Auch NRW hat ein Atommüll-Problem
19.07.2009 | 18:57 Uhr 2009-07-19T18:57:00+0200Forschungsreaktor Jülich wartet auf seine Demontage. Kostenpunkt: mindestens 500 Millionen Euro
Berlin. Vor über 20 Jahren spalteten Physiker in Jülich das letzte Atom. Seither ist es still geworden um den Kern des Problems: ein extrem strahlender Forschungsreaktor, dessen endgültige Entsorgung bis heute nicht erledigt ist. Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD), ausgelöst durch den Störfall im Werk Krümmel seit Wochen leidenschaftlich auf dem Anti-Atom-Wahlkampf-Pfad, hat sich des Themas erinnert, um der Öffentlichkeit vor Augen zu führen, welche Kosten mit der Beseitigung selbst kleinerer nuklearer Hinterlassenschaften verbunden sind. Mit im Visier Gabriels: die Atomaufsicht in NRW.
Denn in Jülich, so bestätigten Fachleute des Umweltministeriums gestern auf NRZ-Anfrage einen „Spiegel”-Bericht, wartet auf die Entsorger der bundeseigenen Energiewerke Nord (EWN) „eine der schwierigsten Aufgaben, die wir je hatten”. Sie müssen sich darauf einstellen, unter hoher Strahlenbelastung radioaktiven Staub und extrem verseuchte Maschinenteile aus dem verwinkelten Atommeiler herauszuholen.
Aber nicht nur das: Der Reaktorkern wird in Jülich zurückbleiben - sozusagen als strahlendes Andenken. Mit Spezialkränen, so der Plan, wird das 2000 Tonnen schwere Gebilde quasi aus dem 50 Meter hohen Gebäude geschnitten und danach auf dem Gelände der Einrichtung strahlendicht eingemauert. Erst in 50, 60 Jahren, so lange muss der Reaktor abklingen, bis er zerlegt werden kann, soll entschieden werden, was mit den Überresten geschieht.
Knapp an Katastrophe vorbei
Lagen die veranschlagten Entsorgungskosten vor 20 Jahren bei 34 Millionen D-Mark, so sprechen Experten inzwischen von „mindestens 500 Millionen Euro”, über die sich der Bund, das Land NRW und die Atomwirtschaft hinter den Kulissen fortgesetzt streiten. Die 15 kommunalen Stadtwerke, die damals in der Arbeitsgemeinschaft Versuchsreaktor (AVR) als Betreiber in Jülich fungierten, sind allenfalls mit Kleingeld vertreten.
Während das für die Länder-Atomaufsicht zuständige Wirtschaftsministerium in Düsseldorf gestern Zweifel an Gabriels Vorstoß hegte, indirekt Wahlkampf-Absichten unterstellte und betonte, dass im Zuge des bis 2012 geplanten Rückbaus alle notwendigen Sicherheitsvorkehrungen unternommen worden seien, streut das Bundesumweltministerium Bedenken.
Hintergrund ist ein Gutachten des Kernenergie-Experten Rainer Moormann, der selbst bis März in Jülich gearbeitet hat. Seinen Angaben nach ist der Reaktor mit viel zu hohen Temperaturen betrieben worden. Im Mai 1978 sei die Anlage, die wegen der 198 dort eingelagerten kugelförmigen Brennelemente auch „Kugelhaufenreaktor”, womöglich nur knapp an einer Katastrophe vorbeigeschlittert. Laut Moormann gab es damals ein Leck im Dampferzeuger, bei dem Kühlwasser in den Reaktorkern eindrang, was nur durch Zufall nicht zu einer Kettenreaktion und einem folgenreichen Riss der Reaktorhülle geführt habe. NRZ
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Dazu gibt es nur einen Kommentar: Atomkraft ist unbeherrschbar - Atomausstieg sofort!
Claudia Baitinger, BUND NRW AK Abfall