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Interview

„Ich empfinde keine Schadenfreude”

07.03.2008 | 17:30 Uhr
„Ich empfinde keine Schadenfreude”

Berlin. Oskar Lafontaine über Kurt Becks Fehler und die der hessischen SPD, Krafts Lernerfolge, Afghanistan und den Vorwurf ein Populist zu sein.

Ein Populist? Der Vorwurf trifft einen Oskar Lafontaine nicht. Politik heißt für den Chef der Linkspartei, mit den Bürgern ins Gespräch zu kommen. Er vertritt nach seinem Selbstverständnis die Mehrheit gegen Hartz-IV, Rentenkürzungen und Einsätze der Bundeswehr im Ausland. Über einen EU-Beitritt der Türkei würde Lafontaine, selbstredend, die Bürger entscheiden lassen. Die NRZ sprach mit Lafontaine im Reichstag.

NRZ: Herr Lafontaine, ist SPD-Chef Kurt Beck erledigt?

Lafontaine: Er hat eine richtige Entscheidung getroffen. Seine Strategie, die Linke im Osten zu akzeptieren und im Westen zu schneiden, ist fehlgeschlagen. Beck hat diesen Fehler korrigiert. Dass die SPD in Hessen sich als unfähig erweist, die parlamentarische Mehrheit zur Ablösung von Roland Koch zu nutzen, ist ein Armutszeignis

NRZ: Wie groß wäre die Basis für eine linke Mehrheit?

Lafontaine: In Hessen ist die inhaltliche Übereinstimmung groß. Ich nenne mal die bekanntesten Forderungen: Längeres gemeinsames Lernen in den Schulen, gebührenfreies Studium, keine Privatisierung, sichere Jobs im öffentlichen Dienst, Vergabe von Aufträgen nur an Unternehmen, die Mindestlöhne zahlen, Rückkehr in die Tarifgemeinschaft der Länder. All diese Wahlversprechen kann die SPD weder mit der CDU noch mit der FDP einlösen. Sie ist nun endgültig in die selbst gegrabene Grube gefallen. Den Schaden haben die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die Studierenden, Schülerinnen und Schüler. Mehr soziale Gerechtigkeit in Hessen scheitert so leider an der SPD.

NRZ: Kommen Sie mit Kurt Beck ins Gespräch?

Lafontaine: Bisher herrscht Funkstille. Wenn Kurt Beck Gesprächsbedarf hat, wird er sich melden.

NRZ: Man liest und hört aus Ihrer Partei Unmut darüber, dass Sie eine radikale Feindschaft zur SPD aufbauen. Empfinden Sie Schadenfreude?

Lafontaine: Wir wollen die Politik verändern. Ich baue keine Feindschaft zur SPD auf und empfinde keine Schadenfreude. Aber die SPD muss ihre Probleme - Wahlniederlagen, Mitgliederschwund - selbst lösen.

NRZ: Soll das heißen, die SPD ist eine Partei wie jede andere?

Lafontaine: Ich weiß, wo ich herkomme. Aber die Trennung liegt neun Jahre zurück. Der Schnitt war mein Rücktritt 1999. Die neue Linke sorgt wieder für mehr soziale Gerechtigkeit. Dafür engagiere ich mich.

NRZ: Sind sie Teil der Lösung oder Teil des Problems, eine linke Mehrheit zu schmieden?

Lafontaine: Nach allgemeiner Auffassung verändert Die Linke die deutsche Politik und die Programme der anderen Parteien bis hin zur CDU. Nur Die Linke vertritt bei Rente, Hartz IV, Mindestlohn und Auslandseinsätzen der Bundeswehr die linke Mehrheit der Wählerinnen und Wähler.

NRZ: Welche Rolle spielt NRW in Ihren Plänen?

Lafontaine: NRW ist ein wichtiges Land. Ich habe mit Interesse beobachtet, dass die SPD-Vorsitzende Hannelore Kraft das Selbstverständliche ausspricht, nämlich, dass man nach Wahlen über Koalitionen redet und das auf der Grundlage von Programmen. Das ist die richtige Herangehensweise.

NRZ: Die Linke gibt Mitgliedern der DKP einen Platz auf ihren Listen. Belastet das nicht eine Zusammenarbeit?

Lafontaine: Für Bundestag und Landtage werden künftig auf unseren Listen nur Mitglieder der Linken oder Parteilose kandidieren. Im Übrigen ist das eine Diskussion der Vergangenheit. Die SPD kennt diese Diskussion. Sie hatte mit Herbert Wehner und Ernst Reuter Politiker, die bei der kommunistischen Partei gewesen waren. Die Grünen kennen das auch. Viele ihrer Spitzenpolitiker kommt aus dem Kommunistischen Bund. Wir haben eine ehemalige FDJ-Funktionärin als Kanzlerin.

NRZ: Um Neues zu wagen, braucht man Leute wie Wehner. Wer macht Ihnen in der SPD Hoffnung?

Lafontaine: Ich glaube, dass die SPD sich in einem Klärungsprozess befindet. Ein Teil der SPD-Führung hält am Sozialabbau und an völkerrechtswidrigen Kriegen fest. Die Mehrheit der SPD-Mitglieder hält diese Politik für falsch.

NRZ: Aus der Linkspartei, zum Beispiel aus Sachsen-Anhalt, kommt der Ruf nach einer Vergangenheitsbewältigung. Haben Sie ein Ohr dafür?

Lafontaine: Die ehemalige PDS hat seit 1989 intensiv Vergangenheitsbewältigung betrieben. CDU und FDP haben je zwei SED-Blockparteien geschluckt und arbeiten diese Vergangenheit nicht auf. Im Übrigen haben Gewerkschafter und frühere SPD-Mitglieder keinen Anlass, sich in besonderer Weise mit dem Stalinismus auseinanderzusetzen.

NRZ: Zur Außenpolitik. Sie wollen die Bundeswehr aus Afghanistan abziehen. Und das Land ins Chaos entlassen.

Lafontaine: Die jetzige Politik führt ins Chaos. Die Anschläge nehmen zu. Allein im letzten Jahr kamen über 6000 Menschen ums Leben. Wir müssen zur Entwicklungszusammenarbeit zurückkehren.

NRZ: Ist Afghanistan stabil genug oder würden nicht die Taliban zurückkehren?

Lafontaine: Das ist die Kriegslogik, die nicht weiterführt. Wir lernen wieder in Afghanistan: Mit Bomben schafft man keinen Frieden. Die, die jetzt regieren, sind „Warlords” und Drogenbarone. Auch Kurt Beck hat richtigerweise erkannt, dass man, wenn man Frieden will, auch mit den gemäßigten Taliban ins Gespräch kommen muss.

NRZ: Was hieße es für die Nato, wenn Deutschland ausschert?

Lafontaine: Die Frage ist doch eher, welche Rolle wir in der Nato spielen. Wir müssen darauf dringen, dass die Nato das Völkerrecht beachtet. Das macht sie unter Führung der USA schon lange nicht mehr.

NRZ: Ein Kanzler Lafontaine würde die Soldaten einseitig abziehen?

Lafontaine: Ich zitiere Helmut Schmidt: Wir haben in Afghanistan nichts verloren.

NRZ: Ist es schmeichelhaft oder beleidigend, Sie einen Populisten zu nennen?

Lafontaine: Das ist das hilflose Gerede der politischen Gegner. Alle versuchen doch, die Wählerinnen und Wähler zu überzeugen. Politik heißt, mit der Bevölkerung im Gespräch sein. Wer wie CDU/CSU und SPD fast immer gegen die Mehrheit entscheidet, schadet der Demokratie. Deswegen gehen immer weniger Leute zur Wahl.

NRZ: Die Mehrheit der Bürger will die Türkei nicht in der EU haben. Was folgt daraus?

Lafontaine: Wir müssen mehr Demokratie wagen. Wie bei der EU-Verfassung, so muss auch bei der Aufnahme neuer Mitglieder die Bevölkerung entscheiden. Im Beitrittsland und in der Europäischen Gemeinschaft.

NRZ: Wäre es besser, über die EU-Verfassung das Volk entscheiden zu lassen?

Lafontaine: Ja, man schadet der europäischen Idee, wenn man über die Köpfe der Menschen hinweg entscheidet. 

NRZ: Mit der Einstellung hätte Willy Brandt besser die Entspannungspolitik sein gelassen. Muss Politik nicht auch vorangehen?

Lafontaine: Ja, aber Brandt gewann für seine Ost-Politik die Mehrheit der Bevölkerung. Die europäische Integration kann nicht gelingen, wenn die große Mehrheit der Bürger moniert, dass sie unbeteiligt bleibt.

NRZ: Sie wollen die Rente zum Wahlkampf-Thema machen. Haben Sie überhaupt ein Konzept?

Lafontaine: Wir sind wie die Gewerkschaften für eine Erwerbstätigenversicherung. Wir beziehen mehr Arbeitnehmer ein und nehmen die Dämpfungsfaktoren zurück.

NRZ: Im Klartext: Die Reformen.

Lafontaine: ...Ich nenne sie Sozialabbau. Der großkoalitionäre Rentenmurks führt zu Armutsrenten.

NRZ: Wohin führt Ihr Konzept, zu höheren Beiträgen?

Lafontaine: Zu höheren Beiträgen für Arbeitgeber, aber zu niedrigeren Beiträgen für Arbeitnehmer.

Rüdiger Oppers, Miguel Sanches

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Kommentare
08.03.2008
20:13
„Ich empfinde keine Schadenfreude”
von H:P | #35

Was waren den Schröder, Clement und Müntefering? Die haben sich von Kriminellen ( Hartz ) beraten lassen und sich dann Elegant aus dem Staub gemacht. Vorher aber noch das Bett für sich gerichtet damit es Ihnen auch gut geht. Unser System ist reif für Oscar und Gysi, denn schlimmer kann es nicht mehr kommen. Größte Kinderarmut der Nachkriegszeit, beschönte Arbeitslosenzahlen durch herausnahme der 1 € Jobber, herausnahme durch die 58 Regelung oder der ABM Maßnahmen. Es gibt Menschen die arbeiten und können nicht davon Leben, es reicht jetzt.

08.03.2008
19:31
„Ich empfinde keine Schadenfreude”
von Menzel (vor Scharping SPD-Mitglied) | #34

Oscar for President? Also wirklich! Damit dieser machtgeile Possenreisser gleich anschließend seinen Rücktritt erklärt und sich eine neue Spielwiese sucht? So marode ist unser System denn noch noch nicht, daß jemand wie der so hoch hinaus darf!

08.03.2008
19:22
„Ich empfinde keine Schadenfreude”
von ora et labora | #33

So ein offenes Forum st schon faszinierend. Da kann jeder , aber auch jeder Dummkopf seine Meinung sagen.
Es gibt doch tatsächlich eine Menge Menschen , die den Rattenfängern Lafontaine und Gysi auf den Leim gehen. Wenn die Politikverdrossenheit sich weiter links radikalisiert ,dauert es nicht mehr lange, biss auch der rechte Dreck wieder hochkommt.
Lösungsvorschlag: vernünftige, erfolgreiche Politik durch die Mitte von grün über schwarz und rot nach gelb und vor allem: Vermittlung einer richtigen und erfolgreichen Politik an die Wähler. Wenn das nicht gelingt, dann gute Nacht Deutschland.

08.03.2008
19:12
„Ich empfinde keine Schadenfreude”
von Anna 71 Jahre | #32

Oskar Lavontaine war seit Jahzehnten einer der fähigsten und weitsichtigsten Politiker der letzten Jahrzehnte ! Endlich haben wir mit der Linkspartei wieder eine Volkspartei die die Interessen des Normalbürgers vertritt !

08.03.2008
19:06
„Ich empfinde keine Schadenfreude”
von Marianne aus Cochem | #31

Mut zu Neuem !
Die Linke als stärkte Volkspartei und Oskar als Kanzler !
Endlich wieder Hoffnung für den Normalbürger !

08.03.2008
18:52
„Ich empfinde keine Schadenfreude”
von Heinz | #30

Oskar die Schlafmützen werden dir eines Tages dankbar sein weil sie bald unter dieser Regierung bald nichts mehr zu fressen haben

08.03.2008
13:58
„Ich empfinde keine Schadenfreude”
von Pit01 | #29

Oh je Oskar, keine Schadenfreude? Schon wieder ein Lüge.

08.03.2008
13:44
„Ich empfinde keine Schadenfreude”
von Klausl | #28

Oskar ist vielen unbequem, aber er hat oftmals recht: Reiche immer reicher, die Mittelschicht auf dem Weg nach unten, die Unterschicht, Rentner und Schwachen wurden fallen gelassen. Wer das schrittweise verändern will, ist natürlich für die Oberen, Banker und Wirtschaftsbosse unbequem. Vielleicht versuchen es die Reichen einmal mit einem Preisstopp für die Schwachen. Das wäre schon etwas.

08.03.2008
13:22
„Ich empfinde keine Schadenfreude”
von Remhagen | #27

Ja Leute, wählt Die Linke. Das ist die Einzige Partei für das Volk !!

08.03.2008
12:02
„Ich empfinde keine Schadenfreude”
von Vollstrecker | #26

Also für mich klingt vieles was Lafontaine und Gysi so von sich geben als sehr schlüssig im gegensatz zur Dummschwätzerei von anderen Politikern.Frage: Wer hat denn diesen irrsinnigen Schuldenberg angehäuft? Wer hat die Rentenkassen geplündert - habe meine Rentenínformationen der letzten Jahre vorliegen,wird immer weniger bei immer höheren Beiträgen!! - Wer hat das Schulsystem herutergewirtschaftet......u.s.w. ????

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