dem Beobachter) zwei Alibi-Deutschen verspüren eher Siesta-Stimmung. Pedro, zwei San Miguel und ein Wasser, por favor. Und zurück zum „Ballermann”:

Die Stimme des spanischen TV-Reporters überschlägt sich hier fast. Im Stakkato ist allenfalls das Wort „Schweinsteigärrrr” zu identifizieren, aber sonst - haben die deutschen Fans im „Siena” wenig zu lachen. Sie sind still. Im Gegensatz zu den Spaniern in Essen...

„Manche Menschen lassen bei all ihren anderen Aktivitäten nie das Kind in ihnen zum Vorschein kommen, beim Fußball lassen sie dagegen ihren kindlichsten Reaktionen bedenkenlos freien Lauf.” Hat der große Javier Marias geschrieben - und ab der 33. Minute so was von Recht. Spielzug um Spielzug vorher schon hatten Enrique und Co. ihn angefeuert wie einen Torrero, haben geklatscht, wenn der deutsche Stier vom blonden Fernando eins auf die Hörner bekam. Dann schlug Herr Torres wirklich zu, kaltblütig wie ein Matador. 1:0! Ganz „Andalucia” tanzt, jubelt. Pedro Nieves atmet tief durch. Die Aufregung bleibt. Trotz Halbzeitpfiff.

Die Mienen der deutschen Fans am „Ballermann” werden keineswegs heller. Nur fürs spanische TV, das reinkommt in die Kneipe, raffen sich noch ein paar mit mindestens 1,3 Promille auf und grölen das gewünschte „Superdeutschland” in die Kamera.

Als Miro Klose unten einen reinkriegt, ruft Maria: „Gut, dass die Spanier so kleine Füße haben.” Gelächter. An der Bar im „Andalucia” ist eigentlich ab Halbzeit zwei so was wie Feier-Atmosphäre in der Luft. Der drückenden Überlegenheit der Iberer auf dem Feld entspricht die Enge am Tresen. San Miguel geht blendend. Nach Silvas Kopfstoß gegen Poldi umso mehr. Die Minuten verrinnen. „Otro, Otro”-Rufe schallen durch den Raum. Doch ein weiteres Tor, es will, es muss nicht mehr fallen. Spanien reicht ein Torres zum Triumph. Der Rest ist Tinto, Tapas und ganz viel „Campeones”-Ole. Viva Spanien. Viva Pedro! Rückruf zum „Ballermann”...

...wo die Party jetzt erst richtig losgeht. Allerdings nur bei den Spaniern, die den Autokorso starten. Jörg aus Köln nimmt die Niederlage sportlich und applaudiert den Spaniern. „Und jetzt”, ruft Jörg, „auf in die Disco.” (NRZ)

Dirk HAUTKAPP und Manfred LACHNIET

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