Mach' dich auf den Weg!
06.05.2009 | 18:58 Uhr 2009-05-06T18:58:00+0200
Das ist die Botschaft von Felix Bernhard. Ein Pilger, der im Rollstuhl auf dem Jakobsweg unterwegs ist.
Die Bedienung in dem verwinkelten Cafe´ stützt die Hand in die Hüfte, schüttelt den Kopf. Nein, das wird nicht gehen. Doch. Nein. Die Treppe sei zu schmal, sie hätten schon einmal einen solchen „Fall” gehabt, sagt die junge Kellnerin. Felix Bernhard lächelt, fragt, ob ein männlicher Kollege im Haus ist und bittet höflich darum, dass er ihm die Stufen zur Herrentoilette hoch hilft. Der Chef des Hauses kommt, packt an. Schau an, liebe Kellnerin, Felix Bernhard kommt die Stufen hoch. Die Treppe ist schmal, sein Rollstuhl ist schmal, er ist schmal. Alles passt. Er hat's ihnen gezeigt. Wieder mal.
Nein. Diese vier Buchstaben hört er so oft, so oft. Er selbst benutzt sie eher selten. Weil er weiß, was alles möglich ist, seitdem er den Jakobsweg gegangen ist.
„Wenn mein Arm kaputt ist, was passiert dann?”
Ja, gegangen. Auch wenn er eigentlich rollt, weil er seit seinem 19. Lebensjahr nicht mehr gehen kann. Es war der 24. Mai 1993, als Felix Bernhard zwischen den Leitplanken aufwacht und seine Beine nicht mehr spürt. Was geschehen ist, weiß er bis heute nicht. Nur, dass er mit seiner Kawasaki auf der Autobahn unterwegs war, Berlin hinter sich ließ, ostwärts Richtung Polen steuerte und Freiheit spüren wollte.
Aber er erinnert sich an etwas anderes. An endlose Stille, die ihn umhüllt, an das Rauschen des Windes, an Grillen, die zirpen. An die Sehnsucht und an die Freiheit. Schön, dass er sich erinnern kann. Denn gerade darum ging es, als er sich auf den Weg machte.
„Ich wollte ein intensives Erleben”, sagt Felix Bernhard. Auf einer ganz normalen Urlaubsreise ist das nicht möglich, meint er. Drei Wochen lang hatte er einen Freund in Australien besucht, viel gesehen, viel erlebt. Nur: Nach kurzer Zeit ist die Erinnerung an die Reise verblasst. Schade drum. Ein ganz anderes Gefühl hingegen ist es, tagelang unterwegs zu sein, jede Nacht in einem anderen Bett zu schlafen. Manchmal allein, manchmal nicht. Felix Bernhard wurde zum Pilger. „Viele haben mir abgeraten. Wenn ich gefragt habe „Kann ich das?” kam die Antwort: Nee.” Sein Leben sei schon schwer genug, warum noch schwerer machen? Die Antwort erhielt der Frankfurter erst nach der Pilgerreise. Er macht sich das Leben nicht schwerer, im Gegenteil. Das Pilgern hilft ihm dabei, den Kopf frei zu machen. „Der Pilgerweg ist eigentlich nichts anderes als der eigene Lebensweg. Mal ist man unglaublich glücklich, mal empfindet man Trauer, Wut, Freude, Schmerzen, Kraft. Deswegen ist der Weg immer anders.”
Dreimal ist Felix Bernhard bereits den Jakobsweg gegangen, dreimal hat er etwas anderes gefunden. „Es gibt Leute, die finden nur das, was sie suchen.” Doch der Weg kann mehr geben, meint der Frankfurter. Die Motivation ist ausschlaggebend. „Ich wollte unterwegs sein.”
Manchmal war das nicht einfach. Manchmal muss man zusehen, wie man scheitert. „Aber man muss sich das Scheitern zugestehen. Und man muss täglich bereit sein, an sich zu arbeiten.” Auch er ist gescheitert, ist aus dem Rollstuhl gefallen, hat ein Etappenziel nicht erreicht. Na und? Es geht weiter. „Wenn man bereit ist, die Kontrolle abzugeben, wenn man sagt: Okay, hier geht's nicht weiter. Dann passiert etwas ganz Tolles.”
Natürlich hatte Felix Bernhard auch Ängste. Davor, dass es dunkel wird, dass er nicht schnell genug in eine Herberge kommt, dass er fällt, dass er ausrutscht. „Ich hatte die größte Angst vor einem Bruch. Wenn mein Arm kaputt ist, was passiert dann? Dann ist es mit meiner Selbstständigkeit vorbei.” Aber, fügt er lächelnd hinzu: „Manchmal muss man auch Glück haben.”
Felix Bernhard glaubt. Zwar ist er ist aus der Kirche ausgetreten, „trotzdem bin ich Christ”, sagt er.
Er glaubt an Gott und er vertraut auf Gott. „Es gibt diese lenkende Hand.” Das hat er auf seinen Pilgerreisen selbst gespürt. Wenn es mal wieder nicht weiterging und plötzlich ein Lastwagen hält. Wenn es tagelang in Strömen regnete und plötzlich aufhörte. „Ich würde es nicht glauben, wenn ich es selbst nicht erlebt hätte”, sagt er. Zig Mal hat man das schon gelesen oder gehört von Pilgern und von solchen, die meinen, Pilger zu sein. Aber Felix Bernhard nimmt man es ab. Da redet kein spiritueller Spinner, kein Träumer, kein Wichtigtuer. Da spricht ein Realist, der zwischen Phantasie und Wirklichkeit unterscheiden kann.
„Es ist ein Symbol. Der Rollstuhl stellt irgendeinen Verlust dar.”
Knapp 2700 Kilometer hat er bereits auf dem Jakobsweg hinter sich gelassen, aber um die Leistung geht es ihm überhaupt nicht. Obwohl er früher Leistungssportler war und gerudert ist, mag er mit dem Gedanken um höher, weiter, schneller nichts anfangen. Vielmehr geht es darum, sich Ziele zu setzen und dafür zu arbeiten. „Ich muss zugeben: Im Rollstuhl ist viel mehr möglich, als ich eigentlich gedacht habe. Klar, der Rollstuhl ist da, ja. Aber er ist integrierbar.” Oft sind es die anderen, die Probleme mit dem Rollstuhl haben. Manchmal ärgert's ihn, manchmal nicht. Er weiß, dass viele Menschen unsicher sind, nicht wissen, wie sie mit ihm umgehen sollen. Dafür hat er Verständnis. „Aber immer muss ich derjenige sein, der einen Schritt auf die Person zumacht”, sagt er. Er fragt, er erklärt, er spricht an. „Das Leben ist nicht schlechter, nicht besser. Es ist anders.” Klar gebe es Tage, an denen es hart ist. Wenn ihn Alltagsprobleme wie dich und mich plagen, wenn Erwartungen nicht erfüllt werden.
So habe jeder Mensch auf seine Weise einen Rollstuhl, meint Felix Bernhard. „Es ist ein Symbol. Der Rollstuhl stellt irgendeinen Verlust dar.” Den Tod eines Freundes, die Kündigung und, und, und. Jeder Mensch muss auf seine Weise lernen, mit dem Verlust umzugehen und zu fragen: Was ist in dieser Situation möglich?
Genau hier hilft ihm der Jakobsweg. Der Weg hat ihm Freiheit gegeben, hat ihm gezeigt: Wenn das möglich ist, was ist dann noch alles möglich? Das, so meint Felix Bernhard, ist nicht nur für Felix Bernhard möglich. „Man muss sich einfach nur auf den Weg machen. Aufbruch ist möglich.”
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