Schimanski
87 Minuten nur "Tothausen"
22.07.2008 | 09:01 Uhr 2008-07-22T09:01:00+0200Duisburg. Rheinhauser Werbering-Chef übt scharfe Kritik an der "Schimanski"-Folge "Schicht im Schacht": Der Stadtteil sieht anders aus.
Nachdem er zuvor ein Dutzend Mal den Kopf geschüttelt hatte, holt Karsten Vüllings beim Abspann erstmal tief Luft. „Wer als Nicht-Duisburger diesen Schimanski gesehen hat und irgendwann hier auf der Autobahn das Schild Rheinhausen sieht, der wird auf jeden Fall ganz zügig vorbeifahren”, sagt er dann. „Wenn das der Versuch war, den Stahlstandort im Rückblick und das wirklich heutige Umfeld zu zeigen, dann ist das völlig in die Hose gegangen.” Verständlich, dass dem Werbering-Chef nicht schmecken kann, was die ARD gestern Abend Millionen von Zuschauern als Fernsehkost auftischte.
Als hätte eine Zeitmaschine das Drehteam irgendwann in den frühen Neunzigern entlassen, zeichnete die WDR-Produktion 87 Minuten lang ein düsteres Bild des Stadtteils, der zwar vor Jahren gegen die Prophezeiung von „Tothausen” ankämpfte, den Strukturwandel aber längst erfolgreich hinter sich gebracht hat: Rheinhausen zählt zu den erfolgreichsten Stadtteilen Duisburgs.
Der Film jedoch spielt mit dem alten Klischee: triste Fassaden, ein Stadtteil in tiefer Depression, verloren, ohne Zukunft. Gewürzt wurde das Ganze mit passenden Zitaten. „Seit hier ein Stahlwerk nach dem anderen geschlossen hat, ist Schicht im Schacht. Wer kann, der geht. Wer bleibt, gibt auf”, sagt der ausgewanderte Hanfhändler, der später stirbt. „Die Leute hier stehen mit dem Rücken zur Wand, hier muss jeder gucken, wo er bleibt”, sagt der Rentner, der der Krupp-Schließung hinterherheult.
„Arbeit? Hier gibt's doch nichts”, sagt ein Mädchen, das Drogen verkauft. Und schließlich muss sich Schimanski noch vom „richtigen” Kommissar anhören: „Du bist wie dieses Viertel. Deine Zeit ist vorbei, aber Du akzeptierst es nicht.”
„Die Autos, das Mobiliar, die Kleidung, alles wurde genauso hingebogen als wäre die Zeit hier vor 20 Jahren stehen geblieben”, sagt Vüllings. „Dass die Personen und die Handlung in einem Film nur fiktiv sind, das weiß jeder. Aber das Umfeld, in dem der Film spielt, wird von denen, die es nicht kennen, als real wahrgenommen.” Wenn Vüllings sich einen Krimi ansehe, der in München spielt, dann sei er schließlich auch bei jeder Außenszene in dem Glauben, dass sie in München spielt, auch wenn sie ganz woanders gedreht wurde.
Die 15. Folge aus der Schimanski-Reihe hatte schon für Ärger gesorgt, bevor überhaupt die erste Szene im Kasten war. Der Werbering-Chef gab den Anstoß zur Protestwelle aus Rheinhausen, er schrieb einen Brandbrief an den WDR, weitere Beschwerden folgten. Bezirksbürgermeisterin Katharina Gottschling könne „eine solch negative Darstellung nicht hinnehmen”, CDU-Fraktionschef Ferdi Seidelt erklärte gar, dem Drehbuchschreiber am liebsten einen Tritt in den Hintern verpassen zu wollen. Die Empörung hatte der Ankündigungstext des WDR hervorgerufen, in dem unter anderem von einem „vom Niedergang bedrohten Ort” die Rede ist. Der WDR ruderte schnell zurück, es handele sich um ein „Missverständnis”, sagte Sprecherin Barbara Feiereis damals. Gemeint sei ein „ehemals” vom Niedergang bedrohter Ort, man wolle „keine alten Wunden aufreißen”. Hintergrund des Films sei der Strukturwandel, es würden auch Szenen bei modernen Betrieben wie einem Callcenter gedreht. „Der fiktive Film Schimanski spielt im modernen Duisburg”, sagte Feiereis und wischte die Bedenken damit vorerst vom Tisch.
Hinterher ist man wie immer schlauer, die entschuldigenden Sätze stellten sich als Worthülsen heraus. Mit dem erfolgreichen Strukturwandel hat der Streifen absolut nichts zu tun, ständig ist der alte Hochofen im Bild, der wie der Landschaftspark und die Straßenzüge im Duisburger Norden als Kulisse für den Film nach Rheinhausen verlegt wurden. Qualm und Dreck bestimmen die Szenerie, auch die 15. Folge preist das Schmuddel-Image, das sich durch die gesamte Schimanski-Reihe zieht. Das Callcenter mit dem Charme der Achtziger ist ein Ausbeuterbetrieb, der Innenhafen ist nur für fünf Sekunden zu sehen. „Und dann auch noch aus der schlechtesten Perspektive”, sagt Vüllings.
Ein bisschen Rheinvorland mit Eisenbahnbrücke, ein bisschen Marktplatz, das sind die Orte, an denen tatsächlich in Rheinhausen gedreht wurde. Dass der Stadtteil die Krupp-Schließung erfolgreich überwunden hat, Logport als Vorzeige-Logistikstandort gilt und die Arbeitslosenquote stolze vier Prozentpunkte unter der der Gesamtstadt liegt, klammert der Film bewusst aus.
Die Folge „Der Pott” aus dem Jahr 1989, die ebenfalls in Rheinhausen spielt, habe damals ein authentisches Bild vermittelt, erinnert sich Vüllings, den auch die Spannung und Handlung der neuesten Folge „nicht gerade vom Hocker gerissen” habe. „Schimanski hätte sich nicht für so ein Mist hergeben sollen.” (NRZ)
17:53
Die Schönfärber versuchen es immer noch.
Letztes Jahr habe ich eine Bootstour von Mainz nach Holland gemacht und es gibt 2 Orte, bei denen man das Gefühl hatte auf einen anderen Planeten zu kommen: Leverkusen und Duisburg. Und das meine ich gar nicht mal negativ. Aber bei Duisburg hatte ich tatsächlich das Gefühl, um 30 Jahre zurückversetzt zu sein - auch ohne Schimmi.
14:33
Seit wann laufen im Ruhrgebiet oder auch Duisburg alle Leute wenn sie Feierabend haben mitner Dose oder Flasche Bier rum?
Ich kenne Rheinhausen auch nicht so und denke das die Filmleute ihre beschränkte Ansicht vom Ruhrgebiet dokumentiert haben.
Das Ruhrgebiet als größte zusammenhängende Region mit ihrem kulturellen Angebot, ihren Grünflächen, den Wohn-und Arbeitsflächen ist einzigartig. Nun der WDR hat seinen Sitz in Köln und da ist es egal welches Bild vom Ruhrgebiet gezeigt wird.
10:09
Voll daneben - Herr Vüllings!
Man sollte solchen cineastischen Dilettanten wie den Herren Vüllings und Seidelt keine Platform bieten.
Ein von blanker Unkenntnis getrübter Versuch, einen anspruchsvollen Film zu diskreditieren. Die Anmerkungen des Herrn Burandt in der Rubrik Eingeblendet sprachen mir da aus der Seele.
Die dauerhafte Darstellung von Qualm, Dreck, trostlosen Fassaden und Tristesse hat sich mir übrigens nicht erschlossen. Falls die längeren Einblendungen der Trinkhalle am Markt und der angrenzenden Duisburgerstr. gemeint gewesen sein sollen: der Verfasser dieses Kommentars wohnt dort und kann sich mit solchen Äußerungen überhaupt nicht identifizieren, frag auch nach bei wahrscheinlich 100 % der übrigen Anwohner.
Den Machern dieser Schimanskifolge ein Danke schön für einen Film mit Tiefgang, Sentimentalität und Humor eingebettet in eine Krimihandlung und der Kulisse - nicht zu verwechseln mit dokumentarischer Realität - Rheinhausens.
Xanthip
09:14
Ja, Herr Dr. Jurga, es ist schon ein Kreuz mit der nicht vorhandenen political correctness. Es drängt sich irgendwie der Verdacht auf, daß mit Strukturwandel eher eine gurndlegende Gehirnwäsche gemeint ist.
Immer wieder solche subversiven, womöglich mit der veröffentlichten Meinung nicht konformen (z.T. sogar frei erfundene) Darstellungen in Film und Fernsehen. Wirklich eine bodenlose Frechheit, daß man dem Stadtmarketing kein Drehbuch zum redigieren vorgelegt hat. Ja, sowas gefährdet in der Tat die Demokratie, die Sie wohl meinen.
16:19
...sorry, da hat sich Jemand dazwischen gemogelt...die Frage geht an den Herrn Doktor (33):
16:17
@34
..Entschuldigung...aber von welcher Demokratie sprechen Sie?
15:40
Ich lebe im Kohlenpott seit 5O Jahren und merke wie seit 35 Jahren hier alles den Bach runter geht .Der Mensch hat in dieser Zeit 9O% Nationalstolz verlohren.Schimmi als Kommissar war super. Der Rest ist doch alles Scheiße echt super Scheiße!!!
14:50
Ich habe mir gestern Abend den Schimanski-Film angesehen und ich muss sagen: auch wenn ein Krimi keine Doku ist: wenn schon ständig von Rheinhausen (zwar nicht in Bildern, aber) die Rede ist, dann muss man sagen: das Schimanski-Team hat uns Rheinhausern ganz schön einen eingeschüttet.
Und das ist alles andere als kleinkarierter Lokalpatriotismus. Der Arbeitskampf vor zwanzig Jahren ist vielen Deutschen noch gut im Kopf. Und der Schimanski-Film “Schicht im Schacht” mobilisiert mit seinem (verfälschten) Untergangsszenario allgemein einen romantischen Zukunftspessimismus, der geeignet ist, die Menschen gegen den Strukturwandel, gegen die Moderne und letztlich auch gegen die Demokratie aufzubringen.
Dr. Werner Jurga
Duisburg-Rheinhausen
www.jurga.de
14:15
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14:14
Film ist Film und Realität ist Realität.