Seine Hoheit, der Umweltschützer
27.04.2009 | 19:12 Uhr 2009-04-27T19:12:00+0200
Prinz Charles, der mit seinen Mahnungen nicht leiser wird, erhält am Mittwoch in Berlin den Deutschen Nachhaltigkeitspreis.
Prinz Charles war einer der ersten, der die Gleichgültigkeit seiner Landsleute gegenüber Umweltgefahren beklagte. Als er 1969 erstmals als „Prinz von Wales” zu den Einwohnern seines Fürstentums sprach, beschwor er die Erinnerung an das Unglück vor drei Jahren, als das Dorf Aberfan unter einer abrutschenden Kohlenhalde begraben worden war und 144 Menschen starben: „Ich sehe meine Aufgabe darin”, sagte der Prinz, „ständig den Warner zu spielen und darauf hinzuweisen, dass nur ein schmaler Grad uns zwischen Überleben und Untergang trennt. Ein riesiger Prozentsatz unserer Bevölkerung wird sich der Umweltprobleme erst bewusst, wenn es zu spät ist.”
Großbritannien ist mittlerweile aufgewacht, aber Prinz Charles, der am Mittwoch in Berlin mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis geehrt wird, ist mit seinen Mahnungen nicht leiser geworden. Hörten ihm als jungen Mann nur Müsliesser und Sandalenträger zu, so schmiedete er zu seinem 60. Geburtstag wohl die bislang stärkste Allianz zwischen Wissenschaft, Industrie und Umweltorganisationen zum Schutz der Regenwälder.
Im März hatte Charles in Rio de Janeiro in seiner Rede gewarnt, dass die Menschheit nur noch etwa 100 Monate Zeit habe, eine Klimakatastrophe abzuwenden. Er rief zur sofortigen Einschränkung der Abholzung von Regenwald und des Treibgasausstoßes auf. Ansonsten drohten Überflutungen, Dürren, Wasser- und Nahrungsmangel.
Lange Zeit wurde Charles wegen seiner „grünen Spinnerei“ häufig in der Massenpresse hämisch angegriffen. Während seiner Schuljahre im schottischen Gordonstoun und australischen Timbertop entwickelten sich jene Seiten des Prinzen, die so oft als exzentrisch verschrien werden. Hier entdeckte er seine Liebe zur unberührten Natur, in die er sich immer wieder zum Meditieren und zur Entspannung zurückzieht. Während seiner Studienjahre gehörte der Naturphilosoph Laurens van der Post zu seinen geistigen Ziehvätern, und Charles verschlang die Werke des Amerikaners E.F. Schumacher. Dessen Theorie „Small is Beautiful” machte Charles ebenso zum Maßstab seiner Entwicklungshilfeprojekte wie zu den von ihm geförderten Plänen von menschlichen Wohnsiedlungen in Devon und Cornwall.
Er verbrachte Wochen im australischen Busch und in der kanadischen Tundra und taucht häufig in schottischen Fischerhütten und englischen Bauernhöfen unter, wo er beim Melken und Ausmisten der Ställe hilft. Seine Theorien von organischer Landwirtschaft hat Charles mittlerweile erfolgreich in seinem Landgut Highgrove mit florierendem Versandhandel in Gloucestershire verwirklicht. Er veröffentlichte darüber ein Buch, das ebenso ein Bestseller wurde wie seine Betrachtungen über Glanz und Elend der modernen Architektur in Großbritannien.
Nicht nur die Architektenverbände fürchten Charles als Festredner. Wenn er Umweltschutzkongresse eröffnete, fielen die anwesenden Minister ihrer Majestät oft genug in tiefe Verlegenheit. So kritisierte Charles die britische Verschmutzung der Nordsee und den Export von „Saurem Regen” durch die veralteten Kohlekraftwerke des Inselreiches. Auch in der Frage von Katalysatoren und der Aufforstung durch Monokulturen stand er im krassen Gegensatz zur Regierungspolitik von Margaret Thatcher. Er vermasselte Tony Blair den Plan, das Königreich zum europäischen Pionier genmanipulierter Landwirtschaft zu machen, indem er in Zeitungsbeiträgen die Kampagne der Gegner von „Frankenstein Food“ unterstützte.
Mit seinem Rundfunkvortrag entfachte Charles 2000 eine leidenschaftliche Debatte über die Grenzen der Wissenschaft, die immer noch anhält. Er warnte vor den „katastrophalen Folgen” ungezähmter wissenschaftlicher Forschung für Natur und Umwelt. Die Kritik des britischen Thronfolgers richtete sich dabei vor allem gegen die moderne Genforschung, Biotechnologie und ihre Verwertung in der globalisierten Wirtschaft.
Charles forderte zu einem „größeren Respekt für die Genialität natürlicher Baupläne” auf, „die sich in Millionen von Jahren entwickelt haben und ständig rigoros getestet und verbessert wurden. Deshalb soll eine verantwortungsbewusste Wissenschaft sich darauf konzentrieren, zu verstehen, wie die Natur arbeitet und nicht verändern, was die Natur ist. Das ist der Fall, wenn genetische Manipulation versucht, den Prozess biologischer Evolution zu verändern”.
Ursache für diese fatale Entwicklung ist nach Charles' Ansicht eine spirituelle Leere. Es sei notwendig, den Respekt vor der Natur und dem „Verhältnis zwischen Gott, dem Menschen und der Schöpfung” wieder zu gewinnen. erklärte der Prinz. Das Gleichgewicht zwischen „instinktiver Weisheit und den rationalen Einsichten der Wissenschaft” müsse wieder geschaffen werden.
Während die Umweltschutzorganisationen seine Thesen begrüßten, stießen sie bei vielen Wissenschaftlern auf Widerspruch. „Weit davon entfernt, spirituelle Werte zu missachten, ist der wissenschaftliche Rationalismus die Krönung des menschlichen Geistes”, erklärte der weltberühmte britische Zoologe Richard Dawkins. Besonders scharf kritisierte Julian Morris vom wirtschaftlichen Forschungsinstitut den Prinzen: „Er greift allen Fortschritt der letzten 100 000 Jahre an. Denkt er wirklich, dass wir wieder zum Spielball der Natur werden sollen?”
Auch die britischen Architekten, die nach Charles' Ansicht „London schlimmer verwüsteten, als die deutsche Luftwaffe“ schlagen jetzt zurück. In einem scharfen öffentlichen Brief protestieren unter anderem Norman Foster, Zaha Hadid und Frank Gehry, dass der Prinz seine Position ausnutze, um das von Richard Rogers geplante Glas und Stahlprojekt „Chelsea Barracks” in London zu torpedieren. Der Kronprinz reagiert auf solche Anfeindungen mit der augenzwinkernden Anspielung auf ein altes Gerücht: „Ich spreche jetzt noch viel lieber mit Blumen, weil diese nicht so rüde antworten.”
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