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Interview

"Die Menschen wollen nicht den Märtyrertod sterben"

26.06.2009 | 14:36 Uhr
"Die Menschen wollen nicht den Märtyrertod sterben"

Essen. Auf den Straßen Teherans ist es nach den blutigen Auseinandersetzungen vom vergangenen Wochenende ruhiger geworden, das Regime unterdrückt den Widerstand. Der Publizist Bahman Nirumand (72) glaubt aber nicht an ein Ende der Proteste. Ein Gespräch über die Situation und die Perspektiven.

Es scheint im Iran ruhig geworden zu sein. Ebbt die Protestwelle ab?

Bahman Nirumand: Es ist tatsächlich ruhiger geworden, es sind nicht mehr die Massen auf den Straßen. Das liegt aber schlicht an der massiven Gegengewalt des Regimes. Die Menschen wollen nicht den Märtyrertod sterben. Sie kämpfen für ein freieres, offeneres Leben, sie werden aber nicht die Brust für Gewehrschüsse hinhalten.

Erleben wir also das Ende der Oppositionsbewegung?

Bahman Nirumand (72)

Nirumand: Nein, keinesfalls. Das eigentliche Problem ist nicht ansatzweise gelöst. Der Protest gegen den Wahlausgang hatte ja tiefere Ursachen. Millionen Menschen sind mit den Mächtigen nicht einverstanden. Sie sind mit der wirtschaftlichen Lage unzufrieden, lehnen sich gegen Unfreiheit, Repression und Zensur auf.

Der Widerstand scheint aber vor allem aus den sozial besser gestellten und gebildeten Schichten zu kommen.

Nirumand: Ja, derzeit hat sich vor allem die iranische Zivilgesellschaft zu Wort gemeldet. Das Regime hat noch eine Basis bei den ärmeren Schichten in den Städten und in der Provinz. Es ist noch keine Militärdiktatur, die völlig isoliert vom Volk ist. Auf der Straße sind zurzeit Studenten, Akademiker, Mittelständler. Aber es ist nicht möglich, dass ein Regime gegen seine Eliten regiert. Deswegen wird die aktuelle Ruhe nur vorübergehend sein.

Sie sagen, das Regime sei noch keine Militärdiktatur. Sie sehen es aber auf dem Weg dorthin?

Nirumand: Absolut. Eigentlich ist es eine völlig absurde Vorstellung, dass aus der islamischen Republik eine Militärdiktatur wird. Aber Ahmadinedschad hat die Revolutionsgarden in den vergangenen Jahren mit immer mehr Macht ausgestattet. Auch wirtschaftlicher, die Garden profitieren enorm vom Ölgeschäft und dem Schwarzmarkt. Dadurch verliert der Gottesstaat an Legitimation. Das kann nicht gut gehen.

Inwiefern?

Zur Person
Bahman Nirumand

Iranischer Schrifsteller und Publizist

Bahman Nirumand wurde 1936 in Teheran geboren, studierte in Deutschland Germanistik und Iranistik. Nach seinem Studium kehrte er in den Iran zurück und lehrte an der Universität in Teheran. 1965 floh er vor dem  Schah-Regime. Kurz vor der iranischen Revolution kehrte er 1979 wieder in seine Heimat zurück, um drei Jahre später wieder ins Exil zu gehen. Er lebt in Berlin und setzt sich als Schriftsteller und Publizist für die Freiheit in seinem Land ein. 

Nirumand: Man sieht ja, dass nicht nur durch das Volk ein Riss geht. Es geht auch ein Riss durch das Establishment. Mussawi, Rafsandschani oder Karrubi sind gestandene Männer des Gottesstaates. Auch viele Kleriker scheinen durch die Entwicklung aufgeschreckt zu sein und wenden sich gegen das Regime.

Mussawi mag derzeit ein Idol der Massen sein. Jetzt setzt er aber auf einen Dialog mit dem Regime. Kann er die Erwartungen des Widerstands erfüllen?

Nirumand: Mussawi hat sich erst nach und nach radikalisiert, durch den Druck der Leute, die für ihn Wahlkampf gemacht haben. Er wird aber sich nicht zum Che Guevara des Irans und zum Revolutionär. Ganz sicher wird er aber nicht mit Ahmadinedschad oder Chamenei reden. Eher mit Kreisen aus dem Regime, die auf bereits auf Distanz zu den beiden gegangen sind. Es stellt sich für mich nur die Frage, was bei diesen Gesprächen herauskommen könnte. Zwischen Annullierung der Wahl und ihrer Anerkennung gibt es keine Zwischenlösung. Klar ist aber: Gibt es jetzt keine Lösung, werden sich die Forderungen des Widerstands radikalisieren. Dann wohl ohne Mussawi.

Für den Westen ist die erschossene Studentin Neda das Gesicht des iranischen Widerstands. Welche Rolle spielt sie im Iran?

Nirumand: Sie wird im Iran erst allmählich zu einer Ikone. Das war anfangs überhaupt nicht so und passiert jetzt, weil sie im Westen eben diese Ikone ist. Das hat zurückgewirkt. Gefährlich werden kann sie dem Regime aber auf jeden Fall, wenn sie zu einem Mythos wird. Deshalb behauptet das Regime auch, dass es sie nie gegeben habe.

Glauben Sie noch daran, dass Neda nicht umsonst gestorben ist und an den Wandel im Iran?

Nirumand: Ganz sicher. Man kann jetzt nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, nach allem was geschehen ist. Es sind zu viele Tabus gebrochen, zu viele klare Forderungen gestellt worden. Ahmadinedschad wird sicherlich nicht die nächsten vier Jahre regieren.

(Die Fotos zeigen Demonstranten in Los Angeles, Afp)

Jan Jessen

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Kommentare
27.06.2009
06:31
Blockierter Kommentar.
von | #3

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

26.06.2009
19:08
Blockierter Kommentar.
von | #2

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

26.06.2009
18:25
Die Menschen wollen nicht den Märtyrertod sterben
von udo123454321 | #1

Beschämend, wie viele Menschen im Westen reagieren.

Human Rights Watsch bezeichnet es als Menschenrechtsverletzung, wenn eine Lehrerin in Deutschland kein Kopftuch tragen darf.
Im Iran werden Menschen abgeschlachtet. Reaktion?
Was ist mit unseren linken Qualitätsmedien, die immer dann, wenn eine Kopftuchträgerin schief angesehen wird, sofort eine Kampagne gegen Ausländerfeindlichkeit und Rassismus starten?
Wo sind die *********** und Islamversteher?
Keine Solidaritätskundgebung, keine Demos?
Wo ist Trittin? Warum fliegt er nicht in den Iran um die Menschenrechte zu kontrollieren?

Schön währe es, wenn einige Menschen aufwachen würden, aber ich befürcht, die schlafen nur und erzählen in ein paar Wochen den gleichen Mist wie immer vom friedlichen und toleranten Islam.

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