Zwitschernde Politiker
22.03.2009 | 20:18 Uhr 2009-03-22T20:18:00+0100Berlin. Youtube, Facebook, Twitter - Deutschlands Parteien haben sich von Barack Obama inspirieren lassen und nutzen das Internet wie nie zuvor.
Natürlich ist Frank-Walter Steinmeier längst in „YouTube” zu sehen. Freilich ist die Kopie - Kabarettist Mathias Richling - erfolgreicher als das Original. Eine Parteitagsrede des SPD-Ministers wurde seit Oktober 9535 Mal aufgerufen, Richlings Parodie fast 50 000 Mal. Angela Merkel ergeht es nicht anders als ihrem SPD-Herausforderer. Und beide müssen da durch, beide müssen - online gehen.
Die Parteien haben das Netz nicht erst jetzt entdeckt. Das Medium nimmt aber im Wahljahr 2009 mehr denn je eine zentrale Rolle ein. „YouTube” ist nicht das einzige Beispiel. Gerade stellte die CDU in „MyVideo” einen Beitrag über Steinmeier „und seine Meinung zu Frauen in Spitzenämtern” ein. Botschaft: Steinmeier redet darüber - die CDU stellt schon die Kanzlerin. Aufwachen, Kandidat! Das ist wohl ein Vorgeschmack auf die negative Kampagnen, die sich im Internet abzeichnen.
Facebook und Twitter
Intensiv wird auch das Freundschaftsnetzwerk „Facebook” genutzt. Da muss jeder Kandidat vertreten sein. Twitter ist im Kommen. SPD-Wahlkampfmanager Kajo Wasserhövel schwört auf die kurze Form der Kommunikation. Nach einer Woche twittern gab der Mann schon damit an, dass er rund 650 Abonnenten hatte. Lange Zeit sahen die Parteien im Internet in erster Linie die Chance, an jüngere Leute ranzukommen. Inzwischen sei das Netz weiblicher und älter geworden, erläutert Wasserhövel, „denken Sie nur an die Generation der silver Surfer”.
Merkel setzt schon seit 2006 aufs Internet. Wenn es geht, wird jede Woche ein Podcast auf ihrer Homepage hochgeladen. Zuletzt hat jede Partei ihren Online-Auftritt aufgepeppt. In der virtuellen Welt haben sich die Parteien längst runderneuert. Die FDP war früh dran, am aktivsten, bislang auch am erfolgreichsten mit ihrer „mit Mach Arena”. Die SPD kam nach der Union. Sie hatte nach dem Start Anfang März freilich einen Achtungserfolg. Nach einer Woche zählte sie für ihr www.wahlkampf09 mehr Unterstützer - 5300 - als die CDU in drei Monaten für ihr „Team Deutschland”.
Die Grünen stellten erst am Freitag ihre Kampagne vor. Sie kommen spät, aber gewaltig, oder? Umfragen zufolge sind ihre Wähler besonders stark im Internet. Es gibt derzeit 5200 Unterstützer für Grünen-Angebote bei Facebook, Twitter oder Studi-VZ. „Das Internet spielt für unsere Kampagne eine entscheidende Rolle”, bestätigt Spitzenkandidat Jürgen Trittin.
Seit Jahren experimentieren die Parteien im Netz. Zunächst haben sie es als Werbefenster genutzt. Erst Obamas Web-Wahlkampf ließ das Potenzial erkennen, nämlich einen direkten Draht zum Bürger aufzubauen. „Man muss an die Orte der Meinungsbildung im Netz gehen”, sagt SPD-Mann Wasserhövel. Eine Partei, die sich ins Internet begabe, müsse sich „zwangsläufig verändern”. Im Klartext: An sich arbeiten, Schwachstellen erkennen und abstellen.
„Hang zum Parteisprech”
Das haben die Grünen getan und bei sich selbst „einen leichten Hang zum Parteisprech” ausgemacht, wie Managerin Steffi Lemke einräumt. Sie hat eine Online-Redaktion engagiert, die Texte anders aufbereiten soll, kürzer, verständlicher, lockerer. So jung, so frisch, so runderneuert wollen sich alle Parteien geben. Allein, sind sie es auch tatsächlich?
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