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60. Jahrestag

Die Partei kontrolliert Chinas Geschichtsbild

01.10.2009 | 13:30 Uhr
Die Partei kontrolliert Chinas Geschichtsbild

Peking. Heute vor 60 Jahren wurde die Volksrepublik China gegründet. Doch die Geschichte des Landes wird nicht erzählt, sie wird gemacht. Die Kommunistische Partei hat die Geschichtsschreibung fest im Griff.

Der Palast der Nationalitäten im Westen Pekings: In den Ausstellunghallen drängen sich Besucher und betrachten Bilder von glücklichen Tibetern, Uiguren und Mongolen. „60 Jahre sozialer Fortschritt in Chinas Minderheitenregionen“ ist das Thema. Von den Autonomieforderungen in Tibet oder Xinjiang ist nicht die Rede. Junge Frauen in bunten Trachten führen durch die Schau.

Ein Soldat vor dem Porträt von Mao Zedong, dem Gründer der Volksrepublik. Foto: Getty

„60 glorreiche Jahre“, heißt eine andere Schau, diesmal auf dem Messegelände Pekings. Auch hier liegt der Schwerpunkt auf Harmonie und Fortschritt. All diese Ausstellungen sind Teil eines gewaltigen Veranstaltungsreigens in China zum 60. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik am 1. Oktober.

Sie haben nur einen Fehler, sagt der kritische Publizist Li Datong, sie zeigen nicht die Wahrheit. „Die offizielle Geschichtsschreibung Chinas bestehe nur aus Lügen“, schimpft er. „Nicht eine einzige historische Darstellung ist wahrhaftig.“

Vorrang hat das Bild gesellschaftlicher Harmonie

Geschichtsschreibung ist in China immer noch eine hochpolitische Angelegenheit. Was nicht in das Bild der gesellschaftlichen Harmonie passt, wird meist verschwiegen oder kleingeredet – in den Ausstellungen wie auch in den Geschichtsbüchern. Zum Beispiel die blutige Niederschlagung der Demokratiebewegung 1989. Die zehn Jahre der Kulturrevolution (1966-76) werden – wenn überhaupt - meist nur am Rande erwähnt.

Dasselbe gilt für den „Großen Sprung nach vorn“, der China Ende der 50er Jahre in eine katastrophale Hungersnot stürzte. Über 30 Millionen Menschen kamen damals ums Lebens. Bis heute sucht man in chinesischen Geschichtsbüchern vergebens nach der Zahl der Todesopfer.

Eine ganze Reihe von Institutionen sorgen in China dafür, dass abweichende Geschichtsinterpretationen nicht gehört werden. Das zentrale Forschungszentrum für Parteigeschichte beispielsweise untersteht direkt dem Zentralkomitee der KP. Daneben gibt es die Dokumentenabteilung, die bestimmt, welche historischen Unterlagen eingesehen werden dürfen – und welche nicht. Eine Kommission im Bildungsministerium kontrolliert die Geschichtsbücher für die Schulen. Die zentrale Zensurbehörde GAPP (General Administration for Press and Publication) überwacht alle anderen Veröffentlichungen.

Dabei mache die GAPP-Behörde schon lange keine konkreten Vorgaben mehr, sagt Professor Xiao Yanzhong vom Marxismus-Institut an der Volksuniversität Peking. Als Historiker wisse man, welche Themen tabu sind, zum Beispiel die Kulturrevolution. „Darüber schreibt man einfach nicht“, so Xiao.

"Geschichte wird bei uns gemacht"

Militärparade zum 60. Jahrestag der Volksrepublik. Foto: ap

Die selektive Geschichtsschreibung treibt kuriose Blüten – vor allem im Umgang mit Staatsgründer Mao Zedong. So hat beispielsweise die Volkszeitung auf ihrer Internetseite Meilensteine der letzten 60 Jahre aufgelistet. Da kommt zwar die so genannte „friedliche Befreiung Tibets“ im Jahre 1951 vor. Aber alle innenpolitischen Ereignisse bis zwei Jahre nach Maos Tod im Jahre 1976 werden einfach ignoriert. Mit Geschichtsschreibung hat das nichts zu tun, sagt Professor Xiao. „Geschichte wird bei uns nicht erzählt, sondern gemacht“, wettert er.

Gerade zum 60. Jahrestag der Volksrepublik wird das Volk auf Kurse gebracht. Nur wenige Wochen vor dem 1. Oktober lief im ganzen Land der Propagandafilm „Gründung einer Republik“ an. Das bombastische Zweistundendrama portraitiert die KP als Retter des chinesischen Volkes und Mao Zedong als lupenreinen Demokraten. Denn nach dem Sieg über die Nationalisten holte er schließlich alle Parteien an einen Tisch.

Der Streifen, in dem jede Menge chinesischer Filmstars auftreten, endet mit der Ausrufung der Volksrepublik am 1. Oktober 1949. Was danach mit Kritikern der KP passierte, bleibt wie immer unerwähnt. Der Film zeige einmal mehr, wie die Geschichte in China instrumentalisiert wird, sagen die Kritiker.

Maos Rolle als Staatsgründer wird idealisiert, seine Verbrechen verschwiegen. Denn an Mao zu rütteln, hieße den Alleinvertretungsanspruch der KP in Frage zun stellen. Vom Großen Vorsitzenden kommt die Partei daher nicht los. „Sie können ihn nicht über Bord werfen - ob sie wollen oder nicht“, ist sich Li Datong sicher.

Zusätzlicher Unterricht in Patriotismus

Kritische Diskussionen über die Geschichte finden, wenn überhaupt, nur in kleinen Expertenkreisen statt. An den Hochschulen könne man relativ offen seine Meinung sagen, so Professor Xiao. Dennoch müsse man auch dort aufpassen, was man zu wem sagt. Und: den Alleinvertretungsanspruch der Partei darf man auch in Akademia nicht in Frage stellen. Xiao beispielsweise kann nur noch im Ausland publizieren, seitdem er unter Berufung auf Mao die Partei kritisiert hat.

Zum 60. Jahrestag soll das Land mit einer Stimme sprechen, dafür wurde allen Schulen zusätzlicher Unterricht in Patriotismus verordnet. Aber eine Aufarbeitung der Geschichte findet nicht statt. Während das offizielle China am 1. Oktober vor allem sich selbst feiert, fordern kritische Intellektuelle wie Li Datong endlich die große Geschichtsdebatte: „Wir müssen die gesamte Geschichte hervorholen, um Lehren daraus ziehen zu können.“

Aber Li weiß auch, dass seine Forderung wenig Chance hat Gehör zu finden. Denn eine Aufarbeitung der Geschichte „wäre das Ende der Einparteienherrschaft.“

Ruth Kirchner

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Kommentare
02.10.2009
01:57
Die Partei kontrolliert Chinas Geschichtsbild
von Lichtbringer | #3

@ #1:
Ach wirklich? Kritik ohne Strafen? LOL?! Na dann such mal nach Sarrazin!
Hier ist nicht nur Kritik verboten, sondern auch die Wahrheit! Und in Sachen Zensur sind wir bald auch auf dem Stand Chinas!
Also dieses scheiß rumgehake auf China kann ich echt nicht mehr hören! Die Deutschen sollten sich mal nicht wie die Herrenmenschen aufführen - gerade die Deutschen nicht!!

01.10.2009
17:03
Die Partei kontrolliert Chinas Geschichtsbild
von vantast | #2

Die sollen ruhig mal reinschreiben, was für armselige Charaktere die Regierenden in China sind. Ohne Schutz durch Panzer können diese Versager ihre Previlegien vergessen.

01.10.2009
13:53
Die Partei kontrolliert Chinas Geschichtsbild
von ulrich_martin | #1

Worüber wollen wir denn hier meckern?
Passiert doch bei uns in Deutschland auch, nur mit dem Unterschied, daß wir eine wenig mehr Kritik üben dürfen, ohne gleich Strafen zu kassieren.

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